Silber und Gold: weltweites Angebot höher als die Nachfrage
München (www.aktiencheck.de) - Mario Draghi sagte auf der EZB-Pressekonferenz in Barcelona Anfang Mai, dass die unternommenen außergewöhnlichen geldpolitischen Maßnahmen einem doppelten Ziel dienten: Einerseits sollen sie das Umfeld am Geldmarkt stabilisieren, andererseits sollen sie die Transmission der gewöhnlichen Geldpolitik verbessern, so die Experten von "BörseGo" in ihrem "Gold- & Rohstoff-Report".
Die EZB, habe Herr Draghi fortgeführt, habe aber trotzdem jederzeit die Möglichkeit, die unternommenen außergewöhnlichen geldpolitischen Maßnahmen jederzeit rückgängig zu machen, um die Preisstabilität zu sichern. Die Experten möchten dieser Aussage in aller Höflichkeit widersprechen.
Die Zentralbanken der Welt hätten ihre Bilanzen seit dem Tiefpunkt der Rezession spürbar vergrößert. Das FED habe seit Oktober 2007 1,8 Billionen USD in den Markt gepumpt, die EZB 1,4 Billionen USD. Die Schweizer Nationalbank habe ihre Bilanz auf 68% des BIPs vergrößert. Dennoch sei die Erholung der OECD-Wirtschaftsleistung seither bestenfalls als blutarm und schwächlich zu bezeichnen. Wie die Privatbankiers vom Lombard Odier berechnet hätten, habe sich die US-Wirtschaft in den drei Jahren seit Ende der Großen Rezession lediglich um annualisiert 2,2% erholt. Das sei der niedrigste Wert seit 60 Jahren. Die Spanne vergangener Erholungen drei Jahre nach dem Tiefpunkt einer Rezession habe zwischen 2,6% und 5,4% betragen, wobei der Mittelwert bei 4,1% liege. Das zeige, wie abhängig die US-Wirtschaft - und ähnliches würde sich für die europäische Konjunktur sagen lassen - von den Liquiditätsspritzen der Notenbanken geworden sei.
Sollte die Inflation tatsächlich anziehen (danach sehe es derzeit nicht aus), so hätten die Zentralbanken in einem solchen Umfeld eben NICHT die Möglichkeit, die außergewöhnlichen geldpolitischen Maßnahmen rückgängig zu machen und die Leitzinsen zu erhöhen, ohne die schwache Konjunktur wieder abzuwürgen. Die Zentralbanken im Westen würden sich aber früher oder später für einen Pfad entscheiden müssen: Entweder würden sie für künstliches Wachstum sorgen und eine höhere Inflation riskieren, oder sie würden die Inflation kontrollieren und niedrigeres Wachstum riskieren.
Silber und Gold würden sich in einer Situation befinden, in der das weltweite Angebot höher sei als die Nachfrage. Dies zeige im Falle von Silber etwa die neueste Siberumfrage des britischen Marktforschungsinstituts GFMS. Obwohl sich das Silberangebot im vergangenen Jahr schneller verringert habe als die industrielle Nachfrage, sei am Ende des Jahres immer noch ein Angebotsüberschuss am Weltmarkt für Silber von 5.000 Tonnen bestehen geblieben, nach 5.700 Tonnen im Jahr 2010. Die Analysten von GFMS würden vermuten, dass das höhere Angebot durch eine wachsende Minenproduktion sowie auch durch einen Anstieg des sekundären Angebots verursacht worden sei, das durch die Wiederaufbereitung von Altsilber erzeugt werde. Die Minenproduktion sei im Jahr 2011 um 1,4% auf 23.700 Tonnen gewachsen. Der Anstieg sei vor allem dadurch ausgelöst worden, dass die Gold- und Zink/BleiProduktion gewachsen sei. Dabei sei als Beiprodukt auch mehr Silber gewonnen worden, was schließlich zu einem Überangebot geführt habe.
Die Motivation für die Produzenten von Silber sei groß: Bei einem Preis von 31 USD hätten sie eine auskömmliche Marge, denn ihre Produktionskosten lägen bei lediglich durchschnittlich 7,25 USD, schätze GFMS. Diese seien zwar im Jahr 2011 - auch dank steigender Lohnforderungen und Energiekosten - um ein Drittel gestiegen. Sie würden aber immer noch auf einem sehr niedrigen Niveau relativ zu den Weltmarktpreisen verharren. Die Nachfrageseite des Silbermarktes habe sich den weiteren Angaben von GFMS zufolge schwächer entwickelt. Zwar habe die Silbermünzennachfrage auf ein neues historisches Hoch klettern können, jedoch hätten sich alle anderen Nachfragesegmente schwächer entwickelt. Das gelte vor allem für die industrielle Nachfrage, heiße es in der Silberumfrage der Briten. Sie habe sich gerade in den letzten Monaten des Jahres 2011 sehr schwach entwickelt und das habe zu einem Rückgang im Gesamtjahr geführt.
Diese fundamentalen Gründe würden dafür sorgen, dass die Preise fallen würden, während Rallyversuche immer wieder in sich zusammenfallen würden. Lediglich ein Anstieg der Investmentnachfrage - oder stärkere Käufe der Zentralbanken - könnten daran kurzfristig etwas ändern. Da die Investmentnachfrage positiv mit der Preisentwicklung korreliert sei - Anleger also besonders dann Gold und Silber kaufen würden, wenn der Preis ansteige, und nicht korrigiere - stelle sich die Frage, was der Auslöser für neues Kaufinteresse der Anleger sein könnte.
Anleger sollten bei dem eng mit dem Goldpreis korrelierten Silber aber das große Bild nicht außer Acht lassen: Wer sich also heute darüber sorge, ob Silber bei 30 USD/Unze oder 21,50 USD/Unze fair bewertet sei, oder Gold bei rund 1.600 USD/Unze teuer oder günstig bewertet sei, sollte wissen, dass es wahrscheinlich zu starken Anstiegen kommen werde, sobald die Märkte beginnen würden zu antizipieren, dass die westlichen Zentralbanken sich für den einen oder anderen Kurs entscheiden würden. Wann dieser Zeitpunkt komme, sei schwer zu sagen. Seien es Monate? Jahre? Die Märkte würden aber frühzeitig antizipieren und reagieren. Am Silbermarkt sei ein Angebotsüberschuss von 5.000 Tonnen (erwarteter Wert 2012) schnell durch eine steigende Investmentnachfrage aufgebraucht und wenn das Silberangebot sich verknappe, würden die Preise schnell zu den Widerständen bei 50 USD/Unze springen.
Wenn der technische Widerstand dort durchstoßen werde, lande man schnell bei 84 USD/Unze oder sogar im dreistelligen Bereich. Gewiss sei: Wer dann nicht investiert sei, werde vermutlich dann auch keinen Einstieg mehr finden. Wer sich der in diesem Artikel geschilderten These anschließe und erwarte, dass sich die westlichen Zentralbanken irgendwann entscheiden müssten, anstatt - wie bisher - durch LTRO oder QE einfach nur Zeit zu gewinnen, werde Silber (und andere Sachwerte und Rohstoffe) unter anderen Gesichtspunkten betrachtet. (Ausgabe 10 vom 16.05.2012) (17.05.2012/ac/a/m)