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08:26 21.02.11

Dem Finanzplatz fehlt Verankerung

Entscheidende Elemente eines wettbewerbsfähigen Finanzplatzes sind in Deutschland und am Finanzplatz Frankfurt aus Sicht der börsennotierten Unternehmen ohne Zweifel vorhanden. Banken bieten ein breites Produktspektrum und Zugang zu internationalen Investoren. Die Deutsche Börse AG ist technologisch und regulatorisch Weltspitze, so dass auf die Qualität des Handels und die Abwicklung von Transaktionen Verlass ist. Auch an gut ausgebildeten Fachkräften mit Finanz-Know-How und an leistungsfähiger Infrastruktur herrscht kein Mangel. Und schließlich ist Deutschland die größte und stabilste Volkswirtschaft Europas. Damit existieren die notwendigen realwirtschaftlichen Voraussetzungen, um im Wettbewerb der Finanzstandorte zu bestehen, wenn nicht gar eine Führungsrolle zu übernehmen.

Unübersehbares Defizit


Im Gegensatz zu dem noch vor 25 Jahren belächelten Provinzialismus hat sich der Finanzplatz prächtig entwickelt und muss den internationalen Vergleich nicht scheuen. Einige Defizite sind jedoch unübersehbar.

 

Am augenfälligsten ist dies im Hinblick auf die Akzeptanz der Aktie als Anlage- und Finanzierungsinstrument. Im Vergleich zu anderen Industrieländern herrscht hierzulande geradezu ein alarmierendes Defizit, das – so lässt sich mit guten Gründen feststellen – auf Dauer nicht ohne negative Folgen für den Markt und seine Akteure bleiben wird.

 

Fortschritte hinfällig


Nach den jüngsten Zahlen, die das Deutsche Aktieninstitut ermittelt hat, verfügen im Jahresdurchschnitt 2010 nur noch rund 8,4 Millionen Deutsche über Aktien oder Anteile an Aktienfonds in ihren Depots. Das sind rund 500.000 weniger als noch vor einem Jahr und rund 4,5 Millionen weniger als zum Höchststand im Jahr 2001. Beinahe alle Fortschritte, die im Hinblick auf die Popularisierung der Aktie als Anlageinstrument in den vergangenen 15 Jahren erzielt worden sind, sind damit wieder hinfällig geworden. Bei den Direktaktionären ist das Bild sogar noch trüber. Aktuell gibt es mit 3,7 Millionen Anlegern sogar weniger als im Jahr 1992. Mit einer Quote von 5,6 Prozent direkten und 12,9 Prozent direkten und indirekten Aktionären kann man Deutschland getrost als Entwicklungsland der Aktienakzeptanz bezeichnen. Andere Industrieländer kommen hier auf einen doppelt bis dreifach so hohen Anteil der Aktionäre an der Bevölkerung.

 

Warum aber ist eine breite Aktienakzeptanz in der Bevölkerung überhaupt wichtig – gerade auch für die Emittenten und den Finanzplatz?

 

Aus vermögenspolitischer Sicht entgehen zunächst einmal denjenigen, die auf die Aktie verzichten, die zusätzlichen Renditechancen, die mit der Aktie verbunden sind. Wenn nach den Angeben der Deutschen Bundesbank nur noch rund sechs Prozent des deutschen Geldvermögens in Aktien liegen und seit 2000 per Saldo 180 Mrd. Euro aus der Aktienanlage abgezogen worden sind, zeugt das von einer äußerst konservativen, für die Effizienz des privaten Vermögensaufbaus geradezu kontraproduktiven Portfoliostruktur. Hiermit fällt es natürlich schwer, die nachlassende Leistungsfähigkeit der Renten- und Sozialsysteme durch private Vorsorge auch mit der Aktie zu kompensieren.

 

Voraussetzung für Wachstum


Die Bereitschaft, in Aktien zu investieren, ist aber auch Voraussetzung dafür, dass Unternehmen Aktionäre finden. Eine tief verwurzelte Aktienakzeptanz schafft Finanzierungsmöglichkeiten für unternehmerische Wagnisse, die wiederum Voraussetzung für Wachstum und Beschäftigung sind. Der Bankkredit oder die Anleiheemission können diese Funktion des Eigenkapitals nicht wirklich ersetzen.

 

Außerdem bedingen sich Aktienakzeptanz der Bevölkerung und Akzeptanz der Aktie als Finanzierungsinstrument gegenseitig: Wo es zunehmend Aktionäre gibt, steigt auch die Bereitschaft, sich mit der Börse als Finanzierungsalternative zu beschäftigen. Wo sie fehlen, wird die Option erst gar nicht mehr ernsthaft geprüft.

 

Es ist damit möglicherweise kein Zufall, dass die Zahl der Börsengänge für ein Land mit der Größe Deutschlands sehr niedrig ausfällt. Trotz eines insgesamt guten Börsenumfeldes wagten im Jahr 2010 gerade einmal fünf deutsche Unternehmen den Sprung in den regulierten Markt bei einem Emissionsvolumen von gut zwei Milliarden Euro. Natürlich ist das Geschäft mit Börsengängen in hohem Maße zyklisch. Dennoch schaffen wir es mit den Börsenneulingen gerade einmal, die Zahl der börsennotierten deutschen Unternehmen in etwa konstant zu halten.

 

Ohne Aktionärsbasis


Durch den Verlust der heimischen Aktionärsbasis fehlt es börsennotierten Unternehmen zudem an natürlichen Ankeraktionären. In Deutschland schlägt dies doppelt negativ zu Buche, weil es praktisch auch keine Pensionsfonds gibt. Wenn nationale Aktionäre fehlen, müssen Unternehmen bei der Suche nach Kapitalgebern auf ausländische Aktionäre ausweichen. Wie der durchschnittliche Auslandsbesitz von über 50 Prozent im DAX eindrucksvoll belegt, sind sie damit auch sehr erfolgreich gewesen.

 

Um nicht missverstanden zu werden: Als Folge der Globalisierung der Kapitalmärkte ist es nur natürlich, dass ein größerer Anteil an Aktien in den Händen ausländischer Kapitalgeber liegt. Auch ist den Unternehmen jeder Kapitalgeber willkommen, der mit seinen Rechten verantwortungsvoll umgeht. Dennoch müssen Emittenten mit den mentalitätsbedingten Unterschieden im Aktionärsverhalten erst einmal zurecht kommen, was die Finanzkommunikation deutlich aufwändiger macht.

 

Für kleinere und mittlere Unternehmen ist ein Mangel an heimischen Aktionären besonders misslich. Die Erfahrung lehrt, dass es sich für internationale Investoren nur selten lohnt, grenzüberschreitend auch die erforderliche Expertise für kleinere Unternehmen aufzubauen. Dazu stehen Anlagevolumina und Kosten der Informationssuche allzu sehr im Missverhältnis zueinander. Die Brücke schlagen könnten hingegen deutsche Investoren, die über eine quasi angeborene Marktkenntnis verfügen und auf mittelständische Unternehmen spezialisiert wären. Aber ohne Privatanleger, die ihrerseits Geld für solche institutionelle Investoren bereit stellen, wird dies auf Dauer schwierig.

 

Hinzu kommt schließlich ein nur schwer zu quantifizierendes Problem fehlender Aktienakzeptanz: Die Aktie ist diejenige Anlageform, die die Funktionsweise der Finanzmärkte für weite Teile der Bevölkerung fühlbar und erfahrbar macht. Sie verleiht den oft komplexen Prozessen der Finanzmärkte und damit dem „Finanzplatz" ein Gesicht. Eine weite Verbreitung der Aktie in den Portfolios der privaten Haushalte schafft gleichzeitig günstige Voraussetzungen für eine gesellschaftliche und auch politische Akzeptanz der Finanzmärkte im allgemeinen. Gerade in Deutschland herrscht hier unzweifelhaft Nachholbedarf.

 

Wir müssen deshalb alle ein Interesse haben, die Aktienakzeptanz der Bevölkerung zu stärken. Dies betrifft aber nicht nur die Finanzmarktteilnehmer – also Banken, Börsen und Emittenten. Aktienakzeptanz muss auch politisch gestaltet werden, indem die Rahmenbedingungen für den langfristig orientierten Anleger attraktiv sind.

 

Stark diskriminiert

 

Leider fehlt es hieran in Deutschland häufig sehr. Bestes Beispiel sind die steuerlichen Rahmenbedingungen, die die Aktie als Anlageinstrument stark diskriminieren. Aktienerträge werden nahezu doppelt so hoch besteuert wie Zinsen auf Fremdkapital, wodurch Anreize für den Vermögensaufbau, aber auch die Finanzierung via Aktie falsch gesetzt werden. Vorschläge, wie hier gegengesteuert werden kann, hat das Deutsche Aktieninstitut im Herbst vorigen Jahres vorgelegt.

 

Auch für die Bereitschaft der Emittenten, ihrerseits aktiv auf den Kapitalmarkt zuzugehen, könnte mehr getan werden. Bei den Unternehmern ist in den vergangenen Jahren zunehmend das Gefühl entstanden, dass die Börsennotiz mit oft unübersehbaren zusätzlichen Anforderungen an die Corporate Governance oder die Compliance einhergeht. Zugegeben: Der Hauptteil der Regulierung der börsennotierten Unternehmen stammt heute aus Brüssel. Dennoch trägt auch der deutsche Gesetzgeber oft genug zu Verschärfungen bei – etwa wenn Empfehlungen des Deutschen Corporate Governance-Kodex in bindendes Recht umgewandelt und damit das Prinzip der Selbstregulierung ausgehöhlt wird.

 

Politik für die Aktie


Angesichts der enormen Anstrengungen, die zur Bewältigung der Finanzkrise auch in regulatorischer Hinsicht unternommen worden, wird oft übersehen, dass Politik für die Aktie auch Finanzplatzpolitik ist. Es wird viel Potential für den deutschen Finanzplatz sowie seine Banken, Börsen und Emittenten verschenkt, wenn an dieser entscheidenden Stelle Defizite bestehen. Deren Beseitigung ist in vielerlei Hinsicht eine politische Aufgabe. Hierfür sollten alle Finanzmarktteilnehmer werben - unabhängig von u.U. bestehenden Interessenunterschieden.

 

Prof. Dr. Rüdiger von Rosen ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Aktieninstituts e.V.



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