Kolumne14:30 04.06.12
Aktienmärkte - Wenn Prognosen zum Würfelspiel werden
Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,
wer in den vergangenen Tagen Analystenstimmen sammelte, um eine Vorhersage zu wagen, der musste etwa zu folgenden Ergebnissen kommen: Anleger blicken weiter nach unten – Deutscher Aktienmarkt vor einer weiteren harte Woche – Probleme in Spanien, Italien und Griechenland dürften die Kurse weiter belasten – Der kalte Wind aus dem US-Arbeitsmarkt weckt schwere Konjunkturzweifel. Nach dem widerstandslosen Durchbrechen des
200-Tage-Durchschnitts bei 6.200 Punkten haben die „Bären“ das Feld besetzt. Am Freitagabend schloss der Dax außerbörslich nur noch knapp über der 6.000er Marke (bei 6.014,50) – nein, das hatte ich nicht erwartet. Nur gut, dass Sie wenigstens auf meine Appelle hören und Kursverluste konsequent auf einen für Sie schmerzlosen Prozentsatz begrenzen!
„Sell in May…“ war also einmal mehr die richtige Empfehlung der Skeptiker? Ja und nein, denn noch besser wäre, wie wir jetzt wissen, der Ausstieg auf deutlich höherem Niveau gewesen, also bereits im April oder sogar schon Ende März. Der deutsche Leitindex hat allein auf Monatssicht erschreckende 7 Prozent verloren – die schlechteste Mai-Bilanz seit seiner Einführung 1988. Damit ist der gesamte, so überraschend kräftige gute Kursanstieg des ersten Quartals förmlich planiert worden. Futsch.
Und so hat der bisherige Jahresverlauf eindrucksvoll bestätigt, dass nichts mehr auch nur annähernd sicher ist, dass längerfristige Trends kaum noch auszumachen sind (allenfalls im Nachhinein) und demzufolge Prognosen, so ernsthaft und erfahren ihre Vorbereitungen auch sein mögen, immer häufiger an ein Spiel mit dem Würfel erinnern. Die Stimmungsindikatoren mit ihren häufigen Richtungswechseln belegen dies ebenfalls.
Hoffnungen, dass die große Euro-Katastrophe doch verhindert werden kann (woran ich nach wie vor glaube), ruhen vor allem auf den Notenbanken, in erster Linie auf der EZB, deren nächste Ratssitzung am Mittwoch mit großer Spannung erwartet wird. Sodann blicken die Börsianer einer Anhörung von US-Notenbankchef Ben Bernanke vor einem Ausschuss des Kongresses entgegen: Man erhofft sich von seinem Auftritt am Donnerstag Hinweise auf den Zustand der Konjunktur. Nach den katastrophalen Arbeitsmarktdaten am Freitag ist nicht auszuschließen, dass die Federal Reserve weitere Stützungsmaßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft ankündigt.
Und die Politik? Damit sich der Dax im zweiten Halbjahr über der 6000-Punkte-Marke hält, sind nach Einschätzung von prominenten Analysten klare Antworten von Brüssel und Berlin gefragt. Als denkbar gilt beispielsweise ein Hilfsfonds, der Banken der Peripherieländer rekapitalisiert, ohne dass sich die Staaten an den Rettungsfonds ESM wenden müssen. Vielleicht behalten die Kollegen der „Welt“ Recht und es wird ein Geheimplan für ein neues Europa, an dem angeblich längst gearbeitet wird, demnächst auf den Tisch gelegt. Gäbe es tatsächlich ein neues, überzeugendes Konzept – was glauben Sie, wohin die Aktienkurse dann springen würden?
Machen Sie also weiter mit – und machen Sie’s gut!
Ihr
Hermann Kutzer
Chefredakteur
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