Kolumne15:16 23.04.12
Analysen und Prognosen - Börsianer haben Angst vor der eigenen Stärke
Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,
„Die zarte Erholung des Dax wird nach Einschätzung von Börsianern in der neuen Woche ihr vorläufiges Ende finden.“ So die Zusammenfassung der Vorschau einer renommierten Agentur. Und dann werden Experten einer großen Bank zitiert: „Angesichts der schwelenden Schuldenkrise und der konjunkturellen Schwierigkeiten gehen wir nicht davon aus, dass die Nervosität der Marktteilnehmer in nächster Zeit spürbar abflauen wird."
Auch der Ausgang der ersten Runde der französischen Präsidentenwahlen könnte die Stimmung der Anleger drücken, sagte ein Analyst.
Dann jedoch, endlich etwas Positives im Wochenausblick: Optimistisch sind Börsianer mit Blick auf die anstehenden Unternehmensergebnisse. Sowohl in den USA als auch in Deutschland erwarten sie eine starke Quartalssaison. Dazu aber gleich wieder die Einschränkung: „Aber manchmal ist gut nicht gut genug", warnte ein Analyst.
Ich frage mich: Wo ist die grundsätzliche Zuversicht geblieben, die über die Jahrhunderte das Wesen der Börsianer geprägt hat? Warum werden selbst dann die Unsicherheitsfaktoren herausgestellt, wenn sich die Dinge so positiv entwickeln wie bei uns? Eine Erklärung: Da es auf dem Parkett keine Scharen von Bankenvertreter, Händlern und Maklern mehr gibt, die über die aktuelle Lage und das Anlegerverhalten diskutieren, spielen die Medien eine immer größere Rolle für die Meinungsbildung. Wie sollte sich – ganz aktuell – Zuversicht durchsetzen, wenn in der überregionalen Sonntagspresse „die Rückkehr der Euro-Krise“ beschworen wird?
Ich halte das für maßlos übertrieben. Außerdem weiß nun wirklich jeder, dass die Krise noch lange nicht überwunden ist. Umgekehrt gibt es aber keinen Anlass, an der anhaltend hohen Liquiditätsversorgung durch die EZB oder an dem ausgesprochen guten Fundament unserer Wirtschaft zu zweifeln. Werden die positiven Nachrichten nicht mehr angemessen gewürdigt?
Beispiele: Der Ifo-Geschäftsklimaindex für die gewerbliche Wirtschaft Deutschlands ist im April erneut gestiegen – überraschend für die zuvor eher negativ gestimmten Analysten. Die aktuelle Lageeinschätzung der Unternehmen hat sich auf hohem Niveau leicht verbessert, während die Erwartungen für die nächsten sechs Monate unverändert gut geblieben sind. Die deutsche Wirtschaft zeigt sich widerstandsfähig.
Ebenfalls in der vergangenen Woche haben die acht damit beauftragten Wirtschaftsforschungsinstitute ihr „Frühjahrsgutachten“ vorgelegt – abgesehen von der hocherfreuten Bundesregierung wurde es in der Öffentlichkeit routinemäßig schnell abgehakt. Ich empfehle es zum Nachlesen, denn die traditionell kritischen Ökonomen bescheinigen nicht nur unserer Konjunktur eine gute Verfassung, sondern kommen zu einem aus meiner Sicht spektakulären Gesamtergebnis, das von der Börse ebenfalls nicht honoriert worden ist: Deutsche Unternehmen sind derzeit so wettbewerbsfähig wie noch nie in den vergangenen 30 Jahren!
Und wer es immer noch nicht glaubt, der sollte die Rede von Volkswagen-Vorstandschef Winterkorn auf der Hauptversammlung downloaden und gründlich studieren. Er sagte u. a.: „2011 war für den Volkswagen-Konzern ein Spitzenjahr, war die Fortsetzung einer langfristigen Erfolgsgeschichte – und damit eine weitere Etappe auf dem Weg zum besten Autobauer der Welt.“ Beachten Sie bitte auch, was Winterkorn zu den Engagements in China ankündigt. Und dann seine Schlussprognose: „Wir wollen und werden Volkswagen zum Leuchtturm der Automobilindustrier machen.“ All das sind Formulierungen, die früher, im Zeitalter alljährlicher Tarifauseinbandersetzungen völlig undenkbar waren. Aber Volkswagen ist nur einer von vielen deutschen Unternehmen, die mit Selbstbewusstsein und Stolz ihre globalen Muskeln zeigen.
Solches Selbstbewusstsein fehlt dem deutschen Aktienmarkt noch. Und daran, das behaupte ich, tragen die krisengeilen Medien maßgebliche Mitschuld. Wir erleben zur Zeit eine normale, allgemein erwartet Konsolidierungsphase – sonst nichts. Und ich bleibe dabei: Der Dax hätte es verdient, die Marke von 7.000 Punkten weit hinter sich zu lassen, um dann auf neue Höchststände jenseits von 8.000 zu klettern – vielleicht noch in diesem Jahr.
Wenn Sie auch so denken, dann machen Sie weiter mit – und machen Sie’s gut!
Ihr
Hermann Kutzer
Chefredakteur
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