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Kolumne15:08 22.06.12

Börsenexperte, Experte und Author Hermann Kutzer
Börsenstimmung - Die Anleger verharren (noch) im Krisenmodus
Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,

vielleicht erinnern Sie sich noch, dass ich in der Aufwärtsbewegung der Aktienkurse während des ersten Quartals immer wieder auf zwei Phänomene aufmerksam machen konnte, die den Optimismus bestätigten: Zum einen wurde jede kleine Schwäche von den zu lange skeptischen Großanlegern zu Käufen genutzt, weil sie ja schon einiges verpasst hatten und deshalb inzwischen unter Performancedruck standen. Zum anderen reagierten die Börsen sensibel auf neue Nachrichten, wobei man positiven Meldungen mehr Beachtung schenkte als den Negativen. Gute Zeichen für den intensiven Beobachter.

Inzwischen kann davon keine Rede mehr sein. Im Gegenteil, die Pessimisten können leicht nachweisen, wie wenig die marktbestimmenden Institutionen jeder Tendenz – diesmal nach oben – trauen. Und die Kaufbereitschaft scheint bei steigenden Kursen eher zu versiegen. Zugegeben, ich hatte mir in den zurückliegenden Tagen mehr erhofft, denn Griechenland-Wahl, Gipfel-Beschlüsse und Fed-Maßnahmen könnte man zusammengefasst als Stimulanspaket betrachten. Doch ist es so an der Börse nicht angekommen. Die Märkte wollen deutlichere, möglichst ganz helle Signale. Außerdem geht ihnen die Weichenstellung viel zu langsam.

Man sieht vielmehr die Politik und die Notenbankern in einer zögerlichen, abwartenden Haltung, so dass sich die Laune der mittelfristig orientierten Anleger, welche die Börse Frankfurt wöchentlich befragt, weiter eingetrübt hat. Es gibt schließlich immer ausreichend Argumente, europäische und auch deutsche, Aktien zu verkaufen. Wie aus dem Wochenbericht der Sentiment-Analysten von Cognitrend hervorgeht, sind 8 Prozent der Befragten zuletzt aus dem Bullenlager geflüchtet, während das Pessimisten-Camp einen Zulauf von 11 Prozent verbuchen konnte. Damit gleitet unser Sentiment-Barometer, der Bull/Bear-Index, deutlich in Richtung der markanten 50-Prozent-Schwelle ab.

Bei den Befragten des Frankfurter Stimmungspanels spielte die nach wie vor schwierige Situation der Eurozone vermutlich nicht einmal die Hauptrolle in ihrer Entscheidung, dem Dax den Rücken zu kehren. Für die ehemaligen Bullen war die Kursentwicklung des heimischen Leitindex selbst schon Grund genug für ihre Verkäufe. Die erneuten Kursgewinne – auf Wochenbasis rund 3 Prozent – haben noch einmal vielen gestrandeten Alt-Bullen die Chance zum glimpflichen Ausstieg gegeben, die sie dankbar ergriffen haben. Fast alle bullishen Schieflagen, die sich seit Ende Mai angesammelt haben, dürften damit abgebaut sein und dem Dax nicht länger im Wege stehen.

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Interessant: Schon in der letzten Woche war immer wieder davon die Rede, wie kurz die Halbwertszeit guter Nachrichten dieser Tage doch ist. Die Erleichterung über das spanische Bankenrettungspaket etwa hielt nicht sonderlich lange an; der Dax war noch am selben Tag wieder vorrübergehend auf Tauchstation gegangen. Da war es den Marktteilnehmern ein Leichtes, auch am Montag dieser Woche wieder nach guten Nachrichten – diesmal aufgrund des positiven Ausgangs der griechischen Wahlen – deutsche Aktien zu verkaufen und sich auf die Bären-Seite zu schlagen. Denn sie witterten dasselbe Handelsmuster, dasselbe Schema, wie schon in der Vorwoche. Doch schon seit gestern liegen die Engagements der neuen Bären unter Wasser, was dem Dax das Potenzial für eine kleine Erholungsrally gibt. Für die ganz großen Sprünge bräuchte der heimische Leitindex aber schon ein wenig Vertrauen und Unterstützung aus dem Ausland, so der Eindruck von Cognitrend.

Rupert Watson, Head of Asset Allocation der Skandia Investment Group, schreibt mir Ähnliches und glaubt, Griechenland werde die nächsten Monate weiter unter verschärfter Beobachtung stehen. Dennoch dürfte sich stärker ins Bild drängen, dass die Regierungen der übrigen Länder versuchen werden ihre Volkswirtschaften wieder auf Wachstumskurs zu bringen: „So erwarten wir etwa, dass die EZB den Leitzins im Juli weiter senken wird. Zudem dürfte sie entweder erneut Staatsanleihen aufkaufen, um die Märkte zu stützen, oder weitere Liquiditätsspritzen verabreichen, sollten die spanischen und italienischen Staatsanleihen nicht aus der Gefahrenzone kommen. Auch die US-Notenbank Fed wird wahrscheinlich handeln und weitere Stimuli setzen. Selbst China könnte die Zinsen erneut senken und die Bank of England die Märkte zum wiederholten Mal mit Geld fluten.“

Das wären zunächst einmal Stützen für die Finanzmärkte, mehr nicht, denn die Schuldenkrise der Eurozone wird sich noch deutlich länger hinziehen. Noch halten die Börsen nichts von den Politikern. Ich sehe das etwas anders und glaube inzwischen an weitere, größere Fortschritte in den Entscheidungsprozessen von Merkel & Co. Das würde sich dann auch in deutlich steigenden Aktienkursen niederschlagen, irgendwann. Typisch Optimist, werden Sie vielleicht denken. Ja.
Machen Sie also weiter mit – und machen Sie’s gut!

Ihr

Hermann Kutzer
Chefredakteur
Kutzers-Anlegerbrief


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