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Kolumne10:11 21.02.12

Börsenexperte, Experte und Author Harald Ruppert
Candlesticks - der Hammer unter den Charts (Teil XII)
Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,

3-Kerzen-Formationen: Abandoned Baby – Klasse statt Masse

Die japanische Candlestick-Technik ist für ihre bildhaften und oftmals drastisch anmutenden Begriffe bekannt. Da wechseln sich schon mal „hängende Männer“ mit „schwarzen Krähen“ ab oder „weiße Soldaten“ werden von „schwarzen Buddhas“ verfolgt. Eine wenig bekannte 3-Kerzen-Formation stellt das „Abandoned Baby“ (= ausgesetzte Baby) dar.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die nachfolgend beschriebene Kerzenformation ist nicht dazu geeignet, um hierauf ein Handelssystem aufzubauen. Zu selten kommt dieses Muster in den Charts vor. Von Januar 2000 bis Februar 2012 habe ich insgesamt 600.000 Tageskerzen aus den Titeln des DAX, EURO STOXX 50, MDAX und SDAX nach diesem Muster scannen lassen. Trotz großzügiger Auslegung der nachfolgend beschriebenen Erkennungsmerkmale war die Ausbeute mit 188 Treffern zu gering, um ernsthaft und ohne Computerunterstützung danach Ausschau zu halten. Sollten Sie jedoch eher einmal zufällig über dieses Muster „stolpern“, so wissen Sie künftig, was Sie erwarten könnte.

Das Kerzenmuster des Abandoned Baby ist nicht mit dem Morning Star oder Evening Star zu verwechseln. Die bullische Variante beginnt mit einer schwarzen Kerze, gefolgt von einem Doji, dessen Docht durch eine Kurslücke sowohl von der vorangegangenen als auch der nachfolgenden dritten Kerze getrennt ist. Die mittlere Kerze hat somit keinerlei Berührungspunkte mit ihren Nachbarkerzen, worauf der Name des ausgesetzten oder verlorenen Babys zurückzuführen ist. Anders als beim Morgen- oder Abendstern spielen die Schatten (Docht und Lunte) demnach eine entscheidende Rolle. Wie meist, führen auch diesesmal umgekehrte Vorzeichen zum negativ zu wertenden Kursmuster Abandoned Baby, bearish.

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Abb. 12.28 Abandoned Baby, bullish und bearish

Nach einem dreimonatigen Kursanstieg, der die Anteilsscheine der Münchener Rück von ihrem Mai-Tief im Jahre 2005 um 16 Prozent bis auf knapp 97 Euro ansteigen ließ, kam es bei dem Rückversicherer zu einer Gegenbewegung. Ein knapp zweimonatiger Abwärtstrend drückte auf die Stimmung der Anleger. Zwar hielten die Bullen mehrmals tapfer dagegen, doch wurden ihr Mut und ihre Zuversicht stets durch Abverkäufe aus dem Bärenlager schnell wieder zunichtegemacht. So geschehen auch am 21. September 2005 – erkennbar an einer schwarzen Kerze, die zudem auf Tagestief schloss. Und auch am folgenden Tag eröffnete die Aktie mit einer deutlichen Kurslücke nach unten. Ein langer unterer Schatten zeugte von weiter anhaltender Schwäche, bevor die Kurse in die Aufwärtsbewegung übergingen und nahe ihres Eröffnungskurses schlossen.

Abb. 12.29 Münchener Rück (05/2005 – 12/2005)


Die Unentschlossenheit über den weiteren Kursverlauf, hier dargestellt durch den entstandenen Doji, wird offensichtlich. Dies war offenbar das Signal für die Bullen, es noch einmal mit dieser Aktie zu versuchen. Wenn es ihnen gelänge, am Tag drei, also am Tag nach dem Doji mit einer Kurslücke nach oben zu eröffnen und die Kurse nicht wieder in den Bereich der Vortageskerze absacken zu lassen, dann hätten sie ein verlässliches Muster für weiter steigende Kurse: ein Bullish Abandoned Baby! Und dieser erneute Versuch sollte endlich von Erfolg gekrönt sein. Mit einem Gap Up in den Handel gestartet, konnte sich der Kurs des Versicherers den kompletten Fre(u)tag über im Plus halten. Von soviel Kraft und dem bullischen Kursmuster des ausgesetzten Babys überrascht, versuchten die Bären gar nicht erst dagegenzuhalten. Das bevorstehende Wochenende gab beiden Lagern nochmals Gelegenheit, über ihre weitere Strategie nachzudenken. Als am darauffolgenden Montag die Aktie erneut mit einem heftigen Freudensprung von 2,3 Prozent aufwärts eröffnete, war die Schlacht geschlagen. Das sich hieran anschließende Kurspotenzial reichte von 92 Euro bis fast 122 Euro, was einem Anstieg von rund 32 Prozent in nur zweieinhalb Monaten entsprach. Erst das - den Lesern des Systrem-Trading Ruppert bestens bekannte - Kursmuster der dunklen Wolkendecke (Dark Cloud Cover) riet Anlegern Anfang Dezember schließlich zu Gewinnmitnahmen.

Viel Erfolg an der Börse
Ihr

Harald Ruppert

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