Kolumne12:34 27.07.12
Euro-Finanzkrise (II) - Wenn aus Angst plötzlich wieder Hoffnung wird
Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,
es ist eine Fortsetzungsgeschichte – deshalb auch die Anlehnung der Überschrift an mein vorangegangenes „Bauchgefühl“. Der Aktienmarkt ist reaktionswillig, der Herdentrieb ist intakt. Und trotz der Dominanz der Finanzkrisen-Nachrichten orientieren die Kurse der Indexschwergewichte auch an den aktuellen Zwischenberichten zur Geschäftslage, gegebenenfalls auch gegen die Tagestendenz. Dass die plötzlich umschlagen und das vorangegangene Stimmungsbild erst einmal übertünchen kann, werte ich als ein gutes Zeichen. Die europäischen Börsen suchen täglich nach Rückhalt – man wartet auf weitere ermutigende Signale, dass der Währungsverbund nicht auseinanderbricht, und orientiert sich sofort wieder nach oben, wenn solche Zeichen zu erkennen sind.
So geschehen am gestrigen Donnerstag. EZB-Präsident Mario Draghi nährt die Hoffnung auf ein stärkeres Eingreifen der Europäischen Zentralbank im Kampf gegen die Schuldenkrise. „Innerhalb unseres Mandats ist die EZB bereit, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten", sagte Draghi auf einer Investorenkonferenz in London. „Und glauben Sie mir, das wird ausreichen." Sollten hohe Risikoaufschläge für Staatsanleihen von Krisenländern die Wirkung der Geldpolitik stören, „fällt das in unser Mandat". Anleger und Experten spekulieren darauf, dass die EZB nun wieder Staatsanleihen von Krisenstaaten wie Spanien und Italien aufkaufen wird. Beifall gab es vom französischen Finanzminister Pierre Moscovici, der die Äußerungen als „sehr positiv" bezeichnete. An den Märkten wurde das Vorpreschen des obersten Währungshüters gefeiert.
Ich schildere dies rückblickend noch einmal, weil es wichtig für das Verständnis der aktuellen Börsenbewegungen und laufenden Stimmungswechsel ist. Die wöchentliche Stimmungserhebung der Profis an der Frankfurter Börse konnte das jüngste Geschehen naturgemäß nicht einfangen: Der Pessimismus sitzt tief, konstatieren die Sentiment-Analysten. Obwohl der Dax immer noch ein Jahresplus aufweist, fühlt es sich für Anleger nicht so an. Sie leiden unter der Volatilität, die sich mit den aktuellen Nachrichten kaum erklären lässt.
Wir müssen einfach davon ausgehen, dass sich das Auf und Ab bis auf weiteres fortsetzen und somit einen klaren, nachhaltigen Trend verhindern wird. Ich bleibe aber bei meiner zuversichtlichen Grundhaltung: Die Chance eines stärkeren Kursanstiegs insbesondere bei deutschen Aktien in den kommenden Monaten ist größer als das Risiko eines nachhaltigen
Dax-Rückschlags. In den USA wird es keine Rezession geben, der Wachstumspessimismus für China ist weit übertrieben, die Konjunkturschwäche Europas sollte nicht lange anhalten, die günstigen monetären Rahmenbedingungen (hohe Liquidität, niedrige Zinsen) für die Börsen bleiben erhalten. Richtig „bullish“ würden unsere Aktienmärkte dann werden, wenn Politik und Notenbanken die Fortschritte bei der Überwindung der Finanzkrise erkennbar beschleunigen könnten.
Übrigens: Heute hatte man bis kurz vor Börsenbeginn in Frankfurt mit Minuskorrekturen gerechnet. Tatsächlich eröffnete der
Dax dann aber weiter freundlich, um nach etwa einer Stunde doch nachzugeben. Anschließend verharrte er kaum verändert. Ich bin einmal gespannt, wo er zum Freitagsschluss landen wird …
Machen Sie weiter mit – und machen Sie’s gut!
Ihr
Hermann Kutzer
Chefredakteur
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