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Kolumne09:00 05.02.13

Börsenexperte, Experte und Author Harald Ruppert
Indikatoren und Oszillatoren - Ihr Navi für die Börse (Teil XX)
Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,

laut Wikipedia handelt es sich bei Stochastik um …

„ein Teilgebiet der Mathematik. Stochastik fasst als Oberbegriff die Gebiete Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik zusammen“.

Im ersten Teil haben wir festgestellt, dass Märkte in einem Aufwärtstrend in der Nähe ihrer Periodenhochs (Tageshoch, Wochenhoch …) schließen, während sie in Abwärtstrends tendenziell nahe der jeweiligen Periodentiefs schließen. Aufgabe der Stochastik ist es nun, die Position des aktuellen Schlusskurses relativ zu der Handelsspanne zu ermitteln. Damit werden die Kräfteverhältnisse zwischen Bullen und Bären sichtbar. Es ist stets ein Zeichen von Stärke, wenn es dem jeweiligen Lager gelingt, die Kurse in die Nähe der Extremzonen zu schieben. Doch wie so oft im Leben, so gilt auch an der Börse: „Allzu viel ist ungesund“. Je näher oder je häufiger Schlusskurse am Tageshoch liegen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit einer oberen Umkehr. Bei der Technischen Analyse sprechen wir in diesem Zusammenhang von einem „überkauften“ Markt, was eine baldige Kursreaktion nach unten erwarten lässt. Entsprechendes gilt mit umgekehrten Vorzeichen für die Unterseite. Wie stark ein Markt „überkauft“ oder überverkauft ist, darüber soll uns der Stochastik-Indikator Auskunft geben, womit wir auch schon bei seiner wohl verbreitetsten Anwendung wären.

Eine Möglichkeit zur Signalgenerierung ergibt sich nämlich, indem die Extrembereiche der Stochastik genutzt werden: Werte über 80 % (auch: 70%) und unterhalb von 20% (auch: 30%) werden als Extremzonen betrachtet. In diesen Bereichen gilt der Basiswert (Index, Aktie …) als überkauft bzw. überverkauft und es wird eine Bereinigung dieser Übertreibungsphasen durch eine entsprechende Kurskorrektur erwartet. Wichtig dabei:
Um überkaufte und überverkaufte Phasen anzeigen zu lassen, sollte der Indikator maßgeblich in Seitwärtsbewegungen eingesetzt werden. Dort kann er seine ganze Stärke ausspielen, um Umkehrpunkte herauszufinden. In Zeiten mit stabilen Trends hingegen kann sich sein Wert für lange Zeit in Extremzonen aufhalten, weshalb etwaige Signale dann erheblich an Wert verlieren.

Verlässt die Stochastik den unteren Extrembereich hin zum mittleren, neutralen Bereich, wird ein Kaufsignal (long) generiert. Umgekehrt ergibt sich ein Verkaufsignal (short), wenn die Stochastik den oberen Extrembereich zum Mittelbereich hin verlässt. So zumindest die in der Fachliteratur häufig nachzulesende Interpretation. Ob und ggfs. inwieweit mit dieser Regel Geld zu verdienen ist, wollen wir im Nachfolgenden genauer untersuchen.

Zunächst aber ein praktisches Beispiel, wie die Stochastik richtig angewendet wird. Hierzu betrachten wir noch einmal den aus der vorherigen Folge bereits bekannten Chartausschnitt des DAX.

Abb. 20.57 DAX (Tagesbasis) von Februar bis Dezember 2010

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Nach einem Aufwärtstrend ging der Kurs im April 2010 in eine Konsolidierung über. Während dieser Seitwärtsbewegung wird deutlich, welche präzisen Kauf- und Verkaufssignale die Stochastik geben kann. Jedes Mal, wenn der Kurs an seiner Unterstützung oder seinem Widerstand anstieß, drehte der Indikator und gab mit dem Verlassen seines Extrembereiches ein entsprechendes Handelssignal. Lediglich kurz vor dem Ausbruch des Kurses aus seiner Range Mitte Oktober, kam es zu einem Fehlsignal. Durch diesen Ausbruch nach oben, wurde der im April unterbrochene Aufwärtstrend wieder aufgenommen, was den Einsatz der Stochastik ab diesem Moment eher unrentabel machte. Dennoch bleiben aus den sechs Handelssignalen zuvor fast 700 Punkten auf der Habenseite. Für ein Nullsummenspiel des DAX - der Index konnte während der sechsmonatigen Seitwärtsbewegung faktisch keinen Zähler hinzugewinnen - ein recht beeindruckendes Ergebnis (Abb. 20.58).

Abb. 20.58 DAX mit Kapitalentwicklung in Punkten



Doch freuen wir uns nicht zu früh. Am rechten und linken Bildrand wird deutlich, wie der Indikator während der Trendphasen für lange Zeit im überkauften Bereich verweilte. Signale, sofern es den überhaupt welche gibt, sind dann mit äußerster Vorsicht zu behandeln. Wie sich die zuvor beschriebene Handelsstrategie über einen längeren Zeitraum verhält, schauen wir uns anhand der nachfolgenden Grafik an. Abbildung 20.59 zeigt die in Punkten gemessene Kapitalentwicklung für den DAX über einen Zeitraum von 17 Jahren.

Abb. 20.59 DAX 02/1996 bis 02/2013



Zusätzlich zur Kapitalkurve erlauben die folgenden Kennzahlen eine detailliertere Analyse der Handelsstrategie:

Tab. 20.1 Kennzahlen Stochastik-Strategie



Das enttäuschende Gesamtergebnis verdeutlicht, dass der Stochastik-Indikator nur in ganz bestimmten Börsenphasen eingesetzt werden sollte. Ferner bedarf es einer gesonderten Ausstiegsregel, um erfolgreich agieren zu können. Die oft zu beobachtende Anwendungsweise, bei der sich Long- und Shortpositionen stets abwechseln, führt auf Dauer gesehen nicht zum Erfolg. Wie zuvor bereits erwähnt, treten besonders dann hohe Verluste auf, wenn in einem klaren Trend der Indikator ein Handelssignal in die entgegengesetzte, falsche Richtung generiert. Bewegen sich die Kurse dann in die nachteilige Richtung, kommt es oftmals zu keinem rechtzeitigen Ausstieg oder Wechsel der Position, wodurch die Verluste anwachsen.

Technisch wollen wir diesem Problem hier entgegenwirken, indem ein einfacher Gleitender Durchschnitt über 200 Perioden Anwendung findet. Notierte der SMA vor 3 Tagen unter seinem Wert des aktuellen Tages, so wird ein Aufwärtstrend unterstellt. Solange dieser vorherrscht, finden ausschließlich Stochastik-Longsignale Beachtung. Gleiches gilt mit umgekehrten Vorzeichen für die Bestimmung eines Abwärtstrends, während dem nur Short-Positionen eingegangen werden. Zudem wollen wir die Position schließen, falls die Stochastik nach dem Verlassen der Extremzone wieder in diese zurückläuft.

Bereits durch das Vorschalten eines einfachen Trendfilters sowie einer simplen Exit-Regel kann das Ergebnis der in der Literatur gebräuchlichen Handelsstrategie deutlich verbessert werden. Die beabsichtigte Reduzierung der Verlusthöhe war hier offensichtlich erfolgreich: Auch wenn die Anzahl der profitablen Trades leicht gesunken ist, konnte das Ergebnis deutlich gesteigert werden.

Abb. 20.60 DAX 02/1996 bis 02/2013



Tab. 20.2 Kennzahlen Stochastik-Strategie (modifiziert)



Viel Erfolg an der Börse
Ihr

Harald Ruppert
Chefredakteur
Neuronales-System-Trading



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