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Kolumne17:22 11.05.12

Börsenexperte, Experte und Author Hermann Kutzer
Nervöse Börsen (II) - Verkaufen nicht vergessen!
Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,

die neue Gemengelage durch die Wahlen in Frankreich und Griechenland hat zu einer deutlichen Veränderung bei der Stimmung der von der Börse Frankfurt wöchentlich Befragten institutionellen Investoren geführt, die zu großen Teilen ihre über mehrere Wochen „bullishe“ Einstellung zum deutschen Aktienmarkt aufgegeben haben: Die Gruppe der Optimisten ist zu Gunsten des „Bären“-Lagers um mehr als ein Drittel geschrumpft, so dass der Bull/Bear-Index auf den niedrigsten Stand seit Anfang Februar dieses Jahres zurückgefallen ist. Kommentar der mit der laufenden Stimmungsbeobachtung betreuten Cognitrend-Analysten: „Natürlich haben sich die Börsianer schon vor Monaten, wenn nicht gar vor ein bis zwei Jahren mit einem so genannten Worst-Case-Szenario Griechenlands auseinandergesetzt, an dessen Ende sogar ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone stehen könnte. Auch wenn die meisten Investoren damals einem derartigen Ausgang des griechischen Dramas vermutlich nur eine geringe Wahrscheinlichkeit eingeräumt haben, müsste sich ein Teil solch negativer Eventualitäten in den Börsenkursen bereits längst niedergeschlagen haben. Sicherlich ist diese Worst-Case-Wahrscheinlichkeit jetzt deutlich höher.“

Und dann folgt eine Erkenntnis, die genau auf meiner Linie liegt: „Andererseits könnten Optimisten natürlich einwenden, dass die Wahrnehmung der Marktteilnehmer durch die mediale Berichterstattung zu stark negativ beeinflusst worden sei, wenn man die ökonomische Bedeutung Griechenlands für die Eurozone bedenkt.“ Dem wird aber entgegengehalten, dass im Vergleich zu vor zwei Jahren seinerzeit Undenkbares teilweise zur Realität geworden sei. Eine Realität, die vor allem aus psychologischer Sicht auch andere Staaten an der Peripherie Europas ergreifen könne.

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Wie auch immer, es ist das zurückgekehrt, was wir seit ein paar Monaten immer weiter in den Hintergrund der Börsen-Bühne geschoben haben – das nicht einzupreisende, weil alles überlagernde Gewicht der (Wirtschafts-)Politik. Mit dieser Konstellation verlieren klassische Bewertungsmaßstäbe stark an Bedeutung. Deshalb halte ich gerade jetzt ziemlich wenig von der technischen Analyse. Vielmehr packe ich eine Formulierung aus, die – weil eine abgegriffene Worthülse – bei mir längst verpönt war: „Zwischen Hoffen und Bangen.“ Die Börse kann täglich ihre Vorzeichen wechseln, das muss den Anleger abschrecken – es sei denn, er hätte sich um Trader gewandelt.

Nein, ich gebe meine „bullishe“ Position für deutsche Aktien nach wie vor nicht auf – nur sind die Knie etwas weicher geworden. Das Wichtigste, das Sie jetzt tun sollten, geschätzte Anlegerinnen und Anleger, ist das disziplinierte Einhalten der individuellen Verlustlimits (Beispiel): Raus beim Erreichen von 90, wenn Sie bei 100 gekauft und sofort festgelegt haben, bei 90 wieder auszusteigen, weil der Markt gegen Sie läuft. Aus meiner Sicht besteht (noch) kein Anlass für einen generellen Ausstieg. Aber da, wo spürbare Verluste drohen, gilt es diese zu begrenzen. Ansonsten möchte ich Ihnen empfehlen: Ziehen Sie sich bis auf weiteres auf die Tribüne zurück und werden Zuschauer!

Übrigens: Es gibt auch gute Nachrichten! Man beachte bitte u. a. den Ifo-Bericht mit der Erkenntnis, dass sich das Wirtschaftsklima im Euroraum verbessert hat. Der Ifo-Indikator für das Wirtschaftsklima im Euroraum ist im zweiten Quartal 2012 deutlicher gestiegen als im Vorquartal, liegt aber weiterhin unter seinem langfristigen Durchschnitt.

Machen Sie trotzdem weiter mit – und machen Sie’s gut!
Ihr

Hermann Kutzer

Chefredakteur
Kutzers-Anlegerbrief


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