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Kolumne15:02 21.05.04

Börsenexperte und Autor Prof. Dr. Max Otte

Warum "Halteempfehlungen" gute Empfehlungen sind!

Sehr geehrte Privatanleger,

in meinem ersten Buch zu Aktien "Investieren statt Sparen" (Econ 2000) habe ich darauf hingewiesen, dass Analystenempfehlungen oftmals nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt sind.

Damals wurden die Analysten noch als Götter und Reichmacher verehrt. Im Dezember 1998 wurde zum Beispiel Henry Blodget von Merill Lynch mit seinem 12-Monats-Kursziel für amazon.com von 400 Dollar berühmt. Die Aktie notierte damals bei 200 Dollar und erreichte das Kursziel von Blodget innerhalb von 12 Tagen. Sie stieg (splittbereinigt) bis auf 600 Dollar. Zwei Jahre später folgte die Ernüchterung: Was ich schon zum Höhepunkt der Euphorie geschrieben hatte, setzte sich als allgemeine Erkenntnis durch. Analysten schreiben, um sich selber und ihre Arbeitgeber – die Finanzdienstleister – reich zu machen. Als Privatanleger haben Sie das Nachsehen.

Börsenstar Henry Blodget bezeichnete zum Beispiel Internetfirmen, die er öffentlich zum Verkauf anbot, in internen e-mails als „Piece of Shit“. Jack Grubman von Salomon Smith Barney empfahl Worldcom noch kurz vor der Insolvenz. Beide wurden aufgrund ihrer offensichtlich unseriösen Aktivitäten hart bestraft: Blodget zahlte 4 Millionen Dollar Strafe, Grubman sogar 15 Millionen Dollar. Beide erhielten zudem ein lebenslanges Berufsverbot.

Das Grundproblem bleibt aber dasselbe: kaum jemand ist bereit, für bankenunabhängiges Research zu bezahlen. Nach wie vor werden die Analysten der Geldhäuser letzlich aus den getätigten Wertpapierumsätzen finanziert. Damit ist klar: sie müssen ihre Investoren zum häufigen Umschichten verleiten, damit Ihre Arbeitgeber an den Handelsprovisionen verdienen. „Hin und Her macht Taschen leer,“ – bei den Banken darf so etwas nicht laut gesagt werden.

Halteempfehlungen sind also ein Zeichen für Seriösität, auch wenn sie manchmal langweilig aind. Ich glaube, dass kein Analyst oder Investor mehr als ein bis drei wirklich gute Investmentideen pro Jahr haben kann. Auch eine Halteempfehlung kann wichtige Informationen liefern: immerhin heißt „halten“ ja, dass ich mit dieser Aktie mindestens die langfristigen Kapitalkosten, also derzeit mindestens 5%, verdiene. Ach das geht an der Praxis der Banken vorbei: Goldman Sachs hat die routinemäßige Beobachtung von vielen Unternehmen anhand der Quartalszahlen eingestellt. Man will lieber „gezielt“ Studien präsentieren.

Der Handel mit einer Aktie sollte mindestens 250.000 Euro pro Jahr an Provisionen für das Wertpapierhaus abwerfen, sonst wird diese Aktie von den Analysten nicht angefasst. Damit ist auch klar, warum die Bankanalysten Werte wie Bijou Brigitte übersehen und Puma erst in den letzten Monaten richtig entdeckt haben: die Marktkapitalisierung dieser Unternehmen war einfach zu klein.

Noch vor den Privatanlegern sind Fondsmanager die wichtigsten Kunden der Banken. Neben den kostenlosen Research-Reports der Banken erhalten sie viele weitere Dienstleistungen kostenlos: sie werden zu Unternehmenspräsentationen eingeladen, manchmal bezahlen Banken ihnen sogar die Computersysteme, mit denen sie den Aktienmarkt beobachten. Bislang ist diese für die Banken eine clevere Strategie. Würden die Fondsmanager ihr Research selber betreiben und Ihre Orders über Direktbanken platzieren, so könnte das Volumen der Gebühreneinnahmen aus dem Aktienhandel um über drei Viertel sinken. Also ist auch klar, warum unabhängig denkende Fondsmanager so selten sind: die meisten machen es sich einfach und nutzen die Research-Berichte ihrer Hausbank. Im Falle des Mißerfolgs kann der Fondsmanager die Bank verantwortlich machen; gleichzeitig kann er oder sie den ganzen Komfort des „Full Service“ der Bank – inclusive Reisen und sonstigen Extras – nutzen.

Nicht zuletzt machen die Banken nach wie vor gezielt Stimmung für ihre Kunden - vielleicht nicht ganz so plump wie Grubmann und Blodget, aber vom Prinzip her läuft noch heute derselbe Schwindel. Im Oktober 2003 stuften sowohl Merrill Lynch, als auch UBS und Lehmann die HVB Group in neuen Studien herauf. Wenige Monate später durften alle drei Institute bei der 3 Milliarden Euro schweren Kapitalerhöhung der HVB kräftig mitverdienen. Am 1.4.2004 wurde die Kapitalerhöhung bei einem Kurs von 16 Euro durchgeführt. Heute steht der Kurs bei 13,85 Euro. Wer auf die Analysten der drei rennomierten Häuser vertraute, verlor 13,5%. Meine Meinung kennen Sie: nach den Erholungen vom absoluten Tief halte ich sowohl die HVB Group als auch die Commerzbank nach wie vor für Sanierungskandidaten, die bestenfalls bei einem Fusionspoker interessant sind.

Auch Börsengänge (IPOs) sind selten etwas für Privatanleger. Kaufen Sie Aktien lieber im normalen Handel. Bei einem Börsengang überlegen sich viele Spezialisten den für das Unternehmen besten Zeitpunkt und Preis. (Damit ist der Zeitpunkt für den Käufer der Aktien, also Sie, besonders ungünstig!) Derzeit wird der Börsengang der Postbank hochgejubelt. Eberhard Dilger, Leiter Aktienemissionen der Commerzbank: „Ich gehe davon aus, dass dieses IPO kommen wird. Er wird nicht nur national, sondern auch international von besonderer Bedeutung sein.“ Was der Deutschen Bank (trotz fusionsbedingt möglicher Kosteneinsparungen) zu teuer war, sollen nun die Privatanleger kaufen. Ich kann nur sagen: „Finger weg!“

Es geht kein Weg daran vorbei: Sie müssen sich Ihre eigene Meinung bilden. Ich komme noch einmal auf Warren Buffett zurück: „Fast alle Blue Chips sind derzeit fair bewertet.“ Siebenunddreißig Prozent aller Fondsmanager gewichten derzeit Bargeld über, nur zehn Prozent gewichten Bargeld unter. Im April zogen deutsche Anleger unter dem Strich 845 Millionen Euro aus Aktienfonds ab.

Ich werde weiter nach der nächsten Bijou Brigitte, Puma oder Samsung für Sie suchen. So etwas kann aber dauern. Erwarten Sie nicht jede Woche eine Kaufempfehlung von mir!

Erfolgreiche Investments wünscht Ihnen

Ihr
Prof. Dr. Max Otte
www.privatinvestor.de

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Performance Dax-Aktien 3. Quartal 2016

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