Der Mythos Börse
"Spekulanten sind unordentliche, windige Gesellen, die anrüchigen Geschäften nachgehen und auf Kosten anderer, ordentlicher Bürger, denen sie Verluste zufügen, unverdiente Gewinne ohne Gegenleistung erzielen. Sie sind Hasardeure, Spielernaturen und Nichtstuer, die anständige Menschen ausbeuten."
Diese wenig schmeichelhafte Einschätzung über Spekulanten ist so alt wie die Börsen. Zumeist wird sie von denen vertreten, die neidvoll auf all jene blicken, die ihren Lebensunterhalt oder gar ein Vermögen an den Finanzmärkten verdienen.
Heute stellen die Finanzmärkte eines der letzten Refugien dar, in dem Faszination, Abenteuer, Gewinn und Erfolg wirklich jedem zugänglich sind.
Die Börse - der direkte Weg zu leichtem Geld, einem schönen Leben in teuren Restaurants, mit schnellen Autos und einem Zweithaus in Saint Tropez!
Die Börse - ein geheimnisvoller Moloch, der erbarmungslos die kargen Ersparnisse der hilflosen Anleger verschlingt.
Die Börse, das Geld, die Gier, der Gewinn, die Macht. Die Börse, Angst und Verzweiflung, Hoffnung und endgültiger Ruin. Die Börse: geliebt und gehasst zugleich. Die Börse: Über kein anderes Metier gibt es so viele unsinnige Vorurteile, gerne geglaubt und nachgesprochen von jener gigantischen Zahl von Personen, die keine, aber auch gar keine Ahnung von einem der faszinierendsten Bereiche des Lebens haben: dem, wie es Mr. Jesse Livermore nennt, "Spiel der Spiele".
Sofern Sie es noch nicht versucht haben sollten, probieren Sie einmal folgendes: Fragen Sie Bekannte oder Kollegen, was diese davon halten würden, wenn Sie ihre Ersparnisse an der Börse investieren wollten. Es gibt zwei mögliche Reaktionen:
1. Ihr Gegenüber reißt angstvoll die Augen auf, hebt abwehrend beide Hände und erwidert: "Um Himmels willen, da musst Du jemand anderen fragen, davon habe ich überhaupt keine Ahnung!" Oder:
2. Ihr Gegenüber bekommt leuchtende Augen, eine Verschwörermiene und beginnt mit gedämpfter Stimme: "Du musst unbedingt die X-Aktie kaufen. Ich hab' nen Bekannten, der es von seinem Kumpel, dem Banker hat. Die Aktie ist spottbillig. Habe selbst 'ne Menge Geld investiert. Da sind hundert Prozent oder mehr drin, glaub mir!"
Folgen Sie dieser Empfehlung besser nicht. Alleine die übliche Tippgeber-Floskel "glaub mir" oder "vertraue mir" sagt aus, dass
a) der Tippgeber niemals eine müde Mark selbst investieren würde und
b) dieser wohlmeinende, unbekannte Banker wahrscheinlich Schalterbeamter einer kleinen Bankfiliale ist, der Spareinlagen entgegen nimmt und Überweisungen und Daueraufträge bearbeitet.
Oft endet damit der erste Versuch des ambitionierten Sparers, mit dem Wunderland der Börse Kontakt aufzunehmen. Woher soll er auch die Informationen nehmen, die er braucht, um in Aktien, Renten, Devisen oder Rohstoffe zu investieren?
Geht er den nächsten logischen Schritt vom Bekanntenkreis zu einer Bank, wird man ihm dort vielerlei wohlklingende Anlagemöglichkeiten empfehlen, doch es bleibt das flaue Gefühl im Bauch. Denn kauft der Anleger auf den Rat des Beraters, dann hat er einen Wert, von dessen Qualität und Güte der Berater überzeugt sein mag - er selber weiß aber immer noch nicht, was er eigentlich tut. Oder hat Ihnen jemand in einer Bank einmal in Ruhe erklärt, was eine Börse darstellt und wozu sie dient? Wohl kaum, denn dazu erfordert es Zeit - und diese ist in einer Bank nun einmal ebenso selten wie im Rest der Geschäftswelt.