Die Welt der Indizes
Aus dem Berichtswesen des täglichen Wirtschafts- und Gesellschaftslebens sind Indizes kaum noch wegzudenken. Dem Leser sollen zunächst einige Anwendungsgebiete gezeigt werden, bevor detailliert auf den Einsatz von Indizes am Kapitalmarkt eingegangen wird.
In der breiten Wissenschaft finden Indizes Anwendung, wo Eigenschaften von großen Stichproben gemessen werden sollen (Demographie, Statistik, Meteorologie).
In der Wirtschaft werden Indizes nicht allein auf der Basis von Messwerten erstellt, sondern auch auf Grundlage von regelmäßigen Schätzungen und Befragungen. In dieser Form eignen sie sich hervorragend als Frühindikatoren der voraussichtlichen späteren Wirtschaftentwicklung. Die in Deutschland bekannten ZEW- und Ifo-Frühindikatoren oder die US-Frühindikatoren für Konsumenten- und Industrievertrauen sind einfache Indizes. Sie alle gehören zur Familie der „Sentimentindikatoren“. Indikatoren sind ebenso weit verbreitet wie Indizes und haben häufig die gleiche Bedeutung - ob der Begriff „Indikator“ von „Index“ abstammt, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Anders als ein Index kann ein Indikator auch aus einer einfachen Zahl bestehen, so etwa die umlaufende Geldmenge als Indikator für die Inflationsgefahr. Dagegen ist ein Index normalerweise etwas komplizierter und lässt sich nur mit Hilfe einer Formel errechnen.
In der Wirtschaftspraxis sind primär Preis- und Kostenindizes anzutreffen, aus denen Veränderungsraten abgeleitet werden. Es wird hier auch häufig der Begriff Wachstumsrate benutzt. Die vom Statistischen Bundesamt ermittelte Preissteigerungsrate (Inflationsrate) hat einen amtlichen Charakter und geht als Bestandteil in alle indexierten Verträge ein. So orientiert sich in indexierten, langfristigen Mietverträgen die Mietsteigerung an der Inflationsrate. Auch in der Gesetzlichen Rentenversicherung ist die Altersrente an einen Index gekoppelt, in diesem Fall für die Lohnentwicklung. Wo es keine Marktpreise gibt, wird eine Bewertung mit Hilfe von anderen indexierten Größen errechnet. So bestimmen Sachverständige, die private Immobilien bewerten, den Sachwert häufig aus dem Index der Baupreise. Grundsätzlich begrenzen in lang laufenden Verträgen die Anbieter von Gütern und Dienstleistungen ihr Risiko gern durch Koppelung an bestimmte Branchenindizes.
Die Inflationsrate dient der Arbeitnehmerseite als wichtiges Argument in Lohnverhandlungen. Die Arbeitgeber argumentieren dagegen häufig mit den Produktivitätsindizes. Jede Interessengruppe verwendet ihren Index, wenn sie bestimmte Entwicklungen belegen möchte. So können Indizes sogar zum Politikum werden. Um Streitigkeit zu vermeiden, schreibt der Gesetzgeber häufig vor, welcher Index in bestimmten Fällen zu verwenden ist.
Volkswirte benutzen bei der Ermittlung des realen Wirtschaftswachstums statt der „amtlichen“ Inflationsrate, die die Preisveränderung nur bei privaten Haushalten abbildet, den sogenannten Deflator, der die gesamte Volkswirtschaft berücksichtigt. Der Deflator ist sozusagen der Preisindex für das Bruttoinlandsprodukt (BIP).
Anleger am Kapitalmarkt wollen bei Geldanlagen mindestens einen Inflationsausgleich erzielen und streben darüber hinaus eine positive Realverzinsung an - bei einem Marktzins für 10 Jahre laufende Staatsanleihen von 4 Prozent und einer Inflationsrate von 2 Prozent beträgt die Realverzinsung nur noch 2 Prozent. Es gibt gegenwärtig sogar eine Reihe von Industriestaaten, deren mittelfristige Anleihen (mit 2 bis 4 Jahren Laufzeit) keine positive Realverzinsung mehr liefern. So genannte indexierte Anleihen – die lange Zeit in Deutschland nicht erlaubt waren – sind heute eine etablierte Anlageklasse.
Die einseitig auf Rohstoffausfuhren ausgerichteten Emerging Markets – gemeint sind hier die aufstrebenden Volkswirtschaften in den Schwellenländer – verwenden die terms of trade als Indikator, um die Höhe ihrer zukünftigen Deviseneinnahmen realistisch zu prognostizieren. Die Terms of Trade sind als der Quotient des Exportpreisindex zum Importpreisindex definiert. Steigt dieser Quotient, dürften die Deviseneinnahmen des jeweiligen Landes sich tendenziell erhöhen.
Diese Reihe von Beispielen für die Verbreitung von Indizes im Wirtschafts- und Sozialleben ließe sich noch beliebig erweitern. Sie sind interessant und erweitern das ökonomische Wissen. Für den Anleger ist jedoch das Wissen über die Anwendungsmöglichkeiten von Indizes in der Wertpapieranalyse und über die Anlagechancen von Indexprodukten von größerem Interesse. Daher werden jetzt die Indizes im Bereich der Kapitalanlage untersucht.