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09:43 23.02.12

Smart Investor Weekly: Und täglich grüßt das Murmeltier - Griechenland erneut "gerettet"

Natürlich hatten die meisten schon vermutet, dass Griechenland wieder mal „in letzter Minute gerettet“ würde. Diese Dramaturgie ist aus Hollywood-Produktionen bestens bekannt, wird dort aber hübscher in Szene gesetzt – Politik ist eben – so ein geflügeltes Wort – Show-Business mit hässlichen Menschen.


Schließlich hat man Griechenland nicht vor zwei Jahren vom Kapitalmarkt genommen, um heute zu vollziehen, was damals schon jeder Verantwortliche wusste: Das Land ist pleite. Ein Job übrigens, den der Markt damals besser und schneller erledigt hätte, als der ganze „alternativlose“ Transfersozialismus Merkelscher Prägung. Sich und vor allem anderen einen Fehler einzugestehen, scheint Politikern ohnehin noch schwerer zu fallen, als Normalsterblichen.

Für 130 Mrd. EUR weitergewurstelt
Selbst wenn in der Fraktion der „Dauerretter“ der Missmut steigt und sie sich zunehmend von ihren griechischen „Euro-Partnern“, milde formuliert, verschaukelt fühlen, so werden sie brav weiter zahlen. Erstens sehen sie keine Alternative und zweitens können sie nach der Suspendierung der Marktkräfte für Griechenland auch keine glaubwürdige Drohkulisse mehr aufbauen. Man wird sich mit dem Euro also auf den drei wackeligen Säulen der EU-Realpolitik weiter durchwursteln: Wunschdenken, Realitätsverweigerung und Umverteilung. Diesmal ist es also ein Paket von 130 Mrd. EUR, das die griechische Politik für ihre beiden Hauptexportgüter „heiße Luft“ und „leere Versprechungen“ erhält. Die „Dauerrettung“ Griechenlands ist damit auf dem besten Weg der Running Gag der Finanzgeschichte zu werden. Die Akteure brauchen sich also über einen Platz in den Geschichtsbüchern nicht mehr zu sorgen. Was derzeit passiert, werden noch Generationen von Studenten mit ungläubigem Kopfschütteln nachlesen können.

Bester Darsteller
Wenn wir die eingangs erwähnte Analogie zu  Hollywood noch ein bisschen weiter strapazieren, dann erscheint uns ein Oscar in der Kategorie „Schmierenkomödie“  überfällig. Ein heißer Anwärter auf die besten darstellerischen Künste in diesem Bereich dürfte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sein, der im kleinen Kreis und „off records“ so ganz anders redet, als vor der deutschen Öffentlichkeit. Als Beleg mögen zwei Video-Sequenzen dienen. Die eine, ein nicht für die Öffentlichkeit bestimmter Redeausschnitt vor dem European Banking Congress im November 2011:
http://www.youtube.com/watch?v=2IRnDOtu1z8&feature=related
Die andere, eine offenbar ebenfalls nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Unterredung mit seinem portugiesischen Amtskollegen vom Februar 2012:
http://www.youtube.com/watch?v=AwlXR5FfQTY
Da das, was Herr Schäuble öffentlich sagt, so vollkommen von dem abweicht, was er im kleinen Kreis äußert, halten wir seine schauspielerische Leistung für preiswürdig. Da sei es ihm auch nachgesehen, dass er gelegentlich etwas aus der Rolle fällt. Auf die Amtszeit von Christian Wulff angesprochen, entgegnete er voller Häme: „Ha, wie man den bewertet, das wird die Staatsanwaltschaft tun!“ (http://www.youtube.com/watch?v=iu5esHnGlG0). Das ist insofern eine spaßige Aussage, als „der Staatsanwalt“ Berichtspflichten und Weisungsrechten unterliegt. Franz-Josef Strauß wird die Steigerung „Feind, Todfeind, Parteifreund“ zugeschrieben. Herr Schäuble füllt sie durch herzhaftes Nachtreten erneut mit Leben.

Griechenland: Der Machiavelli in Herrn Papadimos
Folgt man den Überlegungen des italienischen Philosophen Machiavelli, muss ein Herrscher der zum Wohle seines Volkes handelt das Gute und Wahre ausschalten und ausschließlich einer Nutzenüberlegung folgen. Griechenlands Premierminister Papadimos hat seinen Machiavelli gut gelesen – mit der Wahrheit nimmt er es weniger genau als mit dem Nutzen seines Volkes. Das auch die Presse en gros hilft seinen Nutzen zu maximieren, indem sie sich relativ unreflektiert für Papadimos angebliche Wahrheit einspannen lässt, zeigt einmal mehr, dass hier wohl weniger recherchiert wird als voneinander abgeschrieben. Liest man die offizielle Mitteilung des griechischen Finanzministeriums zur geplanten Umsetzung einer Umschuldung (http://www.minfin.gr/portal/en/resource/contentObject/id/7ad6442f-1777-4d02-80fb-91191c606664) fallen mehrere Fakten auf die von der Mainstream-Presse wohl geflissentlich übergangen wurden.

„Übersehene“ Fakten
Zunächst einmal wird auch hierin noch immer von einem freiwilligen Angebot gesprochen ("voluntary transaction" ). Die entscheidende Passage dürfte jedoch folgende sein:
„The Greek government will shortly submit to the Greek parliament a draft bill which, if passed, will introduce a collective action clause into eligible Greek law governed bonds of the Hellenic Republic as determined by the Council of Ministers of the Hellenic Republic. If passed, this law will be available to be used in the implementation of the PSI transaction if necessary to achieve participation at the levels anticipated by the 26 October 2011 Euro Summit Statement.”
Wir lesen das folgendermaßen: Die Griechen benutzen den Gesetzesentwurf zur Einführung von CAC-Klauseln als das ultimative Druckmittel, um die Quote einer freiwilligen Annahme zu erhöhen. Gleichzeitig wollen sie diese Klauseln bei den alten Bonds nicht zwingend einsetzen, da sonst nach deren Anleihebedingungen sofort sämtliche Anleiheemissionen (zu allen Tilgungsterminen) fällig wären. Zusätzlich würde die tatsächliche Anwendung aus Sicht der Ratingagenturen und für alle Credit Default Swaps die Auslösung eines Defaults, d.h. einer „Pleite“ bedeuten – mit eindeutig unvorhersehbaren Folgen für die Kapitalmärkte.

Das Angebot richtet sich außerdem ausdrücklich nur an die privaten Gläubiger der Anleihe. Wäre diese Formulierung notwendig, hätte die EZB über das vergangene Wochenende tatsächlich in neue Anleihen getauscht die von einem Schuldenschnitt ausgenommen werden sollen? Oder kann es nicht vielmehr sein, dass Papdimos die rechtlichen Folgen dieses „Taschenspielertricks“ fürchtet und lediglich versucht den Kapitalmarkt glauben zu lassen, dieser Anleihetausch wäre so geschehen?

Ist der Tausch nicht erfolgt und die CAC-Klauseln werden nur beschlossen um Angst zu verbreiten, hätte Papadimos analog zu Machiavellis „Fürsten“ den Nutzen seiner Bürger durch Verschleierung der Wahrheit maximiert. Der freiwillige Tausch würde eventuell sehr gut akzeptiert, um einen Default zu vermeiden, würden die Anleihen der Unwilligen jedoch vollständig getilgt. Gibt es dennoch eine Zwangsumschuldung lässt der Blick auf die aktuellen Kursstände hoffen: Schlimmer kann es kaum noch kommen: Bei einem Kurs von 29% der Märzanleihe nimmt der Kapitalmarkt einen zukünftigen Kurs der neuen Griechenland-Anleihen von 44% an (15% des Nominalwertes werden in Bonds des ESFS getauscht und dürften bei 100% des Nominalwertes notieren).

Fazit
Wir denken, dass sich die aktuelle Aufwärtsbewegung langsam dem Ende zuneigen wird. Das bedeutet auch weiterhin, dass wir bei unseren Musterdepotwerten in der nächsten Zeit verstärkt nach Verkaufspunkten Ausschau halten werden. In der neuen Ausgabe Smart Investor 3/12, die am Samstag erscheinen wird, werden wir das große Bild der aktuellen Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Börse nachzeichnen. Intensiv werden wir uns dabei mit den Anleihemärkten beschäftigen. Vor allem werden wir versuchen auch weiter hinter die wahren Motive unserer Staatsschauspieler zu blicken.

Ralph Malisch, Christoph Karl



Quelle:

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