Von der T-Aktie zur UMTS-Versteigerung (1996-2000)

Ein Grund dafür waren neben überzogenen Schätzungen und Erwartungen der Konsortialbanken die immer dünner werdenden Unternehmenstories. Auch die wohl kurioseste Ankündigung des Jahres scheiterte im April 2000. Damals hatte das Unternehmen Mallorca Lifestyle den Börsengang in den Freiverkehr angekündigt. Das seit August 1999 bestehende Unternehmen erwartete 2000 einen Umsatz von 1,2 Mio. Euro und einen Gewinn von 418.000 Euro, obwohl es im Vorjahr keine Umsätze und einen Verlust von 10.000 Euro erwirtschaftet hatte. Geschäftsgegenstand des Unternehmens war die Übernahme von Holding- und Managementaufgaben einschließlich der Verwaltung eigenen Vermögens und der An- und Verkauf von Immobilien und der Betrieb von Erlebnisgastronomiestätten auf Mallorca. Oder anders ausgedrückt: Das Unternehmen wollte eine Disco auf Mallorca kaufen und betreiben. Als der Verkaufsprospekt erschien, hatte das Unternehmen noch keinerlei Investitionen getätigt. Diese sollten erst erfolgen, wenn durch den IPO flüssige Mittel in die Kassen gelangt wären. Aktionäre die in das Unternehmen investieren wollten, dürfen sich heute wohl glücklich schätzen, dass dieses "Unternehmen" nie den Sprung an die Börse geschafft hat.

Doch auch die bereits börsennotierten Unternehmen gerieten ab März 2000 zunehmend in Bedrängnis. Mitte des Monats hatte die renommierte amerikanischen Finanzzeitschrift Barron's eine Studie unter dem Titel "Burning Up" veröffentlicht, in der 207 Unternehmen der Internet-Branche untersucht und in eine "Todes"-Rangliste eingestuft wurden. Die Studie kam zum Ergebnis, dass bei den meisten untersuchten Internet-Firmen eine erschreckende Lücke zwischen dem Börsenwert und der betriebswirtschaftlichen Bewertung des Unternehmens klaffte. Da die laufenden Kosten dieser Unternehmen höher als die eingehenden Mittel waren, schätze Barrons, dass 51 der untersuchten Unternehmen spätestens ein Jahr später zahlungsunfähig sein sollten. Sogar dem Internet-Buchhändler Amazon wurde für Januar 2001 die Pleite vorhergesagt, sollte die Burn-Rate (Geldverbrennungs-Geschwindigkeit) unverändert beibehalten werden. Einen Tag später brachte Deutschlands größte Tageszeitung die Ergebnisse dieser Studie als "Die Todesliste der Internet-Firmen" an die breite deutsche Öffentlichkeit. Doch damit nicht genug - in den folgenden Tagen überschwemmten Artikel über Burn-Rates, Todeslisten und negative Cash-Flows die Finanzpresse. Viele Experten rieten daraufhin erstmals zumindest zum teilweisen Verkauf von Internetaktien.

Insbesondere der internetlastige Neue Markt war durch die anschließenden Panikverkäufe betroffen. Erste Firmenpleiten in Amerika und Großbritannien bewiesen, dass an den "Todeslisten" etwas dran sein musste und drückten auf die Stimmung. Zu den ersten Unternehmen, die dort ihre Geschäftstätigkeit einstellen mussten, gehörten heute fast vergessene Namen wie der britische Mode- und Sporthändler Boo.com, der Internet-Möbelhändler Homeportfolio oder der Medien-Händler Pseudo.com. Außerdem reduzierten Unternehmen wie Deja.com, iCast oder das Internet-Portal Altavista große Teile der Belegschaft, um Kosten einzusparen. Obwohl Deutschland bislang im großen und ganzen noch verschont worden war, verlor das Wachstumssegment bis Anfang April über 30 Prozent und notierte am 5. April bei nur noch 5731.

Telekommunikationssektor gerät in Schieflage
Dagegen konnte sich der DAX mit einem Rückgang auf 7330 Punkten (-9%) im gleichen Zeitraum relativ gut halten. Die unzähligen Todeslisten, die ab April mit erstaunlicher Regelmäßigkeit erschienen, drückten aber auch hier auf die Stimmung der Anleger und verursachten bei eigentlich nicht betroffenen High-Tech Werten wie Infineon, Siemens oder der Deutsche Telekom Kursrückgänge. Doch während in Amerika in der Tat die ersten Internet-Unternehmen zahlungsunfähig wurden, lies die erste Internetpleite an der deutschen Börse noch auf sich warten. Dafür zogen ein anderes Ereigniss die Aufmerksamkeit auf sich - die UMTS-Versteigerung.

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