2002: Ein Börsenjahr im Zeichen des Bären - Teil 1: Der Auftakt – das Prinzip Hoffnung

Montag, 09.12.02 08:44
digitale Präsentation mit Kursdaten
Bildquelle: iStock by Getty Images
(aus Jahrbuch Börse 2002/03)

Dass 2002 nach den Terroranschlägen vom 11. September des Vorjahres an den Finanzmärkten kein einfaches Jahr werden dürfte, war den meisten Börsianern klar. Doch nach und nach setzte sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass die Börsen bereits vor den Terrorakten massiv auf Tauchstation gegangen waren. Damit bestand Grund zu der Hoffnung, dass die Anschläge nach rund eineinhalb Jahren Baisse und einer weit gehenden Entzauberung der so genannten New Economy einen im wahrsten Wortsinne schrecklichen Schlusspunkt unter einen der stärksten Bärenmärkte seit dem Kursdesaster von 1929 gesetzt haben könnten. Immerhin hatte beispielsweise der Dax allein von Mai bis September 2001 prozentual ebenso viel verloren wie während des 1987er Crashs. Vom historischen Allzeithoch aus gerechnet, hatte der Nasdaq 100 bis Silvester 2001 um über 65 Prozent an Wert eingebüßt und der deutsche Nemax 50 gut 88 Prozent.

Eine Gegenbewegung nach oben erschien daher überfällig, zumal die Federal Reserve mit einer bis dato beispiellosen Zinssenkungsserie den Geldhahn fast bis zum Anschlag weit aufgedreht hatte. Und: Die von den Septembertiefs ausgehenden Blitzrallies hatten an nahezu allen bedeutenden Börsenplätzen bis zum Jahreswechsel einen durchaus viel versprechenden Erholungsansatz gezeigt, der die meisten Anleger zwar skeptisch, aber nicht hoffnungslos ins neue Jahr eintreten ließ.

In welch ungesunder Balance Realismus und Wunschdenken hierbei möglicherweise standen, verdeutlichte eine zum Jahreswechsel 2001/2002 von boerse.de durchgeführte Umfrage. Über 75 Prozent der über 10.000 Teilnehmer gaben hierbei an, 2001 in ihrem Wertpapierdepot Gewinne erzielt zu haben, was faktisch aber nahezu ausgeschlossen werden muss. Denn der Dax hatte im gleichen Zeitraum trotz einer beeindruckenden Jahresendrallye rund 20 Prozent verloren, der Nemax 50 sogar fast 60 Prozent. Nur vier der 30 Dax-Aktien und sechs Titeln aus dem DJ Euro Stoxx 50 war es gelungen, das verstrichene Jahr mit einem Kursplus zu beenden, während sich der Nemax 50 mit lediglich zwei Gewinneraktien erneut die rote Schlusslaterne verdiente.

Profis: Auf einem Auge blind ins neue Jahr

Nicht weniger wirklichkeitsfremd gingen aber auch die Analysten der großen Banken/Investmenthäuser ins neue Jahr hinein. Von 34 zum Jahreswechsel befragten Researchabteilungen konnte sich für 2002 nicht eine einzige einen nachhaltig fallenden Dax vorstellen. Im Durchschnitt prognostizierten die Banker für das Jahresende vielmehr einen Schlussstand von 5.827,65 Punkten. Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Rückblicks Ende Oktober war der Dax zwischenzeitlich bis deutlich unterhalb der Hälfte dieses Zielkurses eingebrochen. Bereits im Vorjahr hatten die gleichen Experten mit einer Schlussstandprognose von 7.722 Punkten extrem weit neben der tatsächlichen Entwicklung gelegen, sich dadurch aber allesamt nicht in ihrem wenig zielgenauen Analysekurs beirren lassen. Fehleinschätzungen dieses Ausmaßes dürften mit ein Grund dafür sein, dass viele Finanzinstitute heute vor den größten Herausforderungen seit dem zweiten Weltkrieg stehen und speziell deutschen Banken zuletzt selbst von renommierten Rating-Agenturen immer wieder ein Abrutschen in "japanische Verhältnisse" vorgeworfen wird.

"Endlich! Alles in Eurooooooo!"

Zweites beherrschendes Thema zum Jahreswechsel war nicht nur in den zwölf Ländern des Euro-Währungsgebiets die nun auch physische Einführung der neuen Gemeinschaftswährung, die in Deutschland von der o. g. Überschrift der BILD-Zeitung flankiert wurde. Die Umstellung auf die neue Währung erfolgte reibungslos bzw. teilweise sogar besser als erwartet; binnen Kürze wurde die neue Valuta von durch Preissteigerungen enttäuschten Endverbrauchern jedoch in "Teuro" umgetauft.
Statistisch betrachtet, traf dieser Vorwurf, abgesehen von einigen "schwarzen Schafen" nur auf einige Segmente des alltäglichen Lebens (insbesondere Gastronomie, Lebensmittelhandel, div. Dienstleistungen) zu, während sich die so genannte gefühlte Inflation im Jahresverlauf immer weiter von den tatsächlichen, moderaten Inflationszahlen entfernte. Eine Entwicklung, die alle EU-Mitgliedsländer unterschiedlich stark betraf und in vielen Ländern des neuen Währungsgebiets im Jahresverlauf steigende Ablehnungsraten gegenüber dem Euro provozierte.
Inwieweit die von politischer Seite gerade auch für den europäischen Binnenhandel immer wieder beschworenen positiven Effekte der Währungsumstellung tatsächlich gegriffen haben, ist eine Frage, die angesichts der dramatischen Kursverluste an den Aktienmärkten und der global lahmenden Wirtschaft zu viel Interpretationsspielraum bietet, um eine seriöse Antwort zuzulassen.
Fest steht hingegen, dass der Euro seit Jahresbeginn gegenüber US-Dollar, britischem Pfund und japanischem Yen zulegen konnte, während der Schweizer Franken bei insgesamt geringer Schwankungsbreite im Außenwert gegenüber der Gemeinschaftswährung durchgängig etwas fester tendierte.
Am auffälligsten war zweifellos die Kurssteigerung des Euro gegenüber dem US-Dollar, die sich bis zum Redaktionsschluss dieses Artikels auf rund zehn Prozent eingependelt hatte, Mitte Juli, als der Euro erstmals seit über zwei Jahren wieder die Dollar-Parität überschreiten konnte, aber sogar mehr als 15 Prozent betragen hatte. Die traditionell bei derartigen Kurssteigerungen aufkeimenden Klagen der deutschen Exportindustrie wurden durch den Wegfall von Währungsverschiebungen innerhalb des europäischen Binnenmarktes (teil-)kompensiert, ein weiteres und dauerhaftes Ansteigen des Euro gegenüber den wichtigsten Handelspartnern, insbesondere aber über die Paritätsschwelle zum US-Dollar, dürfte für europäische Ausfuhren jedoch einen unerfreulichen Bremseffekt bedeuten.

Den vollständigen Text mit allen Abbildungen und Graphiken finden Sie im Jahrbuch Börse 2002/03, das boerse.de in Kooperation mit der Schwestergesellschaft TM Börsenverlag AG herausgibt. Das Jahrbuch enthält neben diesem Rückblick auf 2002 eine Fülle von weiteren Informationen wie Ratschläge und Prognosen prominenter Finanzexperten, einen ausführlichen Handelskalender für das Jahr 2003, einen umfangreichen Statistikteil, lehrreiche Exkurse sowie eine Übersicht aller Xetra-Aktien mit WKN- und ISIN-Nummer. Weitere Informationen erhalten Sie hier!



Quelle: Deutsches Aktieninstitut


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