„Bankenprognosen und was noch niemand auf dem Plan hat“

Samstag, 25.01.20 09:00

Interview mit Thomas Müller, Herausgeber boerse.de-Aktienbrief

boerse.de: Was denken Sie über die alljährlichen Börsenprognosen der Bankenanalysten?

Thomas Müller: Zu Jahresbeginn haben Jahresendprognosen für die großen Indizes traditionell Hochkonjunktur, obwohl diese nicht einmal Unterhaltungswert bieten. Denn die Analystenheerscharen der Finanzindustrie kommen in ihren Studien alljährlich zu der „Prognose“, dass die Börsen prozentual einstellig wachsen könnten, wobei der Grundtenor von der zum Abgabezeitpunkt vorherrschenden Börsenstimmung geprägt wird.

boerse.de: Anfang 2019 waren die Prognosen trotz der damals sehr pessimistischen Stimmung aber durchaus positiv …

Thomas Müller: Vor zwölf Monaten gab es eine der seltenen Ausnahmen, als Zielkurse von im Mittel 12.170 für den Dax und 26.520 im Dow Jones avisiert wurden. Damit lag die Prognose bei Indexzuwächsen von rund 15%, wobei das ungewöhnlich kräftige Ausmaß – wie in meinem Editorial vom 19. Januar 2019 beschrieben – primär den deutlichen Kursrückgängen im Dezember 2018 geschuldet war.

boerse.de: Wie fallen die Analystenprognosen für 2020 in der Tendenz aus?

Thomas Müller: Wie jedes Jahr sind auf boerse.de jetzt wieder die Bankenprognosen für 2020 zusammengefasst, wobei per saldo keine nennenswerten Veränderungen erwartet werden. So lautet die Konsensprognose für den Jahresend-Dax auf 13.868 Punkte, was inklusive Dividenden einen Zuwachs von nur 4,7% bedeuten würde. Dabei sieht die Société Générale als einzige Bank den Dax bei weniger als 13.000, konkret bei 12.500, während Bank of America und Julius Bär mit jeweils 14.600 am optimistischsten sind. Dazu passt, dass sich im Durchschnitt ein Prognose-Plus von nur 1,2% für den Euro Stoxx 50 errechnet und der S&P 500 sogar 0,7% verlieren soll.

boerse.de: Was kann daraus geschlossen werden?

Thomas Müller: Wenn eine kleine Veränderung erwartet wird, ist eine große wahrscheinlich. Und wenn sich trotz der kräftigen Kursgewinne von 2019 noch nicht der Ansatz einer Euphorie zeigt, dann bestehen gute Chancen, dass die größere Kursbewegung eine positive sein wird.

boerse.de: Welche Vorgehensweise raten Sie Anlegern vor diesem Hintergrund?

Thomas Müller: Ignorieren Sie das Rauschen der Tages-News und schauen Sie auf das große Bild der Börsen. Wir befinden uns in einer Langfrist-Hausse, die sich geradezu nach dem technischen Lehrbuch entwickelt, und zu deren Einordnung sei mein Editorial vom 30. Dezember 2013 ans Herz gelegt.

boerse.de: Damals hatten Sie den Beginn einer neuen Aktien-Ära vorausgesagt samt einem Dax-Kurziel, das jetzt fast erreicht wurde …

Thomas Müller: Mit dem Ausbruch über 8000 wurden damals 13.800 zur charttechnischen Zielmarke für den Dax, und genau 1,7% vor diesem Widerstand hatte der Dax am 23. Januar 2018 nach unten gedreht. Mittlerweile fehlt nur noch ein Wimpernschlag bis zu dieser mächtigen Hürde.





boerse.de: Was würde das bedeuten, wenn diese Hürde geknackt wird?

Thomas Müller: Wenn jetzt der Durchbruch gelingt, dürften auch der Kurs-Dax über 6000/6300 und der Stoxx Europe 600 über 400/420 Punkte ansteigen, womit ganz extreme Bremszonen erobert werden würden, an denen die Kurse im Jahr 2000 (!) erstmals gescheitert waren. Die Eroberung 20 Jahre alter Widerstände sollte dementsprechend eine neue Hausse-Phase einleiten, die so noch niemand auf dem Plan hat!





boerse.de: Das klingt außerordentlich spannend. Die Aussicht auf weiter steigende Kurse könnte Anleger aber auch zu Übermut verleiten …

Thomas Müller: Wir investieren nicht nach Prognosen, sondern nach den Vorgaben der Kurse in der Realität. Dabei ist das A und O, aus einer gesicherten Defensive heraus zu agieren, und dafür stehen als Indexalternativen der BCDI und der neue BCDI USA sowie vor allem der boerse.de-Aktienfonds (für den Vermögensaufbau) und der boerse.de-Weltfonds (für den Ruhestand) zur Verfügung. Da kann dann passieren, was will ...

boerse.de: Herr Müller, herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

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