„Warum wir nichts von ETFs halten, und worauf es wirklich ankommt“

Samstag, 14.12.19 07:00

Interview mit Thomas Müller, Herausgeber boerse.de-Aktienbrief.

boerse.de: Das Highlight am 12. Rosenheimer Börsentag mit diesmal über 1000 Besuchern war wie jedes Jahr Ihr Hauptvortrag. Was stand dabei im Mittelpunkt?

Thomas Müller: In meinem Vortrag am Rosenheimer Börsentag ging es natürlich wieder um den erfolgreichen Portfolioaufbau, für den ganz grundlegende Gedanken über die persönliche Asset Allocation am Anfang stehen.

boerse.de: Wie sollte demnach ein Portfolio aufgebaut sein?

Thomas Müller: Wir empfehlen grundsätzlich, Portfolios wie eine Pyramide zu strukturieren, also den Kapitaleinsatz mit ansteigenden Risiken zu reduzieren. So sollten Derivate-Tradings (wenn überhaupt) nur 10% des Depots ausmachen und Aktien-Tradings (Turnarounds, Sonderchancen) vielleicht 20%, während 70% deutlich konservativer zu investieren sind. Als Basis empfehlen sich dafür Aktienbrief-Champions und für das Fundament besonders defensive Investments, die quasi für die Ewigkeit gehalten werden können.



boerse.de: Zurzeit sind ETFs in aller Munde – dennoch fehlt diese Asset-Klasse in Ihrer Anlage-Pyramide …

Thomas Müller: Weil Einsteiger immer wieder danach fragen, zitiere ich gerne aus meinem Börsentag-Vortrag: Vom Modethema Exchange Traded Funds (ETFs) halten wir nichts, denn die Krux sind die Indizes, auf die sich ETFs beziehen.

boerse.de: Woran hakt es bei den Indizes?

Thomas Müller: Für die Zusammenstellung von Indizes sind Index-Komitees zuständig, und das entscheidende Index-Aufnahmekriterium ist in der Regel die Marktkapitalisierung, also der Börsenwert der jeweiligen Unternehmen. Das führt ganz automatisch dazu, dass populäre Aktien stets nach (!) einem deutlichen Kursanstieg in die Indizes aufgenommen werden. Aber vor allem: Indexanleger möchten in einen ganzen „Markt“ investieren, doch tatsächlich haben zumeist die Aktien mit dem höchsten Börsenwert auch das größte Indexgewicht.

boerse.de: Beim Dow Jones bspw. hat die Marktkapitalisierung jedoch keinen Einfluss auf die Gewichtung …  

Thomas Müller: Der Dow Jones ist eine Ausnahme, der als preisgewichteter Index kurioserweise den Unternehmen mit den nominal höchsten Aktienkursen den größten Indexanteil einräumt. So hat Boeing mit einem aktuellen Aktienkurs von 366 Dollar momentan 9% Gewicht im Dow, während auf Pfizer mit einem Kurs von 39 Dollar nur 1% der Dow-Jones-Gewichtung entfällt. Und das obwohl Pfizer die höhere Marktkapitalisierung aufweist!

boerse.de: Das ist in der Tat skurril. Von daher müsste ein marktbreiter Index wie der S&P 500 eine vernünftigere Streuung aufweisen …

Thomas Müller: Der auf dem Papier super-breite S&P umfasst zwar 500 Aktien, doch die vier größten Unternehmen, das sind Apple, Microsoft, Amazon und Facebook, haben ein Indexgewicht von 12%! Und im Dax sind es fünf Unternehmen, konkret SAP, Linde, Allianz, Siemens und Deutsche Telekom, auf die sage und schreibe 42% Indexgewichts entfallen! Das ist absurd.

boerse.de: Kaum zu glauben. Wie vielen Käufern von Dax-ETFs mag diese Konzentration bewusst sein?

Thomas Müller: Und wie vielen Anlegern bzw. Einsteigern ist klar, dass der Dax letztlich einen riesigen Korb langfristiger Verlierer-Aktien präsentiert? Denn von den 30 Dax-Titeln notieren per Ende November neun (!) unter dem Niveau zur Jahrtausendwende, wobei in den vergangenen 18 Monaten schon drei Dauer-Verlierer (ThyssenKrupp, Commerzbank, ProSiebenSat.1) herausgenommen wurden! Auf die Idee, so viele Kursverlierer der vergangenen 20 Jahre ins Depot zu nehmen, muss man erst mal kommen. Doch genau das macht jeder Dax-Käufer.

boerse.de: Verrückt. Welche Schlüsse sind daraus zu ziehen bzw. gibt es eine sinnvollere Lösung für dieses Dilemma?

Thomas Müller: Es kommt eben nicht auf die Größe an! Der Dax ist ein Trading-Objekt, aber kein sinnvolles Investment, und schon gar kein defensives. Dagegen basieren unsere Indizes ausschließlich auf der langfristigen Anlagequalität, wobei – auch das ist eine Besonderheit – die enthaltenen zehn Champions gleichgewichtet sind und zwei Mal jährlich wieder readjustiert werden.


boerse.de:
Wie wirkt sich die Qualitätsauswahl und die Gleichgewichtung im Vergleich mit Indizes wie Dax & Co aus?

Thomas Müller: Den boerse.de-Champions-Defensiv-Index (BCDI), der zehn europäische Champions umfasst, gibt es nun schon seit 64 Monaten an der Börse. Seitdem hat der BCDI +68,7% zugelegt und sämtliche europäischen Aktien-Indizes massiv outperformt. Der Dax wurde bspw. um +99% übertroffen. Genauso soll unser neuer BCDI USA, der die Wertentwicklung von zehn US-amerikanischen Top-Champions abbildet, die US-Indizes S&P 500 und Dow Jones schlagen. Deshalb verstehen sich die Zertifikate für Europa (WKN: DT0BAC) und die USA (WKN: VE3BAC) als Alternativen für Indexanleger, nicht mehr und nicht weniger.

 

boerse.de: Neben den Zertifikaten auf BCDI und BCDI USA befinden sich unter den Rosenheimer Investmentalternativen noch zwei weitere wichtige defensive Depot-Bausteine …

Thomas Müller: Für den Vermögensaufbau legen wir den boerse.de-Aktienfonds (WKN: A2AQJY) ans Herz, der mittlerweile in 34 Champions investiert, und für den Ruhestand den boerse.de-Weltfonds (WKN: A2JNZK), der – wie es ein Börsentag-Besucher trefflich formulierte – mit deutlich weniger PS unterwegs ist. Mehr Fundament geht an der Börse eigentlich nicht! Und genau darauf kommt es wirklich an.

boerse.de: Herr Müller, herzlichen Dank für das interessante Gespräch!



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