Die ganze Wahrheit über Wall-Street!

Donnerstag, 23.03.00 09:09

Macht Spekulatius kluge Börsianer? Um Sie nicht auf die Folter zu spannen, die Antwort gleich vorneweg: Eltern, die ernsthaft glauben, daß ihre Kinder durch die nachfrage-deckende Verfütterung von Spekulatius in die Lage versetzt werden, später einmal in die Fußstapfen von Kostolany oder Soros zu treten, haben in ihrer Kindheit vermutlich ebenfalls eine nicht folgenlos ausgeheilte Fördernahrung genossen. Wie zum Beispiel Kohl.

Dramatisch ist das nicht, denn bis die Kleinen groß sind, dürfte die mit unser aller Aktienkapital gesponsorte Gentechnik so weit sein, daß durch winzige Eingriffe ins Erbgut jedem kinderwilligen Paar garantiert werden kann, daß der Nachwuchs Aktien nur am Tiefpunkt kaufen und stets am Top verkaufen wird. Diesbezügliche Gen-Spender hat sicherlich jeder von uns genügend im Bekanntenkreis.

Da Spekulatius also nicht automatisch weise Spekulanten macht und die Gentechnik sich aus irgendwelchen Gründen derzeit anscheinend doch lieber mit dem Klonen von Schweinen als mit der Isolierung des für uns alle so bedeutsamen Win-Gens beschäftigt, haben heutige Börsianer den Griff in eine ganz alte Trickkiste wiederentdeckt: Das Börsengeschäft auf Kredit. Eine wirklich ganz tolle und in Deutschland viel zu wenig praktizierte Idee. Wahrscheinlich, weil die Banken sie nicht verstehen, obwohl sie doch im Grunde so unendlich einfach ist:
Wer nach all den Jahren der Hausse noch immer kein eigenes Kapital hat, leiht sich einfach welches, investiert kurz in Aktien, die er nach einer Woche wieder verkauft, das geliehene Geld zurückgibt und von dem übrig gebliebenen Gewinn wieder Aktien kauft.

Wie fast immer, sind uns die Amerikaner auch in diesem Bereich leider schon mal wieder einen Schritt voraus. Denn gemessen an der Marktkapitalisierung der Börse wird hier zur Zeit wieder so kräftig auf Kredit spekuliert wie zuletzt im August 1987. In absoluten Zahlen allerdings noch wesentlich stärker. So stieg das gesamte Kreditvolumen für Aktienkäufe auf zuletzt 265 Mrd. US-Dollar. 35 Prozent dieser Summe wurden allein seit Oktober neu aufgenommen.

Die Beleihungsgrenze für bestehende Wertpapierdepots liegt in den USA in aller Regel bei 50 Prozent, d. h. ein bestehendes Portefeuille im Wert von 100.000 USD kann mit 50.000 USD beliehen werden, die dann ebenfalls zu Aktienkäufen genutzt werden können. Fällt der Aktienkurs allerdings anstatt zu steigen, was es ja früher einmal gegeben haben soll, muss der Kreditnehmer eine Sicherheitsmarge nachschießen. Ist er dazu nicht in der Lage, muss er zur Deckung der Nachschußpflicht Aktien verkaufen. Der dadurch tendenziell zunehmende Abgabedruck könnte allerdings weitere Kursverluste nach sich ziehen, die ihrerseits andere Aktienkredite in die Klemme brächten etc. etc.

Auffälligerweise widmen die meisten Marktteilnehmer an der Wall-Street derartigen Fakten, deren Folgen historisch hinreichend belegt sind, keinerlei Aufmerksamkeit. Schon eher stellen sie sich mit leichtem Unwohlsein die Frage, ob es denn mit dem Teufel zugegangen sein muß, daß der Dow Jones ausgerechnet in der Woche des dreifachen Hexensabbats (Verfalltermin von Futures und Optionen) um genau 666 Punkte gestiegen und damit den höchsten wöchentlichen Punktgewinn seiner Geschichte erzielt hat. Und das, obwohl die immer machtloser wirkende Fed an der Zinsschraube dreht, was das Zeug hält.

Währenddessen hat sich der marktbreite S&P 500 auf ein neues All Time-High hochgeschraubt. Sie wissen schon: Angeblich kommt es hier zum großen Umschichten aus den High-Techs in die alten Blue Chips. Nur:

Coca-Cola, Heinz-Ketchup, Cheeseburger, Pampers, Marlboro und Colgate aber sind einfach nicht der Warenkorb, in dem die Bausteine für die Hausse der kommenden Jahre liegen.

Was hier offensichtlich einfach fehlt, ist - Sie ahnen es - Spekulatius.

Beste Grüße - und bitte Visier schließen!

Axel Retz

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