Eh! Hasde Kultur, eh?

Donnerstag, 13.04.00 17:07

Wer an der österlichen Festtafel mit beiden Händen gierig nach der Lammkeule langt und dann mit den fett-triefenden Händen in die Salatschüssel, um sich nach dem Mahl den Finger in den Hals zu stecken und alles wieder herauszuwürgen, hat von Tischkultur sicherlich noch nichts gehört.

Wenn sich einige Marktbeobachter heute hocherfreut darüber äußern, dass die Deutschen endlich eine Aktienkultur entwickelt haben, wird der Begriff der Kultur ohne Frage nicht weniger stark geschändet. Denn das schier blindwütige Zeichnen aller neu emittierten Aktien und deren sofortiger Verkauf ähnelt o. g. Tisch-Szenario und hat mit Investieren, Anlegen oder auch Spekulieren nichts mehr zu tun. Vielmehr geht es hier einzig und allein um eine gesellschaftlich tolerierte und sogar teilweise bewunderte Form des Zockens, die nach dem Schneeballsystem immer mehr Mitspieler anlockt, bis der ganze Popanz schließlich wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt

Erkennbar sind die Endphasen derartiger "Kulturschocks" durch extreme Kursausschläge, eine breite Beteiligung völlig unerfahrener Marktteilnehmer, die zunehmende Spekulation auf Kredit und die feste Überzeugung auch "konvertierter" alter Hasen, dass eine Kurssteigerung von 200 Prozent im Zeitraum X etwas völlig Normales, eine Kursabschwächung um 50 Prozent im gleichen Zeitraum aber schlichtweg undenkbar sei.

Alle diese Faktoren liegen per heute vor. Denn mit einem Kursplus von über 14 Prozent am vergangenen Donnerstag sprang der Nemax 50 ziemlich genau um den Betrag in die Höhe, die der Dax im langjährigen Mittel innerhalb eines Jahres schafft. Dass die Aussicht auf das schnelle Geld immer mehr Ahnungslose in ihren Bann zieht, bedarf keines weiteren Beweises, wird man doch allenthalben mit Gesprächen über Aktien konfrontiert, ganz gleich, in welchen Kreisen man sich bewegt. Und während für Deutschland Zahlen zur Spekulation auf Kredit nach wie vor nicht vorliegen, signalisieren die entsprechenden US-Statistiken eine noch nie dagewesene Bereitschaft der Anleger, mit geliehenem Geld an den Börsen auf Gewinnjagd zu gehen. Als i-Tüpfelchen des abhanden gekommenen Realitätssinns muss aber gelten, dass selbst vorgeblich erfahrene Börsianer nach einer Verdreifachung der Kurse im Nemax seit Oktober offensichtlich nicht mehr in der Lage sind, sich eine Korrektur um 50 Prozent vorzustellen, obwohl sie die o. g. Warnzeichen allesamt kennen und offen liegend vor Augen haben. Und bitte: Warum sollte eine Aktie, die noch im September niemand haben wollte, bei unverändert miesen Fundamentals heute ein Schnäppchen sein, wo sie das Doppelte kostet? Nur weil sie zwischenzeitlich noch viel teurer war, oder wie? Kurzum:

Während die Indizien für eine Fortsetzung der Abwärtsbewegung in den Technologie-Aktien weiterhin das Vollbild einer Manie zeichnen, beweist der Kurssprung der letzten Woche, dass Nemax und Nasdaq noch weit von einer echten Marktbereinigung entfernt sind. Denn diese würde sich in einer bis zur Panik gesteigerten Angst äußern.

Aber erst nach dieser Bereinigung, wenn echte Anleger an die Börse zurückkehren, Dividende und KGV wieder zu salonfähigen Begriffen geworden und die Junk-Stocks vom Neuen Markt liquidiert worden sind, wird sich zeigen, ob Deutschland auf dem Weg zu einer "Aktienkultur" einen Schritt weitergekommen ist!

Eine erfolgreiche Börsenwoche wünscht

Axel Retz

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