Fair und transparent in den April geschickt

Donnerstag, 06.04.00 16:59

Den Unmut vieler leer ausgegangener Infineon-Zeichner noch vor Augen, erklärte der Herr des großen T, Ron Sommer, am vergangenen Montag, dass bei der nun angelaufenen Zeichnung und Zuteilung der T-Online-Aktien alles "fair und transparent" gestaltet werde. Anstatt diesen Worten auch gleich durch entsprechende Taten Fleisch zu verleihen, folgte in der gleichen Pressekonferenz die lapidare Mitteilung, dass hierzu keine weiteren Informationen gegeben werden können.

Wie schicksalsträchtig dieser Tag für Fairness und Transparenz war, zeigte sich einige Stunden später, als Richter Jackson sein Urteil im Microsoft-Kartell-Prozess sprach und dem US-Softwaregiganten bestätigte, über Jahre hindurch jenseits der Legalität operiert und damit unzählige Kunden und Wettbewerber geschädigt zu haben. Nur:

Anders als im Falle Microsoft, wo Hunderte von Millionen von Anwendern de facto schlichtweg keine andere Wahl hatten, als mit Windows und auf dieser Plattform aufsetzenden Programmen zu arbeiten, ist an der Börse niemand gezwungen, diese oder jene Aktie zu zeichnen oder zu kaufen. Dass die Marketing-Strategen der großen Unternehmen alles daran setzen, um den Anleger diese Entscheidungsfreiheit vergessen zu machen, versteht sich am Rande.

Und so wird die mehr dem Konsum als dem Investment zugehörige "Ex&hopp"-Mentalität der Jung-Anleger, die heute zeichnen und morgen sofort wieder verkaufen, nicht nur noch ein Weilchen Bestand haben, sondern vermutlich sogar noch einmal auf ein neues Rekordlevel ansteigen. Denn:
Die von dieser Kolumne wiederholt klipp und klar angekündigte Abwärtskorrektur am Neuen Markt dürfte nur kurzfristig unterbrochen worden sein. Denn nachdem der Nemax 50 in weniger als einem Monat um über 34 Prozent nach unten "korrigiert" und per Mittwoch die Oktober-Aufwärtstrendlinie tangiert hatte, war eine Aufwärtskorrektur jetzt überfällig. Aber:

Auch wenn die Unbelehrbaren jetzt noch einmal ans Ruder kommen und erneut in dem Gefühl schwelgen dürfen, dass niedrigere Kurse letztlich nur Kaufkurse sind: Vorbei ist die Abwärtskorrektur noch lange nicht. Aber einen Vorgeschmack hat sie schon einmal hinterlassen. Bis zur Wiederaufnahme des Bärenmarktes der High-Techs könnte es vielleicht gar nicht mehr lange dauern. Denn am 17. April wird T-Online in den Handel eingeführt. Und eine wenig überzeugende Performance dieser von den Medien zum Gewinner verdammten Aktie würde den Markt vermutlich sofort wieder auf die Baisseschiene setzen.

Und bis dahin besteht genügend Zeit, sich nach den Aktien solcher Unternehmen umzusehen, die von Fairness und Transparenz nicht nur reden, sondern sie auch praktizieren.

Eine erfolgreiche Börsenwoche wünscht

Axel Retz

© 1994-2019 by boerse.de - Quelle für Kurse und Daten: ARIVA.DE AG - boerse.de übernimmt keine Gewähr