Greenspans Pfotenschläge

Dienstag, 28.03.00 16:56

Von wegen Zeitumstellung! Die biologische Uhr des hauseigenen Katers namens Greenspan tickt unerbittlich im eigenen Rhythmus weiter. Und so erfolgt allmorgendlich gegen 06:00 Uhr erst ein leichter Pfotenschlag ins Gesicht des Autors, der soviel wie den Wunsch nach einem bescheidenen Frühstück bedeutet. Wird diesem Hinweis nicht Folge geleistet, kommt es wenige Minuten später zu einem Biß in die Nase des unwilligen Schläfers.

Nicht viel anders verhält sich derzeit die Börse, die freundlicherweise diesmal wirklich alles unternimmt, um die Marktteilnehmer vor einem kommenden, scharfen Schlag zu warnen. Doch hören wollen -und können- diese Warnrufe vermutlich nur diejenigen Börsianer, die der zunehmend kleiner werdenden Schar der Anleger zuzurechnen sind. Denn mehr und mehr wimmelt auf dem Börsenparkett die bunte und schillernde Gilde der Zocker umeinander, die im eigentlichen Sinne nicht einmal als Aktionäre zu bezeichnen sind, da bei ihnen zwischen Zeichnung und Verkauf einer neu emittierten Aktie kaum einmal mehr ein Tag vergeht.

Der angesichts der extremen Überbewertung vieler High-Techs nicht mehr nachvollziehbare Realitätsverlust dieser Zocker dürfte jedoch spätestens dann einer heftigen Katerstimmung Platz machen, wenn die Gewinnausweise der hochgejubelten Börsenlieblinge zur Veröffentlichung anstehen. Denn dann wird es auch nichts mehr nützen, dass Alan Greenspan in geradezu verantwortungsloser Manier die wachsenden Produktivitätsgewinne der High-Tech-Branche beschwört, obwohl gerade er lieber deutlich tiefere Börsenkurse sähe. Nur:

Der Mann sitzt in der Klemme. Niemand als er selbst hat es letztlich zu verantworten, dass die Börse im Liquiditätstaumel von einem Top zum nächsten hastet, daß in noch nie dagewesenem Ausmaß auf (billigen) Kredit spekuliert wird und daß eine "soft landing" der Konjunktur immer schwieriger wird.

Denn weit davon entfernt, etwa wie die ängstlichen Japaner zu sparen und noch einmal zu sparen, konsumieren die US-Bürger, was das Zeug hält. Geld ist ja genügend da - nicht zuletzt dank der immensen Spekulationsgewinne. Da sich dieser Nachfrageboom schon lange nicht mehr durch die am Auslastungslimit arbeitende US-Industrie befriedigen läßt, muß importiert werden, was zum einen dank des teuren Dollars für die US-Bürger günstig ist und zum anderen als Negativ-Effekt Handels- und Leistungsbilanzdefizit immer stärker ausweitet. .

Beides spricht gegen einen auf Dauer festen US-Dollar, von der seit Monaten zusammenschrumpfenden Zinsdifferenz einmal ganz abgesehen.. Und damit wächst das Risiko, dass Wall Street oder Greenback den Startschuß zu einer Abwärtsspirale der Kurse geben, die den Ausstieg ausländischen Kapitals aus amerikanischen Aktien einleiten und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Nasdaq-Aktien am stärksten treffen würde. Nur:

Geht Greenspan weiterhin so zögerlich vor wie bisher, verlieren die Haussiers jeden Respekt vor ihm, um in einem Anflug von Überschwang unmittelbar nach jeder Zinserhöhung die Kurse weiter nach oben zu treiben - mit der Gefahr eines nachfolgenden, ausgewachsenen Crashs. Denn während die Aktienmärkte Greenspans Trippelschritte als Einladung zum Freudentanz mißverstehen, gerät die Wirtschaft, insbesondere die "Old Economy", durch den anhaltenden Zinsanstieg immer mehr unter Druck.

Damit wächst die Notwendigkeit, dass sich die Federal Reserve etwas Neues einfallen läßt, will sie nicht statt der Maus die Katze vergiften. Dazu steht ihr ein ganzes Bündel von Maßnahmen zur Verfügung. Warum Greenspan sie bis jetzt noch nicht angewandt hat, bleibt fraglich. Offensichtlich fürchtet niemand im Lande einen Kollaps der Aktienkurse mehr als die Fed. Sollte das so sein, wird sie einmal dafür verantwortlich sein, wenn eine noch "therapierbare, verschleppte" Kursbereinigung letztlich unkontrollierbare Ausmaße annimmt!

Eine erfolgreiche Börsenwoche

wünscht

Axel Retz

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