If you panic - panic first!

Montag, 27.11.00 17:07
Der Anleger sollte diese Worte des Börsengurus Harry Schultz nie vergessen und wissen, für diesen Crash, den wir jetzt erleben, ist es alle Mal zu spät. Nachdem an den Weltbörsen eine "Kapitalvernichtung" von 4,2 Billionen Dollar stattgefunden hat (Mitte November 2000 im Verhältnis zu Ende März), ist eher die Frage berechtigt, ob der Crash nicht bereits in der Endphase ist. Die Grössenordnung 4.200 Milliarden Dollar Kapitalverlust ist mehr als das Bruttosozialprodukt der zweitgrössten Wirtschaft der Welt, Japans. Es erhebt sich die Frage, inwieweit dieser Börsencrash die reale Wirtschaft tangiert. Da können wir davon ausgehen, dass sich das Wirtschaftswachstum weltweit in den nächsten zwei Jahren verringern wird. Die Frage ist nur, ob es in Amerika eine "soft landing" gibt, oder ob sich die Ereignisse dramatisch verändern können. Seltsam erscheint die Warnung der grössten Investmentbank der Welt Merrill Lynch: "Es besteht die Gefahr eines unkontrollierten Absturzes". Natürlich ist es möglich, dass die Wall Street Lieblinge oder "heilige Kühe" , wie Cisco Systems, EMC, Juniper Networks, die alle noch KGV Ratios von über 100 haben, noch geschlachtet werden. Aber ich würde das Risiko nicht hoch einschätzen, den Nasdaq Index unter 2.000 fallen zu sehen.

Übrigens in der Spitzengruppe der Kapitalvernichtung sind Stars wie Microsoft (- 240 Mrd. Dollar), Lucent (- 170 Mrd. Dollar), AT&T (- 150 Mrd. Dollar). Da nehmen sich die Verluste am Neuen Markt ausgesprochen bescheiden aus: EMFTV, Mobilcom, T-Online, Intershop und Consors brachten es zusammen auf "bescheidene" 80 Milliarden Euro. Auch hier ist es wahrscheinlich, dass die Baisse noch nicht zu Ende ist. Es gibt eine Unterstützungslinie im Bereich 3.000 bis 3.200. Der Absturz allerdings von 8.560 im März dieses Jahres auf 5.300 Ende April kann in die Kategorie des klassischen Crash eingestuft werden.

Einer der Gründe, warum es insgesamt nicht zu einem klassischen Crash kommt, ist der nach wie vor gewaltige Cashflow in Aktienfonds. Die breite Masse ist inzwischen überzeugt, dass Aktien langfristig die beste Anlage sind und hält an diesem Glauben fest. Es gibt allerdings schon erste Anzeichen, dass der Zufluss in Aktienfonds vorübergehend eine Atempause einlegt. Waren es noch 17,3 Mrd. Dollar, die im September in Amerika in Aktienfonds flossen (im Februar waren es noch 53,7 Milliarden), kannte der Oktober zum ersten Mal seit langer Zeit einen Nettoabfluss: 9,6 Milliarden Dollar.

Die Salami Crash Karawane zieht weiter, und mittlerweile bestätigen die Medien, dass es diesen Zustand gibt (FAZ vom 23.11.: "Der Crash auf Raten geht weiter"). Stellen Sie sich darauf ein, dass es einige Jahre braucht, bevor die Aktienbewertung allgemein auf historische Normen zurückgekommen ist. Vergessen Sie nicht, dass es in Japan über 10 Jahre dauerte (1990 war der Nikkei bei 40.000 - heute bei 14.000), und es weder zu einem klassischen Crash noch zu einer Depression kam, was nicht heisst, dass der japanische Salami-Crash bereits abgeschlossen ist, es kann auch dort noch Monate bzw. Jahre dauern.

Halten Sie nach wie vor 60% Ihres Portefeuilles in Triple A Anleihen und 30% in Standardwerten. Vergessen Sie nicht, Ihren Cash in hochrentable Geldfonds anzulegen, die Ihnen auch zwischen 5 und 7% p.a. geben. Wenn einer Ihrer Lieblinge abstürzt, dann haben Sie Cash zur Verfügung, um sofort zu handeln. Wer Aktien auf Kredit gekauft hat, der überlässt das Handeln zu gegebener Zeit dem Kreditgeber.

Ich kann natürlich einen plötzlichen Absturz der Kurse nicht ausschliessen; denn schliesslich können unvorhersehbare Ereignisse den Menschen in Panik versetzen. Der Ölpreis könnte über 40 Dollar pro Fass ansteigen, die Situation im Nahen Osten könnte außer Kontrolle geraten, die BSE-Affäre könnte Europa spalten etc. etc. Im Grunde genommen aber, halte ich die grosse Kurskorrektur, vor der ich schon seit Jahren spreche, für zum Grossteil ausgestanden: 4,2 Billionen Dollar (davon fast 3 Billionen in der New Economy) sind jedoch bereits der grösste Finanzcrash in der Geschichte der Menschheit.

Roland Leuschel

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