Jahresanfangs-Sentiment als Indikator

Montag, 02.10.06 10:30
Stellen Sie sich vor, es ist die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Sie machen sich Gedanken über das kommende Jahr, u.a. über Ihre eigenen wirtschaftlichen und finanziellen Erwartungen. Normalerweise schaut der Mensch positiv in die Zukunft. Es gibt allerdings Faktoren, die den Blick nach vorn trüben können. Zum Beispiel ist der Optimismus der meisten Menschen nach einer längeren wirtschaftlichen Schwächephase eingetrübt, gerade auch zum Ende einer Rezession hin. Nach einer längeren Aufschwungphase ist die Stimmung hingegen meist so, wie es dem natürlichen Verhalten entspricht: Es herrscht Hoffnung, dass es so positiv wie in den Vorjahren weitergehen wird. Um diese Stimmung zu erfassen, haben wir uns erlaubt, den jeweils ersten durch „Investors Intelligence“ gemeldeten Wert eines Jahres grafisch darzustellen. Investors Intelligence vermeldet die Stimmung der US-Börsenbriefschreiber.

Wie oben beschrieben glauben wir, dass dem ersten Wert eines Jahres eine besondere Bedeutung zukommt. Man erkennt auf dem folgenden Chart, dass die Hoffnung der Börsenbriefverfasser auf eine breite Erholung des US-Aktienmarktes in den 70er Jahren kontinuierlich fiel (schwarzer Pfeil). Zu Beginn des Jahres 1981 waren lediglich 29 Prozent aller Börsenbriefe bullisch eingestellt. Der lange Bärenmarkt (damals bereits 15 Jahre alt) hinterließ deutliche Spuren.



Die Stimmung änderte die Richtung und erreichte in den Jahren 1985 und 1986 einen vorläufigen Höhepunkt. Im Jahr darauf erfolgte der Crash. Dieser ließ die Jahresanfangs-Stimmung in den beiden Folgejahren beträchtlich absinken. Erst zu Jahresbeginn 1990 überschritt die positive Stimmung wieder die 50-Prozent-Marke, und schon kam die Rezession von 1990/91. Nach dem schwachen Aktienjahr 1994 war die Stimmung zu Beginn des Jahres 1995 spürbar nervös. Genau zu jenem Zeitpunkt begann der Endspurt des Bullenmarktes der 90er Jahre. 1999 und 2000 herrschte eine hervorragende Jahresanfangsstimmung, und schon ging es an den Aktienmärkten abwärts (Anf. 2000 bis März 2003).

Und jetzt geschieht das für mich unerklärliche: Die Jahresanfangs-Stimmung hielt sich trotz eines massiven Einbruchs an den Märkten seither immer oberhalb der 50-Prozent-Marke (bis auf 2003; knapp darunter). Anfang 2005 wurde ein Rekordwert von 62,9 Prozent markiert. Ein solcher Wert wurde seit den 70er Jahren nicht mehr erreicht. Auch in diesem Jahr war die Jahresanfangs-Stimmung der US-Börsenbriefschreiber mit 55,7 Prozent ausgesprochen positiv.

Der grüne Pfeil auf dem obigen Chart verdeutlicht die Aufwärtsbewegung der Jahresanfangs-Stimmung seit Ende der 80er Jahre. Stimmungsmäßig ist der Bullenmarkt der 90er Jahre nicht im Jahr 2000 beendet worden, sondern noch immer im Gange.

Wer von einem derzeit miesen Sentiment der Anleger spricht, sollte sich die obige Grafik genau anschauen.

Robert Rethfeld
Wellenreiter-Invest

Robert Rethfeld ist selbständiger Wirtschaftsjournalist, Buchautor ("Weltsichten/ Weitsichten") und betreibt eine Onlinepublikation für finanzielle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen auf Abonnementbasis ("www.wellenreiter-invest.de").
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