Dreieinhalb Wochen oder: Ewig grüßt der Lemming

Montag, 10.04.00 10:40

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es ist gerade zwei Wochen her, dass ich in dieser Kolumne darauf hinwies, dass sich die Korrektur des Neuer-Markt-Index Nemax 50 schnell bis auf 6.000 Punkte hinunter fortsetzen könne, wenn nicht eine sofortige Stabilisierung gelänge. Sie gelang nicht. Zwar wurde mein Kursziel auch intraday um knapp 200 Punkte verfehlt - aber bei dem Tempo, in dem sich der Kursverfall abspielte, kann man nicht alles auch noch punktgenau haben wollen. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen:

Dreieinhalb Wochen dauerte das Trommelfeuer der Verkäufer. Und als es dann am Mittwoch vorbei war, notierte der Nemax 50 sagenhafte 34,5 Prozent tiefer. Bemerkenswert dabei die Rolle der Bild-Zeitung. So gar nicht renommiertes Börsenblatt erschreckte sie am Freitag, den 31. März vor allem die weniger erfahrenen Anleger mit dem Titel "Sind unsere schönen Gewinne futsch?". Diese Headline hat sicherlich ihren Teil dazu beigetragen, dass die Nervösen unter den Investoren, die eigentlich noch an eine schnelle Erholung glaubten, auch noch ausstiegen. Nicht wenige mögen sich da bereits in der Verlustzone wiedergefunden haben, hatte der Nemax doch bis dahin bereits 2.100 Punkte verloren. Und dennoch bin ich Bild für diese Überschrift dankbar. Warum?

Nun, meine masochistischen Neigungen halten sich durchaus in Grenzen. Aber die allgemein aufgekommene Panik hat letztlich dazu geführt, dass aus einem Schrecken ohne Ende ein Ende mit Schrecken wurde. Der Sell-Off von Freitag dem 31. bis Mittwoch vergangener Woche war genau das Szenario, dass den erfahrenen Börsianern das Ende der Abwärtsbewegung signalisiert. Sackweise Verkaufsorders, einer nach dem anderen, und kein Käufer weit und breit. Wenn niemand mehr an steigende Kurse glauben mag, dann halten die Profis die Hand auf - aber erst dann!




Es ist ja eigentlich ein Witz: Als der Nemax sein Kursniveau nach einer fünfmonatigen, historisch einmaligen Hausse nahezu verdreifacht hatte, fand man selbst dann keine mahnenden Worte, wenn man bewusst danach gesucht hat. Ich fühlte mich mit meinen Warnungen ziemlich alleine, sogar Branchenkollegen schüttelten ob des pessimistischen Gehrt den Kopf. Doch jetzt, als die Notierungen ein Drittel ihres Wertes in dreieinhalb Wochen abgegeben hatten, griff alles und jeder in die Jammerharfe. Plötzlich waren Kursziele von 5.000 Punkten noch moderat angesetzt. Festzuhalten gilt, vor allem für diejenigen unter uns, die solch einen "Budenzauber" zum ersten Mal miterleben:

Börse ist zu einem Großteil Psychologie. Wenn die Anleger ersteinmal glauben, unverwundbar zu sein, kaufen sie auch noch zu den aberwitzigsten Kursen. Wenn die Notierungen dann aber ins Rutschen geraten und die Angst um sich greift, ist man selbst nach einem "Crash" von 35 Prozent bereit, die vormals hochgelobten Aktien billigst auf den Markt zu werfen. Euphorie ist halt ansteckend - Angst ebenso. Dieses Phänomen der Massenpsychologie führt dazu, dass sich die Anleger wie Lemminge verhalten. Und es hat zur Folge, dass trotz der immensen Hausse seit Oktober nicht wenige Aktionäre per saldo mit Verlusten dastehen, weil sie ärgerlicherweise "oben" gekauft und "unten" wieder verkauft hatten.

Seien Sie kein Lemming! Es mag ja sein, dass der Nemax nocheinmal einen Rücksetzer in den Bereich um 6.300/6.400 vollzieht, aber selbst wenn, wird diese Aktion eher von kurzer Dauer sein. Die fundamentalen Rahmenfaktoren für den Aktienmarkt sind noch genauso, wie sich zum Zeitpunkt des bisherigen Allzeithochs am 10. März waren. Und die charttechnische Analyse signalisiert: Touchdown und aufwärts! Denn der Index hat, wie Sie am Chart erkennen können, präzise auf dem Niveau der Oktober-Aufwärtstrendlinie wieder nach oben gedreht. Dementsprechend haussierte der Index am Donnerstag und Freitag gleich um fast 20 Prozent in nur zwei Börsensitzungen. Einmalig und für meinen Geschmack etwas zu hurtig. Aber andererseits: Wenn alles und jeder damit rechnet, dass die Kurse nocheinmal zurückkommen, passiert es es meist nicht. Ich wiederhole daher:

Seien Sie kein Lemming! Kaufen Sie nicht erst, wenn die Kurse schon wieder seit Wochen gestiegen sind. Nehmen Sie das aktuelle Level zum Anlass, um erste Positionen in grossen, renommierten Neuer-Markt-Aktien ebenso wie in den technologieorientierten Blue Chips des Dax SAP, Epcos und Siemens einzusammeln. Eine Kapitalreserve für den Fall, dass es doch noch einmal abwärts geht, muss aber bleiben. Denn es gibt im Endeffekt zwar keinen Grund dafür, dass die bisherigen Tiefs nocheinmal unterboten werden, aber sicher ist sicher. Zumal: Der Kursverfall hatte keinen Auslöser. Ich hatte an dieser Stelle ja auch bereits gewarnt, dass es dessen nicht bedürfe. Aber die Wahrscheinlichkeiten stehen heute einfach zugunsten der Bullen. Denn wir sind jetzt auch für Leute ohne Lesebrille klar erkennbar nicht "oben" sondern "unten". Befolgen Sie also die alte Börsenregel "unten kaufen, oben verkaufen" und greifen Sie zu - vorsichtig, aber konsequent. Das bedeutet zwar, die psychologischen Fußfesseln der Lemminge abzustreifen. Aber diese Überwindung lohnt sich zweifellos!

Eine erfolgreiche Börsenwoche wünscht

Ronald Gehrt

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