Psychofallen und Stops anderer Leute

Dienstag, 02.05.00 13:42

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Was lese ich denn da querbeet in Börsenbriefen und -zeitschriften? Die Masse der Internetaktien und Biotechnologietitel sei "tot". Die scharfe Korrektur sei vielleicht schon in ihrer Endphase, aber noch nicht ausgestanden. Zehn oder zwanzig Prozent könne es noch unter die bisherigen Tiefs gehen, bei manchen Werten sei es aber noch lange nicht vorbei. "Überbewertet", "zu teuer", "Phantasiekurse" - bei diesem Hagel ketzerischer Schlagworte braucht der Anleger schon einen stabilen Regenschirm - oder eben ein dickes Fell. Noch toller wird es mit der Aufzählung der Buhmänner getrieben: CMGI, Softbank, United Internet, Intershop, Yahoo!, America Online etc. Nanu, habe ich mich da zunächst gefragt, wieso kommen denn solche seltsam bearishen Kommentare von einer vormals jubilierenden Bullenhorde? Und warum trampeln die jetzt genau auf den Werten herum, die eben diese Autoren - zumindest teilweise - noch vor drei oder vier Monaten als Superchancen bezeichnet haben? Taschenrechner kaputt? Zum Bären bekehrt? Zeichen von oben? Mitnichten. Der Fall liegt klar, wenn auch nicht offensichtlich erkennbar:

Ausgerechnet jetzt, wo sich Nemax und Nasdaq gerade aufmachen, nach einer ungewohnt schnellen und weitreichenden Korrektur Trendwendeformationen zu vollenden und die Markttechnik hier wie auch in einer Vielzahl dieser vorgenannten "Finger-Weg-Aktien" bereits wieder auf "grün" schaltet, hebt die Mehrheit der Ratgeber warnend den Finger. Der Grund ist die Psychofalle, die an der Börse alles und jeden erwischen kann - auch erfahrene, seriöse Journalisten. Wo das Problem liegt? Nicht selten sind es die Stoppmarken, die hier ein Problem verursachen.

Stopps gibt es viele. Es gibt starre Stopps, im fixen Abstand zum letzten Höchstkurs nachgezogene Stopps (Trailing Stopps), prozentuale Stopps oder (zumeist) anhand der charttechnischen Situation festgemachte und daher regelmäßig zu überprüfende Stopps. Das macht auch Sinn. Denn der Investor hat die Neigung, Gewinne viel zu schnell mitzunehmen, Verluste dagegen eisern auszusitzen. Genau die falsche Ausrichtung, um an der börse Geld zu verdienen. Die Angst, einen Gewinn zu verlieren, ist groß. Wenn aber Verluste auftreten, schaltet man unbewußt blitzschnell von "Angst" auf "Hoffen" um und bleibt investiert. Um diese Fehlreaktionen zu unterlaufen gilt es, sich einen persönlichen Stoppkurs zu setzen, um damit in der Anfangsphase eines Investments zu hohe Verluste zu vermeiden und später, in der Gewinnzone, eben diese Gewinne konsequent abzusichern. So weit, so gut - ich komme gleich darauf zurück. Zunächst:

Börse ist vor allem Psychologie. Und diese erfaßt nicht nur einzelne Anleger, sondern die breite Masse. So und nicht anders lässt sich die zügellose Hausse bis März erklären, als jeder alles und bitte sofort kaufen wollte - ohne Ansehen fundamentaler Bewertungen und charttechnischer Warnsignale. Die Gier schaltete die Ratio aus - und zwar auf breiter Front. Und das Selbe in Grün passierte bei der Korrektur: Aktien wurden zu einem Drittel oder Viertel der noch wenige Wochen zuvor erzielten Höchstkurse verkauft. Angst besiegte plötzlich die Vernunft. Was bei 200 Dollar noch spottbillig erschien, war bei 80 Dollar plötzlich viel zu teuer - oft nur vier Wochen später!

Glätten sich die Wogen dann wieder, faßt sich alles peinlich berührt an die Nase. Vor allem diejenigen, die "oben" gekauft und "unten" verkauft hatten. Um nicht als "Narr du Jour" dazustehen, findet man für sich selbst und die Zuhörer die seltsamsten Ausreden und Argumente. Und da sind Sprüche wie "es geht noch weiter runter, und dann bin ich natürlich dabei" ganz normal. Dumm nur, dass es halt meist eben nicht weiter runter geht, wenn die Panikverkäufe schon aufgetreten sind.

Richtig: Es wird eine Reihe von ehemaligen "Lieblingsaktien" geben, die sich nicht wieder erholen. Aber oben genannte Titel werden es tun - das ist meine feste Überzeugung. Und all diejenigen - und das ist in jedem Fall die Mehrheit der Anleger - die "weiter unten" wieder kaufen wollen, werden "weiter oben" kaufen müssen, und damit die Rallye erst recht beschleunigen. Zu erkennen, wo "unten" ist, das ist zugegebenermaßen nicht leicht - aber in gewissen Situationen geht es doch.

Gerade, wenn an einzelnen Tagen Panikverkäufe mit Bestensorders den Markt überfluten und "Modeaktien" um zwanzig oder dreißig Prozent zusammengefaltet werden, ist das Ende einer Korrektur nahe. Ob es dann noch ein oder zwei Wochen "wackelig" bleibt ist egal, denn bei entsprechend bullishem Umfeld sind die Chancen nach oben dennoch gross genug, das Risiko, den Zug zu verpassen, aber noch größer.

Ich habe an dieser Stelle bereits vor drei Wochen zum Einstieg geraten, und ich halte daran fest. Jetzt erst recht! Sehen Sie:

Plötzlich kommen alle Börsenmedien wieder mit der Zinsangst daher. Wir haben bereits eine ganze Serie von Zinserhöhungen in Euroland und den USA hinter uns. Aber wen in aller Welt hat das denn wirklich gekümmert? Auf einmal jammert jeder über die immens hohen Kurs-Gewinn-Verhältnisse so mancher Internettitel und Biotechaktien. Aha. Aber als diese KGVs bei doppelt so hohen Kursen ebenfalls doppelt so hoch waren, wo bitteschön waren diese Mahner den da? Und damit wieder den Schwenk zu den Stoppmarken und der Psychofalle:

Musterdepots sind "Supi", um es mal neudeutsch auszudrücken. Fast jeder hat eins, und nicht wenige haben es erst im Februar oder März gestartet. Insbesondere letzteren hat es die erhoffte dreistellige Performance nebst Werbeeffekt ganz schön verhagelt. Da wird man nervös, keine Frage, sitzen einem doch die erbosten Leser im Genick. Diese mit Masse wirklich guten Analysten haben nun ein Problem. Sie wissen: Stopps sind eine feine Sache - in normalen Börsenphasen. Wenn aber auf dem Parkett der Bär tanzt und ein auf Kredit finanziertes Depot nach dem anderen zwangsliquidiert werden muß, dann ist mit charttechnisch fundierten Stoppmarken nichts mehr zu machen, denn um Charttechnik kümmert sich in der allgemeinen Panik keiner mehr. Wer da an seinen Stops festhält läuft Gefahr, am Tief zu verkaufen. Dumm gelaufen. Noch dümmer dann aber, wenn die Psychofalle zuschnappt. Anstatt konsequent wieder einzusteigen, wenn die Wende erkennbar wird, rechtfertigt man sich mit "es muß schließlich noch weiter runter gehen", schwenkt die rote Zins- oder KGV-Fahne und ist nicht dabei!

Also müßte man die Stopps aussetzen und eisern dranbleiben. Der Gedanke kommt jedem, ohne Frage. Denn es wäre ja auch eine richtige, ja logische Entscheidung. Aber was, wenn dann irgend etwas passieren würde, was die Kurse tatsächlich und wieder besseres Wissen und jegliche Erfahrungswerte noch weiter drückt? Na denn gute Nacht. Also lautet die Konsequenz: Vorab hochgelobte Musterdepot-Aktien ausstoppen lassen und vor sich hin schimpfen. Für Sie als Anleger, verehrte Leser, ist das zum einen herzlich wenig gewinnbringend, zum anderen eine zusätzliche Verunsicherung. Vor allem, wenn nicht erkannt wird, dass diese Pessimistenschar vor einem Monat noch Bullenhörner aufhatte. Es ist nicht leicht, in einer allgemeinen Panik die Ruhe zu bewahren, ich weiß. Dennoch:

Nur, wer sich in Situationen, wenn die Emotionen die Anleger noch oben oder unten übertrieben lassen, abkoppelt und genau das Gegenteil tut, verdient dauerhaft und überproportional. Aber Vorsicht: Das gilt natürlich wirklich nur dann, wenn die Börsen durchdrehen! Gerade wurde in vielen Werten nach unten übertrieben. Und das bedeutet für Sie: Wählen Sie besonnen aus - aber kaufen Sie!

Eine erfolgreiche und bullishe Börsenwoche wünscht

Ronald Gehrt

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