Schlechte-Laune.de

Montag, 03.04.00 08:49

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Da hat man mal schlechte Laune und ausgerechnet dann auch noch nichts Greifbares zu tun, was ablenken könnte. Und da sitze ich so verdiesslich vor meinem Monitor und beginne ungehalten im Internet rumzusurfen. Der miesen Stimmung wegen (gebrochene Nase) gebe ich einfach mal obige Netzadresse ein. Haha. Doch das faszinierende: Es öffnet sich doch tatsächlich eine Seite! Da galt es nachzubohren, und siehe: Zu fast jedem Spruch, Sprichwort oder Schimpfwort (unanständige inklusive) gibt es eine Internetadresse. Nur steht gemeinhin dahinter: Diese Seite befindet sich noch im Aufbau. Aha.

Fragt sich, was denn auf derartigen Seiten dereinst stehen soll. Das Netz ist, wenn man's mal genau betrachtet, randvoll mit derartigem Unfug. Wer in aller Welt sollte so etwas suchen? Das WorldWideWeb wird eine immer bedeutendere Plattform für Handel und Information aller Art. Aber diese Art von "seltsamen" Sites lassen einen über Sinn und Unsinn des WWW. als Solches nachdenken. Mein persönliches Fazit:

Wer sich als Unternehmer in Richtung Internet positioniert, liegt sicherlich richtig. Allerdings muss klar sein: Was immer man auch als Geschäftsidee im Internet zu verwirklichen gedenkt - irgend jemand auf der weiten Welt hatte den selben Gedanken mit höchster Wahrscheinlichkeit auch schon - bloß ein paar Monate früher! Denn der Vorteil des Kunden, plötzlich seine Hemden ohne Probleme via Net in Kalkutta bestellen zu können, ist natürlich der Nachteil der Anbieter.

Die überwiegende Zahl der Anbieter im Internet wird kein ausreichendes Stück vom weltweiten Kuchen abbekommen, um auch in ein oder zwei Jahren noch präsent - und gar noch rentabel - zu sein. Denn bitte bedenken Sie: Nur, weil ich mir heutzutage ein gebrauchtes Auto im Netz ersteigern kann, kaufe ich mir noch lange keinen Zweitwagen, wenn ich ihn nicht brauche. Und welches Unternehmen fährt seine Produktionskapazität über praktische B2B-Orders im Internet hoch - wenn es gar nicht erforderlich ist? Sicherlich, die Netzbetreiber (AOL) und all diejenigen, die Tools bieten (Yahoo!) oder technische Komponenten herstellen (z.B. Cisco Systems) werden auf Jahre hinaus ihr Auskommen haben. Aber von allen anderen, ob es börsennotierte Hotelreservierungsdienste, Reisebüros oder Partnervermittlungen sind, haben nicht die gesicherte Zukunft, die ein vernünftiger Aktionär von "seinem" Unternehmen erwarten muss. Dass, wie in der Vorwoche angesprochen, Travel24.com (Reisen) oder LycosEurope (eine von unzähligen Suchmaschinen) bei ihrer Emission kein Renner wurden, kann und darf daher nicht verwundern!

Und auch bei T-Online, deren Zeichnungsfrist am Montag beginnt, muss zumindest Zweifel an den langfristigen Chancen dieser Aktie angebracht sein. T-Online, die sich in allerletzter Minute mit einigen herzlich zweitrangigen Beteiligungen noch schnell internationalisiert und damit "schön" für den Börsengang gemacht haben, haben bis jetzt nur minimale Informationen preisgegeben. Informationen, die ein Aktionär braucht, um über Zeichnung oder Nichtzeichnung zu entscheiden. Zum Beispiel die Bookbuildingspanne. Kann ja mal nicht schaden, wenn einem ein paar Tage vorher gesagt wird, was das Teil kosten soll. Das beharrliche Schweigen bis zur letzten Minute deutet an, dass man hier mit aller Gewalt das Maximum dessen herauskitzeln will, was die Anleger noch gerade hinlegen würden, um das Papier zu bekommen. Das wird sicherlich auch bei einem Phantasiepreis von 40 Euro oder höher gelingen, denn noch lässt sich auf der Infineon-Welle schwimmen. Und klar ist: Mama Telekom braucht Geld! Ob derartig clevere Geschäftspraktiken gut für den langfristigen Erfolg der international unbedeutenden T-Online ist, darf angezweifelt werden. Aber mit Informationen unnötig lange hinter dem Berg zu halten, ist in jedem Fall schädlich für die gerade erwachsende Aktienkultur in Deutschland. Es sei Ihnen überlassen, ob Sie zeichnen oder nicht. Ich persönlich lasse es jedenfalls schön bleiben, denn Aktien sollte man nicht am ersten Handelstag wieder verhökern wollen, sondern langfristig halten - und dementsprechend hinter dem Unternehmen stehen. Und das will mir hier nicht gelingen. Da schmoll' ich lieber weiter und suche noch ein paar schräge Internetseiten im Aufbau. Und nicht einmal das wird T-Online helfen. Ich hab' nämlich einen anderen Provider ....

Eine erfolgreiche Börsenwoche wünscht

Ronald Gehrt

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