Spreads und Stop-Loss-Order

Freitag, 06.09.19 15:10

Stop-Loss-Order können ihre Tücken haben. Bei Zertifikaten und Hebelprodukten kann eine Spread-Ausweitung dazu führen, dass eine Stop-Loss-Marke unterschritten und die Order ausgeführt wird.

 

Stop-Loss-Orders nutzen Investoren gewöhnlich, um Verluste zu begrenzen. Dabei legen sie eine sogenannte Stop-LossMarke fest, die sich unter dem aktuellen Marktpreis befindet. Berührt oder unterschreitet der Kurs des Wertpapiers später die Stop-Loss-Marke, wird das Wertpapier – eine Aktie, eine Anleihe, ein Zertifikat oder auch ein Hebelprodukt – „billigst“ verkauft. Das bedeutet, der Verkauf kommt zum nächsten handelbaren Kurs zustande.

 

Zertifikate und Hebelprodukte haben in der Regel zwei Kurse: den Geldkurs, zu dem der Anbieter des Zertifikats bereit ist zu kaufen, und den Briefkurs, zu dem dieser Emittent verkaufen würde. Die Differenz zwischen Geld- und Briefkurs wird „Geld-Brief-Spanne“ oder auch „Spread“ genannt. Sie lässt sich mitunter durch die Struktur der Produkte und die Absicherungsgeschäfte von Banken und Emittenten erklären.

 

ABSICHERUNG BEEINFLUSST SPREADS

Emittenten, wie Goldman Sachs, ermöglichen Privatanlegern den Handel in Zertifikaten und Hebelprodukten bereits in kleinen Stückzahlen. Erwirbt ein Anleger ein Zertifikat, muss der Emittent unter bestimmten Voraussetzungen später eine Zahlung an den Inhaber des Produkts leisten. Die hieraus resultierenden Aktien-, Zins-, Währungs- und Kreditrisiken sichert der Emittent durch Absicherungsgeschäfte, sogenannte „Hedges“, an den Finanzmärkten ab. Die Kosten dieser Absicherungsgeschäfte beeinflussen die Spreads der angebotenen Produkte.

 

Für die Überwachung der Stop-Loss-Marke ist der Geldkurs relevant. Würde es also zu einer Ausweitung des Spreads und gleichzeitig zu einem niedrigeren Geldkurs kommen, kann eine Stop-Loss-Order ausgeführt werden. Ein Beispiel: Ein Mini-Future soll sich auf eine fiktive Aktie beziehen und bei 1,35 Euro (Geld) zu 1,36 Euro (Brief) notieren. Ein Anleger hält eine Position in diesem Mini-Future und sichert diese mit einem Stop-Loss bei 1,28 Euro ab.

 

Im Handelsverlauf fällt die Aktie, und zum Handelsschluss der Referenzbörse notiert der Mini-Future bei 1,29 Euro zu 1,30 Euro am Tagestief. Da bisher die Stop-Loss-Marke nicht erreicht wurde, passiert zunächst nichts. Nach Handelsschluss an der Referenzbörse erhöht der Emittent des Mini-Futures den Spread von 1 Cent auf 3 Cent. Fortan notiert der Mini bei 1,28 Euro zu 1,31 Euro. Durch diese Spread-Änderung wird die Stop-Loss-Marke erreicht und der Mini-Future wird „billigst“ verkauft.

 

GRÜNDE FÜR SPREAD-AUSWEITUNGEN

Eine Anhebung der Spreads kann verschiedene Gründe haben. Wie in dem Beispiel kann es zu einer Ausweitung des Spreads kommen, wenn die Referenzbörse geschlossen hat, das Zertifikat oder Hebelprodukt aber weiter gehandelt werden kann. Bei Produkten auf US-Basiswerte sind die Spreads vor Markteröffnung in den Vereinigten Staaten mitunter größer sind als nach Markteröffnung. Denn solange der Markt in den USA geschlossen ist, muss ein Emittent zur Risikoabsicherung beispielsweise auf Börsen in Europa ausweichen, an denen die Handelsvolumen von gelisteten US-Werten weitaus niedriger und dementsprechend auch die Spreads weiter sind. Alternativ kann auf eine sogenannte Indikation gepreist werden.

 

Der Spread kann hierbei von der Liquidität und der Genauigkeit der Indikation abhängen. Unter anderem kann der Eröffnungskurs einer Aktie sich erheblich vom Schlusskurs des vorherigen Handelstages unterscheiden. Dieses sogenannte Gap-Risiko muss der Emittent ebenfalls in seiner Risikoabsicherung einbeziehen und somit gegebenenfalls auch bei der Spreadstellung berücksichtigen.

 

Je mehr Zeit, und damit mehr Informationen, zwischen den beiden Kursen liegen, desto höher ist das Risiko beim Emittenten. Liquiditätsengpässe können aber auch in europäischen Wertpapieren während der regulären Handelszeiten entstehen. Referenzmarkt für die Preisberechnung von Optionsscheinen ist unter anderem der Termin markt, an dem der Basiswert gehandelt wird, bei deutschen Aktien ist das zum Beispiel die Terminbörse Eurex in Frankfurt. Hier stellen in erster Linie institutionelle Anleger ihre Kauf- und Verkaufsorders. Finden sich weniger Interessenten für Optionen mit bestimmten Laufzeiten und Basispreisen, weiten sich die Geld-Brief-Spannen aus.

 

Diese höheren Spreads könnten wiederum die Risikoabsicherung des Emittenten verteuern, weshalb die Ausweitung auch in den Preisen von Zertifikaten oder Hebelprodukten reflektiert werden könnte. Auch die handelbaren Stückzahlen eines Zertifikats oder Optionsscheins können aufgrund verminderter Liquidität reduziert sein. Ein weiterer Grund für eine Spreadausweitung können Unternehmensereignisse sein.

 

Im Vorfeld der Bekanntgabe von Quartalszahlen kann es beispielsweise zu weiteren Geld-Brief-Spannen kommen. Denn aufgrund der Unsicherheit vor solchen Events zeigen Aktienkurse dann mitunter eine erhöhte Schwankungsbreite (Volatilität). Damit Anleger eine sichere Kalkulationsgrundlage haben, versucht Goldman Sachs die Spreads so lange wie möglich konstant zu halten. Dennoch sollten Anleger gerade bei illiquideren Basiswerten eine eventuelle Erhöhung des Spreads während der Laufzeit in ihre Kalkulation einbeziehen.

 

Quelle: Goldman Sachs Securities Division, Stand: 29.08.2019

 

Dieser Beitrag von Philipp Möbius erschien im Goldman Sachs Kundenmagazin KnowHow, das Sie unter www.gs.de/newsletter kostenlos anfordern können.

 

 

Alle Angaben in diesem Beitrag dienen aus schließlich der Investoreninformation. Sie  können eine persönliche Anlageberatung nicht ersetzen und gelten nicht als Angebot zum Kauf oder Verkauf bestimmter Finanzprodukte.

 

Philipp Möbius verantwortet bei Goldman Sachs International in London den öffentlichen Vertrieb für den deutschen und den österreichischen Markt.
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