ThyssenKrupp macht Dampf: Wird das Stahlgeschäft eingeschmolzen?

Dienstag, 04.07.17 11:06


ThyssenKrupp ohne Stahl – das ist wie Beiersdorf ohne Nivea, wie Heinz ohne Ketchup. Ein gigantischer Traditionsbruch und die Abwende vom einstigen Kernprodukt. Doch der Strategieschwenk scheint unausweichlich. Medienberichten zufolge arbeitet ThyssenKrupp an der Abspaltung seines stählernen Kerns und bereitet die Fusion der Sparte mit dem indischen Rivalen Tata Steel vor. Börsianer wittern bereits Morgenluft im Ruhrpott: Gestern sprang die ThyssenKrupp-Aktie mit Plus 4,92 Prozent an die Dax-Spitze.

Schluss mit Stahl

Seit über einem Jahrhundert dreht sich bei den Essenern alles um das harte Eisen. Doch Geld verdient ThyssenKrupp mit seinem ehemaligen Brot-und-Butter-Geschäft schon seit Jahren nicht mehr. Chinesischer Billigstahl sabotiert die Marktpreise, sorgt für Überkapazitäten der deutschen Werke und eine unsichere Unternehmensperspektive. Lang genug hat Thyssen-Chef Heinrich Hiesinger Nerven aus Stahl bewiesen und an der defizitären Sparte festgehalten, doch das immerwährende Risiko von Marktschwankungen fordern ihren Tribut.

Hiesinger will sich nicht mit immer neuen Sparprogrammen knapp über Wasser halten, sondern seinen Konzern dauerhaft auf Erfolgskurs trimmen. Zum Beispiel durch den Ausbau zukunftsweisender Unternehmensbereiche wie Aufzüge, Komponenten für Autobauer und Industrieanlagen. Die Stahl-Altlasten sollen gänzlich aus der Bilanz von ThyssenKrupp verbannt werden, um mit “weißer Weste” von Vorne zu beginnen.

Indian Summer

Marktbeobachter rechnen damit, dass die Fusion zwischen Tata Steel und der Stahlsparte von ThyssenKrupp schon im Sommer in trockenen Tüchern ist. “Schon”? “Endlich” wäre vermutlich die passendere Wortwahl, denn die Verhandlungen mit den Indern sind seit fast einem Jahr im Gange. Ein Tauziehen, das den rund 27.000 Beschäftigten in Thyssens Stahl-Sparte schwer auf dem Magen schlägt, denn eine “Verschmelzung” mit Tata Steel würde den Verlust tausender Arbeitsplätze bedeuten. Über das Schicksal der Kumpels wird derzeit an Tata-Standorten in Mumbai, London und den Niederlanden verhandelt und Hiesinger plant noch im Juli ein Treffen mit Tata-Chef Natarajan Chandrasekaran um auszuloten, ob und wann der Deal über die Bühne geht.

Für die Stahlkocher besteht jedoch auch im Falle eines Scheiterns der Verhandlungen mit Tata wenig Grund zur Hoffnung: Hiesinger kündigte bereits harte Sparmaßnahmen an und wird – sollte die Fusion mit Tata nicht zustande kommen – Ausschau nach einem neuen Kaufinteressenten halten.

10-Jahres-Chart der Thyssenkrupp-Aktie

Liebe Leserinnen und Leser, ein kurzfristiger Kursgewinn der ThyssenKrupp-Aktie sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Papier, das heute rund 25 Euro wert ist, vor zehn Jahren noch zum Preis von 44 Euro gehandelt wurde. Zwischenzeitlich mussten Anleger eine anstrengende Berg-und-Talfahrt “ihrer” Aktie ertragen, die ihnen Nerven aus Stahl abverlangte. Wenn Sie ruhiges Fahrwasser bevorzugen, dann sehen Sie sich doch mal den boerse.de-Champions-Defensiv-Index (BCDI) an. Unser Geburtstagskind feiert diese Woche sein Dreijähriges und überzeugt mit einer Performance von über 46 Prozent Plus seit dem Handelsstart am 1. Juli 2014. Happy Birthday!

Ich wünsche Ihnen einen entspannten, erfolgreichen Börsentag,

Ihre Miss boerse.de


Miss boerse.de liest lieber Wirtschaftszeitungen als Illustrierte und kauft Amazon-Aktien statt neuer Schuhe. Unsere Autorin schreibt in ihrer Kolumne tagesaktuell über Ereignisse aus der...
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