Welches Rezessionssignal gilt als zuverlässig?

Montag, 11.09.06 12:27
Nachdem wir uns im Wochenend-Wellenreiter vom 26. August mit der Reaktion der Börsen auf eine Rezession befasst haben, sind die nachfolgenden Zeilen der Bedeutung konkreter Rezessionssignale gewidmet.

Doch zunächst einige Sätze zum Zusammenhang zwischen Zinsätzen und den Preisen für Anleihen. Der Preis eines Verschuldungsinstruments bewegt sich invers zu seinem Zinssatz. Der Grund für diese Beziehung kann anhand des folgenden Beispiels demonstriert werden. Angenommen, man kauft ein festverzinsliches Wertpapier in Form einer US-Staatsanleihe zu einem Zinssatz von 4 Prozent. Einige Monate später sind die Zinsen auf 5 Prozent gestiegen. Logischerweise würde man jetzt die Anleihe gern verkaufen und eine Anleihe mit einem Zinssatz von 5 Prozent erwerben. Unglücklicherweise haben alle Investoren den gleichen Gedanken. Die einzige Möglichkeit, einen Käufer für die Anleihe zu finden, ist der Verkauf der Anleihe mit einem Preisabschlag („man spricht von fallenden Bonds“). So wird der Käufer für die Zinsdifferenz entschädigt. Doch die Preise für Anleihen werden nicht nur durch steigende Zinsen, sondern auch durch die Laufzeit gedrückt. Dieser Aspekt ergibt sich dadurch, dass die Zinsdifferenz (in diesem Fall 1 Prozent) wie ein Hebel wirkt. Je länger die Laufzeit, desto größer der Hebel und desto stärker fällt der Preis für die Anleihe. Umgekehrt gilt dies genauso. Fallen die Zinsen von 4 auf 3 Prozent, würden die zu 4 Prozent erworbene Anleihe im Wert steigen („steigende Bonds“). Ein solcher Trend ergibt sich aktuell.

Lassen sie uns einen Blick auf die aktuelle US-Zinsstruktur werfen. Erwartet der Markt zukünftig fallende Zinsen, so investieren die Marktteilnehmer bevorzugt in längerfristige Instrumente. Sie sehen darin ihre letzte Chance, sich die aktuell noch hohen Zinserträge auf lange Sicht zu sichern. Dieses Verhalten drückt die Zinssätze am langen Ende und folgerichtig steigen die Bonds. Werden gleichzeitig die Zinssätze am kurzen Ende durch die Zentralbanken angehoben, weil z.B. dort Inflationsängste überwiegen, entsteht – wie aktuell - eine inverse Zinsstrukturkurve.



Diese existiert mit kurzen Unterbrechungen seit acht Monaten und gilt als eine erste Warnung vor einer bevorstehenden Rezession. Die Inversität hat sich in den letzten Wochen beschleunigt, wie der obige Chart zeigt.

Eine Zinskurve ist dann invers zu nennen, wenn sich die Zinssätze für kurzfristige US-Anleihen (z.B. Laufzeit zwei Jahre 4,80%) über denen der langfristigen Anleihen (z.B. Laufzeit zehn Jahre 4,77%) befindet. Die Zinsdifferenz zum aktuelle US-Leitzins von 5,25 Prozent ist gegenüber allen Laufzeiten so hoch wie selten zuvor.

Doch welche dieser Zinsdifferenzen sagt eine Rezession zuverlässig voraus? Kommt eine Rezession beispielsweise immer dann, wenn sich der US-Leitzins (Fed Funds Rate) über dem Zinssatz für 10-jährige Anleihen befindet? Der nächste Chart zeigt, dass ein solcher Vorgang zwar die letzten beiden Rezessionen von 1990/91 und 2001 (graue Schattierungen) deutlich vorhersagte, aber auch ein Fehlsignal lieferte: Ende 1998 kam es nicht zu einer Rezession, obwohl die oben beschriebenen Voraussetzungen gegeben waren (roter Pfeil).



Eine weitere gängige „Rezessions-Meßmethode“ ist die Differenz zwischen dem Zinssatz für zweijährige und zehnjährige US-Anleihen. Wie man auf dem nächsten Chart erkennt, lieferte diese seit 1985 kein Fehlsignal und ist auch mit Blick auf die Zeit davor (hier nicht im Bild) ein recht zuverlässiger Indikator.



Wer übrigens den Zeitraum von 1994/95 – sanfte Landung - mit der heutigen Zeit vergleicht, muss sich bewusst sein, dass es damals – im Gegensatz zu heute – kein Rezessionssignal gab. Das aktuelle Rezessionssignal ist jedoch noch sehr dünn. Die Zinsspanne ist nur ganz leicht invers und schwankt seit Jahresbeginn um die Null-Linie. Die Eindeutigkeit der Interpretation ist deshalb noch nicht gegeben.

Ein weiterer Rezessionsindikator – gemäß einer Untersuchung der US-Federal Reserve Bank der zuverlässigste der hier vorgestellten Indikatoren - ist die Zinsdifferenz zwischen den 3-Monats-US-T-Bills (Anleihen mit dreimonatiger Laufzeit) und den 10-jährigen US-Anleihen. Hier zeigt sich der Verlauf wie folgt:



Dieser Chart lässt die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA deutlich sichtbar erscheinen. Nach Angaben der FED betrug der Zinssatz für die 3-Monats-T-Bills im August 5,09%, während sie für die 10-jährigen Anleihen bei 4,88% notierte. Das ist eine Differenz von 21 Basispunkten. In der Spitze (auf Tagesbasis) betrug diese Differenz 29 Basispunkte. Die maximale Differenz vor der Rezession von 1990/91 betrug 15 Basispunkte, also deutlich weniger. Vor der Rezession von 2001 betrug die maximale Differenz 64 Basispunkte.

Bedenkt man diese Zahlen, so lassen sich daraus die folgenden Erkenntnisse ableiten:

1. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in den kommenden Monaten zu einer Rezession in den USA kommt, hat sich im August deutlich erhöht.

2. Vom Ausmaß her scheint die kommende Rezession diejenige von 1990/91 übertreffen zu wollen, aber die Schärfe der Rezession von 2001 mit den entsprechenden Folgen für die Aktienmärkte wird bisher nicht signalisiert.

Robert Rethfeld
Wellenreiter-Invest

Robert Rethfeld ist selbständiger Wirtschaftsjournalist, Buchautor ("Weltsichten/ Weitsichten") und betreibt eine Onlinepublikation für finanzielle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen auf Abonnementbasis ("www.wellenreiter-invest.de").
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