Volkswirtschaftliche Kennzahlen

Stellen Sie sich bitte folgendes Szenario vor:

Die Konjunktur befindet sich in einer Boomphase. Die Preise steigen aufgrund des kräftigen Konsums kräftig an. Damit droht eine weiter steigende Inflation, die über kurz oder lang zu einem erheblichen Rückgang der Kaufkraft führen wird und damit einem Abschwung verursacht. Ursache: Die Konjunktur steigt einfach zu kräftig und zu schnell.

Um Schlimmeres zu verhindern, müsste man irgendwie bremsend wirken. Doch wie soll dies in einer freien Marktwirtschaft geschehen? Die Unternehmen werden ihre Kapazitäten so lange weiter erhöhen (und die Preise selbstredend auch), wie daraus steigende Profite zu erwarten sind.

Die Lösung: Die Erhöhung der Leitzinsen.
Diese Zinserhöhung mündet direkt in ebenfalls höhere Kapitalmarktzinsen. Wer also Kredit haben will, muss dafür einen höheren Zins als zuvor bezahlen, wer Kredite vergibt, verdient daran vice versa besser als vorher.

Wenn die EZB den Zins zügig und konsequent erhöht, wird der Aufschwung damit gebremst. Da die Absätze aufgrund der gestiegenen Preise ohnehin nicht mehr allzu rasant steigen, werden sich mehr und mehr Unternehmen vor folgende Alternativen gestellt sehen:

Entweder sie investieren weiter - mit der Ungewissheit, ob die Expansion auch von steigenden Umsätzen gefolgt wird, sich also lohnt, und bezahlen für die dafür erforderlichen Kredite immer höhere Zinsen. Oder:

Die Investitionen werden zurückgeschraubt, und überschüssiges Kapital sowie auflaufende Gewinne werden zu den immer weiter steigenden Zinsen gewinnbringend und risikolos angelegt.

Je höher die Zinsen steigen, desto attraktiver wird die zweite Alternative - und der Anstieg der Wirtschaftsleistung verringert sich dadurch nach und nach. Gleichzeitig wird auch die Inflation gebremst, denn durch die Abschwächung der Expansion in den Betrieben werden keine weiteren Arbeitnehmer mehr eingestellt, die Leute beginnen um ihre Arbeitsplätze zu fürchten und sparen mehr. Außerdem können höhere Preise nicht mehr so leicht durchgesetzt werden, da auch die privaten Kredite teurer werden, und sich dadurch der Drang der Bevölkerung verringert, auf Kredit zu kaufen. Sobald die Inflation wieder ein für die Bundesbank angemessenes Niveau erreicht hat, können die Zinserhöhungen beendet werden.

Problem: Diese Zinssteuerung muss sehr feinfühlig geschehen, da die Konjunktur bei zu schnellen Steigerungen der Leitzinsen abgewürgt werden könnte. Der Effekt wäre genau das, was man wenn nicht verhindern, so doch zumindest abschwächen wollte - ein Abschwung!

Spinnen wir das Szenario weiter:

Ein Abschwung hat stattgefunden, und mündet nun in eine Rezession ein. Die Unternehmen, ohnehin mit stark rückläufigen Umsätzen konfrontiert, legen ihr Kapital lieber zu den hohen Zinsen an, anstatt in eine ungewisse Zukunft zu investieren. Die Inflation ist kein Thema mehr, bisweilen gehen die Preise sogar zurück (Deflation). Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten und zugleich den Boden für einen neuen Aufschwung zu legen, senkt die EZB zügig die Zinsen. Das kann sie sich problemlos leisten, denn die Gefahr von Inflation besteht in der momentanen Lage ja nicht. Dadurch werden Kredite für Investition billiger, das Anlegen des Kapitals aber gleichzeitig immer weniger attraktiv.

Und so leistet die EZB, wenn auch primär mit dem Ziel der Inflationskontrolle, ihren Beitrag zur Regulierung der konjunkturellen Entwicklung.

Konsequenz für den Anleger:

Steigende Zinsen sind Gift für die Börse. Denn wenn nicht weiter expandiert wird, steigen auch die Gewinne langsamer - und damit auch die Aktienkurse. Das alleine könnte zwar weiterhin leicht anziehende Notierungen zulassen, aber:

Gemeinhin werden in Aktienkursen bereits die Erwartungen der Zukunft eskomptiert. Da diese Erwartungen leider - aufgrund der Tatsache, dass die Zukunft nun einmal recht ungewiss ist - nur die Entwicklungen der Vergangenheit fortschreiben, müssen Erwartungen stark steigender Gewinne, die bereits im Kurs enthalten sind, revidiert werden. Die Aktiennotierungen sind also zu weit vorausgeeilt, und werden daher in aller Regel fallen müssen, um sich den Realitäten wieder anzugleichen! Und:

Wenn die Zinsen wieder ein entsprechend hohes Niveau erreicht haben, tritt die Anlagemöglichkeit hochverzinster Rentenpapiere plötzlich zu den Aktien in Konkurrenz. Denn wenn man erkleckliche Zinsen bekommt, die weit über dem Niveau der Dividenden auf Aktien liegen, warum sollte man sich dann dem Kursrisiko aussetzen, das Aktien nun einmal mit sich bringen?

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