Egoistische US-Geldpolitik

Montag, 22.11.10 08:14
Tafel mit Kursen
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Die Entscheidung der US-Zentralbank Federal Reserve, bis Mitte nächsten Jahres Staatsanleihen im Wert von 600 Mrd. (rd. 430 Mrd. Euro) zur Ankurbelung der einheimischen Wirtschaft aufzukaufen, hat an den Aktienmärkten deutliche Kursgewinne gebracht. Außerhalb der USA ist diese Maßnahme allerdings kritisch kommentiert worden. Deutliche Worte fand Finanzminister Schäuble, der den USA eine gewisse Ratlosigkeit im Umgang mit der Krise bescheinigte. Zudem hätten die Amerikaner die Auswirkungen auf andere Länder praktisch nicht berücksichtigt.

Die geplante Geldspritze ist der zweite Wertpapierkauf der Federal Reserve innerhalb einer kurzen Zeit: Als Reaktion auf den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 hatte die US-Notenbank Anleihen im Wert von 1.750 Mrd. US-Dollar aufgekauft, um das Finanzsystem zu stabilisieren. Hinter der aktuellen „quantitativen Lockerung“ steht der Versuch, mit Notenbankgeld der Wirtschaft auf die Beine zu helfen. Während es in Deutschland gelungen ist, die Erwerbslosigkeit deutlich unter den Vorkrisenwert zu senken, liegt die Arbeitslosenquote in den USA mit 9,6 Prozent auf hohem Niveau. Dieser Vergleich zeigt, dass die Maßnahmen der deutschen Regierung richtig und zielführend waren.

 

Das Programm der US-Zentralbank soll durch verschiedene Kanäle seine Wirkung entfalten. Durch den Kauf von Anleihen längerer Laufzeiten sinken deren Renditen, so dass diese Anlagemöglichkeiten deutlich an Attraktivität verlieren. Dementsprechend wird, so das Kalkül, die reichlich vorhandene Liquidität u.a. verstärkt in den Aktienmarkt gelenkt. Die Kurssteigerungen würden – zumindest das „gefühlte“ – Vermögen der US-Bürger verbunden mit einem entsprechenden Impuls auf die Konsumbereitschaft erhöhen. Ein niedrigeres Zinsniveau soll darüber hinaus Investitionen der Unternehmen stimulieren.

 

Ob dieses Kalkül tatsächlich aufgeht, bleibt abzuwarten. Die hohe Arbeitslosigkeit in den USA ist nicht ausschließlich konjunkturell, sondern zu einem bestimmten Teil auch strukturell bedingt. Die Automobilindustrie, die sich nach einer dramatischen Absatzkrise derzeit in einer Phase der Konsolidierung befindet, ist ein anschauliches Beispiel für die strukturellen Schwierigkeiten in Teilen der US-Wirtschaft. Diese Probleme werden nicht durch noch niedrigere Zinssätze gelöst, sondern bedürfen einer langfristigen strategischen Neuausrichtung.

 

Insgesamt wandelt die US-Notenbank mit ihrem Kaufprogramm auf einem schmalen Grat. Sollte die enorme Ausweitung der Geldmenge wirkungslos verpuffen, riskiert sie entweder Inflation oder eine weitere Spekulationsblase an den Aktienmärkten weltweit. Dass wir immer noch mit den Folgen der geplatzten Blase an den amerikanischen Immobilienmärkten zu kämpfen haben, an der die Geldpolitik der Federal Reserve eine erhebliche Mitverantwortung hatte, muss den Verantwortlichen eine Warnung sein.

 

Da die expansive Geldpolitik in eine Abwertung des Dollars münden kann, verschärfen die Anleihekäufe die schon bestehenden Spannungen zwischen den Industrienationen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass derzeit jede Regierung befürchtet, durch eine Aufwertung der eigenen Währung an internationaler Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Was wir im Moment aber am wenigsten brauchen können, ist ein „Währungskrieg“ und ein Rückfall in die Zeiten des Protektionismus. Nicht nur den Aktienmärkten, sondern der gesamten Weltwirtschaft wäre damit ein Bärendienst erwiesen.

 

Prof. Dr. Rüdiger von Rosen ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Aktieninstituts e.V.

Quelle: Deutsches Aktieninstitut