Fünf Jahre Entry Standard - fünf Jahre Kapitalmarktzugang für den Mittelstand

Dienstag, 09.11.10 13:06
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Mittelstand und Börse sind aus Sicht vieler Beobachter per se Gegensätze. Zu verschieden seien die Auffassungen von familiengeführten Unternehmen auf der einen und den Investoren mit ihren Transparenz- und Mitspracheanforderungen auf der anderen Seite. Zu groß seien die Kosten einer Börsennotiz im Verhältnis zu dem Volumen an Eigenkapital, das mittelständische Unternehmen für die Sicherstellung einer ausreichenden Eigenkapitalquote und die Finanzierung von Innovationen und Wachstum benötigen. Kurz: zu hoch seien die Hürden, die überwunden werden müssen, damit die Eigenkapitalversorgung über die Börse für mittelständische Unternehmen wirklich attraktiv ist.

Bei näherer Betrachtung lässt sich vieles an diesem weit verbreiteten Vorurteil entkräften. Mittelstand und Börse können durchaus zusammenfinden, ja müssten dies sogar angesichts des Bedarfs an Risikokapital. Es kommt nur darauf an, dass der Kapitalmarktzugang entsprechend ausgestaltet ist. Dazu muss er für die Unternehmen kostengünstig und regulatorisch nicht zu anspruchsvoll sein, ohne dabei das Interesse der Investoren an ausreichend Informationen und professionellem Kapitalmarktverhalten zu vernachlässigen.

 

Ein gutes Beispiel, wie diese Gegensätze überbrückt werden können, ist der Entry Standard. Als Qualitätssegment im Frankfurter Freiverkehr stellt er an die Emittenten im Vergleich zum übrigen Freiverkehr zusätzliche Anforderungen. Im Vergleich zum regulierten Markt verlangt er ihnen aber weniger Pflichten ab und gewährt höhere Flexibilität. So müssen Emittenten des Entry Standard beim Börsengang nicht in jedem Fall einen Wertpapierprospekt vorlegen, können weiterhin nach HGB bilanzieren und unterliegen geringeren Transparenzanforderungen als im regulierten Markt. Dafür müssen Unternehmen anders als im übrigen Freiverkehr u.a. bestimmte Berichtsfristen einhalten und wesentliche Unternehmensnachrichten mit potentiellem Kurseinfluss unverzüglich auf ihrer Internetseite veröffentlichen. Auch ist der Börsengang nur über einen Antrag eines Handelsteilnehmers, im Regelfall eine Bank, möglich. Dieser wacht auch über die Einhaltung der Zusatzpflichten.

 

Diese Konzeption zahlt sich aus: 165 in- und ausländische Unternehmen haben den Entry Standard als Einstiegstor zum Kapitalmarkt in den vergangenen fünf Jahren genutzt. Dabei haben sie sich über die Börse Eigenkapital in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro beschafft, um ihr Wachstum zu finanzieren.

 

Eine Umfrage unter den Emittenten des Entry Standard, die das Deutschen Aktieninstitut anlässlich seines Jubiläums zusammen mit der Deutschen Börse durchgeführt hat, zeigt weitere interessante Details.


Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist besonders wichtig, dass die Börse auch für mittelständische Unternehmen dauerhaft den Zugang zum Eigenkapitalmarkt gewährleistet. Tatsächlich hat die Hälfte der Entry-Standard-Unternehmen den Aktienmarkt nach dem Börsengang erneut in Anspruch genommen. 40 Prozent ist dies sogar mehr als einmal gelungen. Damit haben auch solche Unternehmen „frisches“ Eigenkapital aufgenommen, die beim Börsengang auf eine Kapitalaufnahme verzichtet haben. Ergebnis ist unter anderem eine sehr gute Kapitalausstattung: Fast zwei Drittel der Unternehmen haben eine Eigenkapitalquote von über 50 Prozent, was gerade in Krisenzeiten ein Wert an sich ist.

 

Neben der Verbesserung der Kapitalausstattung werden aber auch andere Zielsetzungen des Börsengangs zumeist erfüllt. Über 75 Prozent der Unternehmen gelingt es, die Mitarbeiterzahl zu erhöhen. Zwei Drittel steigern den Bekanntheitsgrad und verzeichnen ein deutliches Umsatzplus; und weit über die Hälfte kann die Wettbewerbsposition festigen. Auf dieser Grundlage haben mittlerweile 16 der Entry-Standard Unternehmen den Schritt in den regulierten Markt vollzogen.

 

Die Umfrage zeigt auch, dass aufgrund der Größe der Unternehmen sowie der Bedingungen des Entry Standard Abstriche in der Kapitalmarktresonanz in Kauf genommen werden müssen. Insbesondere bei Liquidität und Investoreninteresse dürfen keine überzogenen Erwartungen gestellt werden.

 

Das ändert aber nichts daran, dass für die Vermittlung von Eigenkapital an kleinere und mittelgroße Emittenten maßgeschneiderte organisierte Kapitalmärkte wie der Entry Standard notwendig sind, die mit einer geringeren Regulierungsintensität (und damit auch geringeren Kosten) den Bedürfnissen dieser Zielgruppe gerecht werden.

 

Hier ist auch der Gesetzgeber gefordert, in regulatorischer Hinsicht Zurückhaltung zu üben, um die volkswirtschaftliche Funktion der Mittelstandssegmente zu erhalten. Die Diskussion um die europäischen Kapitalmarktregeln ist z.B. in dieser Hinsicht zuweilen inkonsistent. So hat die EU-Kommmission erst vor wenigen Tagen ihren Wunsch bekräftigt, den Kapitalmarktzugang für kleinere und mittlere Emittenten zu vereinfachen. Das ist grundsätzlich sehr zu begrüßen. Dazu im Gegensatz stehen aber Bemühungen, den Anwendungsbereich der Marktmissbrauchsrichtlinie über den regulierten Markt hinaus auszudehnen. Davon wären u.U. auch die in dieser Richtlinie verankerten Emittentenpflichten betroffen, was die Regulierungsdichte des Entry Standard und vergleichbarer Börsensegmente erhöhen würde. Den mittelständischen Unternehmen wäre damit nicht geholfen.

Quelle: Deutsches Aktieninstitut