ROUNDUP/Bericht: Frauen am digitalen Wandel noch nicht angemessen beteiligt

Mittwoch, 09.06.21 16:22
Kursticker auf einer digitalen Anzeige.
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BERLIN (dpa-AFX) - Frauen in Deutschland sollten künftig stärker von den Chancen profitieren können, die sich aus der Digitalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft ergeben. Das ist eine zentrale Forderung aus dem dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, der am Mittwoch vom Bundeskabinett verabschiedet wurde. Das Gutachten mit dem Titel "Digitalisierung geschlechtergerecht gestalten" umfasst 101 Handlungsempfehlungen, die sich an die Politik in Bund, Ländern und Kommunen sowie die Zivilgesellschaft richten.

Damit der digitale Wandel von Frauen und Männern gleichermaßen gestaltet werden kann, müssten Förderprogramme bereits in der frühkindlichen Bildung ansetzen. So könnten Mädchen einen besseren Zugang zu den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) bekommen. Dabei seien auch die Erziehungsberechtigten in der Pflicht: Der Bericht verweist auf eine Studie in diesem Feld, dass es sich maßgeblich positiv auswirkt, wenn das Interesse junger Frauen an Technik und an entsprechenden Berufen von deren Eltern unterstützt wird.

Die Weichenstellungen in der Kindheit und Jugend zeigen sich später auch in der Statistik: Bisher sind Frauen dem Bericht zufolge mit 16 Prozent in der Digitalbranche unterrepräsentiert. Die Autorinnen und Autoren des Berichtes fordern, das männlich geprägte Arbeitsumfeld in der Digitalbranche müsse sich verändern. Nur so könnten "mehr Frauen in diesen Bereich hineinkommen, dort dauerhaft bleiben und es in Top-Positionen schaffen".

Die Vorsitzende der Sachverständigenkommission, Aysel Yollu-Tok (HWR Berlin) sagte, es sei seit über 30 Jahren Forschung bekannt, dass der Anteil von Frauen in den MINT-Fächern gering sei. "Aber was passiert, wenn die jungen Frauen tatsächlich das Studium beenden und in der digitalen Branche tatsächlich anfangen zu arbeiten? Sie gehen wieder. Und das ist natürlich eine große Tragödie."

Der Bericht beschäftigt sich auch ausführlich mit der Frage, ob und wie Frauen durch Anwendung der Künstlichen Intelligenz (KI) und des maschinellen Lernens benachteiligt werden. "Algorithmen sind nicht neutral", erklärte Bundesfrauenministerin Christine Lambrecht (SPD). "Nur wenn wir wissen, wie sie funktionieren, können wir der Diskriminierung von Frauen und Männern entgegenwirken."

Computergestützte, lernende KI-Systeme würden zunehmend in der Kreditvergabe eingesetzt und stellten bei der Personalauswahl die Weichen für berufliche Werdegänge. "Entscheidend sind hierbei die Trainingsdaten, sie dürfen keine Stereotype oder diskriminierenden Strukturen abbilden." Ihre Entscheidungsverfahren müssten transparent und nachvollziehbar sein.

Lambrecht betonte, das Homeoffice sei eine Chance für die Gleichstellung - wenn der Rahmen stimme. "Mobiles und flexibles Arbeiten bringt zwar mehr Flexibilität, aber auch die Gefahr einer Doppelbelastung, besonders für Mütter." Erst wenn Männer den gleichen Anteil an familiärer Sorgearbeit übernähmen, stünden Frauen im Erwerbsleben die gleichen Verwirklichungschancen offen. Es gehe dabei aber nicht um Vorschriften aus der Politik für das Familienleben. "Das muss in der Familie selbst entschieden werden." Es sei aber Aufgabe der Politik, die für eine freie Entscheidung notwendigen Rahmenbedingungen herzustellen.

Yollu-Tok sprach sich dafür aus, digitalisierungsbezogene Gewalt besser einzudämmen, die sich häufig gegen Frauen richte: "Hier gibt es große Wissenslücken an der Schnittstelle zwischen Fachberatungsstellen und der Polizei, bei den Gerichten und Strafverfolgungsinstitutionen."

Die Bundesregierung stellt einmal pro Legislaturperiode ihren Gleichstellungsbericht vor. Es geht darum, inwieweit die im Grundgesetz geforderte Gleichstellung der Geschlechter in Bildung und Erwerbsleben durchgesetzt ist./chd/DP/fba



Quelle: dpa-AFX


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