Marktübersicht

Smart-Investor: Große Umbrüche …

Mittwoch, 20.10.21 18:04
Smart-Investor: Große Umbrüche …
Bildquelle: fotolia.com

… aber kein Crash

Dicke Bretter und Knackpunkte

Aufgaben, mit denen man wenig bis gar keine Erfahrung besitzt, erscheinen besonders schwer zu bewältigen. In besonderem Maße trifft dies für komplexe Aufgaben zu. Dazu gehören beispielsweise Regierungswechsel, die eben nicht nur die Wahl anderer Parteien, sondern auch einen umfangreichen Übergabeprozess beinhalten. Nach 16 Jahren Merkel – wenn auch in unterschiedlichen Konstellationen – dürfte für einige eine Bundesregierung ohne die Kanzlerin bzw. ohne die CDU gar nicht mehr vorstellbar gewesen sein. Die Handbücher für eine ordnungsgemäße Übergabe der Amtsgeschäfte dürften in der Zwischenzeit einigen Staub angesetzt haben. Umso ärgerlicher ist es, dass eine der hässlicheren Seiten eines Regierungswechsels völlig reibungslos funktionierte:

Einer dreistelligen Anzahl Getreuer wurde der Abschied durch Last-Minute-Beförderungen auf Spitzenbeamtenpositionen – und auf Steuerzahlerkosten, versteht sich – versüßt. Währenddessen versucht die mögliche Nachfolgeregierung Gestalt anzunehmen. Das allerdings könnte doch etwas holpriger werden als es nach den ersten optimistischen Verlautbarungen der Sondierer klang. Denn in den eigentlichen Koalitionsverhandlungen muss auch das eine oder andere dicke Brett gebohrt werden, was für einige der künftigen Koalitionäre durchaus eine neue Erfahrung sein wird. Im Wesentlichen zeigen sich zwei Knackpunkte: Fragen der Finanzierung und solche des künftigen Personals.

Glückliche Phasen

Bis aber eine neue Regierung steht, bleibt die alte im Amt. Sie ist damit allerdings eine Regierung ohne echte Autorität, deren wesentlichste verbliebene Aufgabe die Übergabe der Amtsgeschäfte sein wird, sobald sich denn eine neue Regierung gebildet haben wird. Spötter werden nun einwenden, dass dies regelmäßig die glücklichsten Phasen sind, denn eine „Lame Duck“-Regierung könne auch keinen großen Schaden mehr anrichten – und das ist ja mitunter das Beste, was man über eine Regierung sagen kann. Es mag zwar guter demokratischer Übung entsprechen, dass man in einer solchen Situation die Nachfolgerregierung nicht mehr durch weitreichende Entscheidungen präjudiziert, darauf verlassen kann man sich allerdings nicht.

Und sie dreht sich doch

Sollten sich die Verhandlungspartner der sogenannten Ampel zudem bis zur ersten Sitzung des neuen Bundestags am 26. Oktober (30 Tage nach der Wahl) nicht geeinigt haben, würde das Kabinett Merkel zwar vom Bundespräsidenten entlassen, bliebe danach aber solange geschäftsführend im Amt, bis ein neuer Kanzler gewählt wird. Das Interessante an dieser Konstellation ist, dass auch die alte, dann geschäftsführende Regierung im neuen Bundestag über eine absolute Mehrheit verfügen wird, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Natürlich steht die Welt nicht still, bis in Berlin alles in trockenen Tüchern ist. Im Gegenteil:

Manch einer scheint sogar die Gunst der Stunde offensiv zu nutzen: So übt der belarussische Präsident Lukaschenko gerade indirekt massiven Druck auf Berlin aus, indem es massenhaft Menschen gegen die polnische Grenze schickt, wohl wissend, dass der eigentliche Migrationsmagnet des Kontinents Deutschland heißt. Ob sich Lukaschenko damit lediglich für die Sanktionen gegen „sein“ Land – und das ist in diesem Fall fast wörtlich zu nehmen – rächen will, oder ob er einen lukrativen Flüchtlingsdeal nach Erdoğan-Art im Hinterkopf hat, weiß nur er selbst. Sicher ist, dass er die Achillesferse Berlins erkannt hat und seine Karten gnadenlos ausspielt. Die deutsche Regierung steht der Situation, das zeigte der heutige Auftritt des Noch-Bundesinnenministers, bislang im Wesentlichen hilflos gegenüber.

Der Lotze verlässt das Beiboot

Erstaunlich gelassen nahmen die Märkte heute den angekündigten Rückzug von Bundesbankpräsident Jens Weidmann zum Jahresende auf. Weidmann gehörte zu jenen Geldpolitikern der alten Schule, die sich noch gegen eine „Liraisierung“ des Euro engagierten. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse im EZB-Rat stand er aber schon seit Jahren auf verlorenem Posten, auch weil ihn die deutsche Regierung bei seinen letzten Vorstößen in Richtung Stabilitätspolitik geradezu ostentativ im Regen stehen ließ.

Danach wurde es still um Weidmann und um die Bundesbank, die über Jahrzehnte zu den bundesdeutschen Institutionen mit dem höchsten Ansehen gehört hatte, heute aber nicht mehr als ein Beiboot der EZB ist. Inmitten dramatisch anziehender Inflationsraten trat Weidmann jetzt „aus persönlichen Gründen“ zurück, auf dieser Position fast schon die übliche Sprachregelung. Dass die Märkte zunächst kaum auf die Personalie reagierten und der Boulevard Stunden brauchte, um sich eine Titelzeile heraus zu quälen, zeigt auch, wie gering die Bedeutung ist, die einem Bundesbankpräsidenten in der Euro-Welt noch zugemessen wird. Ein gutes Omen ist das nicht.

Vor dem Crash?!

Aktuell schießen bereits wieder Spekulationen ins Kraut, wonach es im Oktober einen Börsencrash geben könnte. Neben dem September hat der Oktober bekanntlich einen besonders schlechten Ruf, was drastische Markteinbrüche anbelangt. Insbesondere die Jahre 1929 und 1987 sind den meisten Börsianern geläufig. Der „Schwarze Montag“ von 1987 jährte sich gestern, der „Schwarze Donnerstag“ von 1929 nächsten Sonntag. Saisonal befinden wir uns also inmitten jener Tage, an denen in der Vergangenheit echte Megacrashs aufgetreten waren.

Wenn sie denn auftraten. Denn charakteristisch für solche Crashs ist, dass im Vorfeld eben gerade nicht ausgiebig davor gewarnt wird. Vereinzelte Stimmen, etwa die des Statistikers Roger Babson, gab es zwar auch 1929, wirklich ernst genommen wurden sie jedoch nicht. Aber die Menschen wären nicht die, die sie nun mal sind, hätten sie im Nachgang nicht eben jenen Roger Babson höchstpersönlich für den 1929er Crash verantwortlich gemacht, nur weil er rechtzeitig vor der Gefahr gewarnt hatte. Nun ja, die Überbringer schlechter Nachrichten waren noch nie sonderlich beliebt.



Zu den Märkten

Aktuell ist die Situation allerdings anders. Es gibt durchaus Krisen, die mit großem Zerstörungspotenzial vor sich hin schwelen, etwa die chinesische Immobilienkrise oder ganz generell die weltweite Verschuldungskrise. Aber nicht einmal die noch lange nicht abgewehrte Pleitegefahr bei Evergrande & Co. konnte die Märkte bislang ernsthaft aus der Spur bringen. Ob das chinesische „Reshoring“, mit dem wir uns im aktuellen Smart Investor 10/2021 ausführlich beschäftigen, ausreicht, um die zweitgrößte Volkswirtschaft sozusagen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, ist jedenfalls noch lange nicht ausgemacht.

Da landauf, landab ausgiebig vor Crash/Zusammenbruch/Kernschmelze gewarnt wird, dürfte das Überraschungsmoment, als wesentliche Zutat eines Crash-artigen Abverkaufs aktuell eher gering sein (s.o.). Der verbleibende Pfad zu einem solchen Kurssturz wäre momentan nur ein „Hilfe, der Wolf kommt!“-Szenario, bei dem so oft vor dem Wolf (=Crash) gewarnt wurde, dass er in seinem Frühstadium nicht als solcher erkannt, sondern lediglich als reguläre Korrektur missdeutet wird. Erst wenn dann nach und nach klar wird, dass es doch „The Big One“ ist, würden die Marktteilnehmer auch in jene Panik geraten, die sie schließlich massenhaft Aktien auf den Markt werfen ließe.

Wie gesagt, wir halten das im Moment für unwahrscheinlich. Auch der DAX scheint diese Sicht zu bestätigen. Wir zeigen einen fortgeführten Chart aus der Ausgabe vom 6. Oktober. Die gelbe Markierung und der damalige grüne Potenzialpfeil zeigen, dass der deutsche Leitindex alle charttechnischen Voraussetzungen hatte, um nach unten wegzubrechen. Allerdings schrieben wir damals auch:

„Nur, wenn sich der DAX so weit erholen sollte, dass die Marke von 15.000 Punkten zurückerobert wird, wäre diese Betrachtung hinfällig. Dann müssten wir von einem Fehlsignal ausgehen – „tricky“ sind solche Entscheidungspunkte also allemal.“

Und genau um ein solches Fehlsignal handelte es sich beim damaligen Durchbruch nach unten. Nicht nur konnte die Marke von 15.000 DAX-Punkten rasch zurückerobert werden, inzwischen verläuft der Index sogar wieder innerhalb der blauen Flaggenformation (vgl. Abb.). Allerdings ist der DAX damit auch wieder in jener breiten Widerstandszone zwischen 15.500 und 15.800/16.000 Punkten angelangt, die er schon seit einem halben Jahr nicht überwinden konnte.

Nach der steilen Aufwärtsbewegung der letzten Tage wäre eine kleine Verschnaufpause daher nicht besorgniserregend. Beachten Sie bitte auch, wie sich die Farbe der Kerzen seit dem Zwischentief von vor zwei Wochen nun auf überwiegend Weiß verändert hat. Unabhängig davon ist die These, dass die Gesamtheit der Bewegungen des letzten halben Jahres Teil eines größeren (Zwischen-)Tops sein könnten noch nicht völlig vom Tisch. Daher behalten wir im Aktien-Musterdepot auch weiterhin unsere Absicherung auf den DAX.

Fazit

Noch steht die Bundesampel auf Gelb, denn über die harten Fragen der Finanzierung und der Postenvergabe ist eine Einigung noch nicht in Sicht. Derweil verliert das Land mit Jens Weidmann zum Jahresende seinen letzten aktiven Stabilitätspolitiker.

Ralf Flierl, Ralph Malisch
smartinvestor.de



Quelle: Smart Investor


© 1994-2021 by boerse.de - Quelle für Kurse und Daten: ARIVA.DE AG - boerse.de übernimmt keine Gewähr