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Smart-Investor: Grüne Aktien

Mittwoch, 27.10.21 19:12
Smart-Investor: Grüne Aktien
Bildquelle: Unternehmensbild: RWE

Vor dem Klimagipfel in Glasgow

Elefanten im CO2-Laden

Es ist schwer geworden, Produkte zu erwerben oder Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die nicht explizit als „nachhaltig“ oder „klimaneutral“ beworben werden. Die neuen Buzzwords sind inzwischen so omnipräsent wie der Warnhinweis „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ in der Arzneimittelwerbung. Natürlich ist Nachhaltigkeit nicht als Warnhinweis zu verstehen, sondern als eine besonders positive Eigenschaft. Egal ob Handyvertrag, Versicherung oder Fußbad, nie war es so einfach, Gutes zu tun oder sich zumindest ein gutes Gefühl zu kaufen.

Im Vorfeld des Weltklimagipfels COP26, der ab Samstag in Glasgow steigen wird, müsste das Klima demnach wahre Luftsprünge aufführen, zumindest das Klima über Deutschland. Das aber ist nicht der Fall und so werden die Menschen auch hierzulande mit jenen düsteren Szenarien auf das Treffen der Klima-Schickeria eingestimmt, die inzwischen fester Bestandteil des Rituals sind. Denn nicht überall wird so CO2-bewusst gewirtschaftet und gelebt wie im Land der Dichter und Klimagerechten, das demnächst sogar einen eigenen Klimakanzler haben wird.

China, das für ca. ein Drittel der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich zeichnet, vergrößerte den eigenen CO2-Fußabdruck sogar noch weiter, bemüht sich aber immerhin um verbale und kosmetische Korrekturen der eigenen Klimabilanz. Der SPIEGEL rechnete jüngst allerdings vor, was von chinesischen Großkonzernen so alles in die Luft gepustet wird: So stößt der Ölkonzern Sinopec beispielsweise mehr CO2 aus als Kanada und Spanien zusammen, wobei Kanada selbst auf Platz 11 der größten Klimasünder steht.

Nachahmer gesucht

Vor dem Hintergrund dieser Dimensionen sind sich zwar die meisten Beobachter ehrlicherweise einig, dass selbst eine ambitionierte Absenkung des deutschen CO2-Ausstoßes praktisch keinen Effekt auf das Weltklima haben werde. Hinter dem deutschen Eifer steckt allerdings die Idee, das Land könnte eine Art Vorreiterrolle für andere Länder übernehmen. Immerhin ist deutsche Ingenieurskunst weltweit hochangesehen und wenn es jemandem gelingt, den Spagat aus Erhaltung des Wohlstands und Erhaltung des Klimas zu schaffen, dann doch wohl uns.

Ein wenig gelitten hat der Nimbus der Deutschen aber schon, denn nicht auf jedem Politikfeld, auf dem sich das Land zuletzt als Vorreiter versuchte, fand es in der Welt oder auch nur in der EU begeisterte Nachahmer. Als etwa die Regierung Merkel abrupt aus der Kernenergie ausstieg, bis dahin gehörten deutsche Unternehmen zu den Technologieführern in diesem Bereich, blieb die internationale Gefolgschaft überschaubar. Tatsächlich wurde die Technologie in der Zwischenzeit weiterentwickelt – ohne Deutschland – und wird heute zunehmend als klimaneutraler Baustein im Energiemix diskutiert bzw. angewendet. Für energieintensive Länder ist es daher wohl eine rationale Strategie, den deutschen Energiewendeweg erst einmal zu beobachten, bevor man genauso beherzt handelt.

Gerade beim Klimasünder China ist es zudem eher unüblich, dass auf der Straße „for Future“ herumgehüpft wird, schließlich weiß die dortige kommunistische Partei selbst am besten, was gut für die Zukunft ist. Schließlich eröffnet eine Strategie wie die deutsche eben nicht nur die Option des Nachahmens, sondern auch die Möglichkeit, genau jene Felder zu besetzen, die von dort freiwillig geräumt wurden. Auch hier mag die Kernenergie als Beispiel dienen, wobei das Thema Energie und Weltenergiemärkte noch viel mehr Facetten aufweist. Der frühere Präsident des ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hatte in seinem Buch „Das grüne Paradoxon“ entsprechend für eine Klimapolitik ohne Illusionen plädiert – eine Empfehlung, die im allgemeinen Aktionismus jedoch auf eher taube Ohren stieß.




Wenn zwei was Ähnliches tun …

Auch sind lange nicht alle „grünen Aktien“ für Anleger im gleichen Umfang Erfolgsgeschichten. In dieser Beziehung sind sie also nicht anders als andere Unternehmen. Was sie von der „freien“ Wirtschaft unterscheidet, ist regelmäßig der Umstand, dass ihre Geschäftsfelder in einem erheblichen Umfang von der jeweiligen Politik abhängen, weshalb Anleger neben den Geschäftsentscheidungen der Unternehmen selbst auch veränderte politische Weichenstellungen im Auge behalten sollten.

In den fokussierten Branchen der Gesetzgeber – je nachdem – entweder für erheblichen Rücken- oder auch Gegenwind sorgen. Neben den eigentlichen Kunden, welche die Produkte letztlich abnehmen, ist in der „grünen Industrie“ also immer auch der Staat bzw. die jeweils herrschende Politik als Impulsgeber ein wichtiger Faktor. Das kann selbst in Unternehmen, die oberflächlich betrachtet auf dem gleichen Gebiet tätig sind, zu erheblich unterschiedlichen Unternehmens- und Kursverläufen führen.

Nehmen wir etwa Verbio und CropEnergies (vgl. Abb. 1), beide sind im Bereich der Biokraftstoffproduktion tätig, mit zuletzt durchaus unterschiedlichem Ergebnis. Obwohl sich die Aktien in den letzten 15 Jahren oft genug parallel entwickelt haben, ist seit rund einem Jahr Verbio klarer Favorit. Dagegen tut sich CropEnergies schwer, den Korrekturmodus zu verlassen. Obwohl die Aktie aktuell nur mit dem rund 12fachen KGV bewertet wird, fehlt den Anlegern hier offenbar die Fantasie.

Dagegen treibt Verbio das Thema Biomethan konsequent voran, was wiederum genau jene Fantasie derart beflügelt, dass die Anleger der Aktie für das laufende Jahr sogar ein rund 30faches KGV zubilligen. In der Theorie würde man nun erwarten, dass die teure Aktie wenigstens anfälliger für Rückschläge wäre. Interessanter Weise war nicht einmal dies im abgelaufenen Jahr der Fall. Denn während Verbio wie an der Schnur gezogen nach oben kletterte, erlitt CropEnergies mehrfach herbe Kursrückschläge – zuletzt Anfang Oktober.

Kaptialschutz 2021

Der beste Schutz des Kapitals ist natürlich dessen Vermehrung. Konkret stellt sich aber die Frage, wie aggressiv man das Thema angehen will. Denn manch einer, der in der Hoffnung auf hohe Zuwachsraten agierte, erlitt letztlich doch Schiffbruch, weil sich die Risiken einer Anlage als wesentlich realer als die Chancen herausgestellt hatten. Mit Gratismittagsessen für Anleger ist die Börse nach wie vor geizig. Es gilt also den schmalen Grat zwischen (realem) Kapitalerhalt und echter Rendite zu finden. Traditionell beschäftigen wir uns in der Novemberausgabe des Smart Investor, die zum Wochenende erscheint, mit dem Kapitalschutz. Trotz der nicht zu bestreitenden Gefahrenlage gehen wir die Sache aber nicht verzagt an. Es ist, wie gesagt, eine Gratwanderung.

Dabei ist das medial vorherrschende Thema für Anleger derzeit die Inflation. Völlig überraschend kommt diese nicht. Was hatte man nach Jahren der ultralockeren Geldpolitik, der Null- und Negativzinsen eigentlich erwartet?! Etwa, dass die Preise keinerlei Reaktion auf die Geldschemme der Notenbanken zeigen? Zwar muss man nicht so weit gehen, wie @Jack – das ist das Twitter-Pseudonym von Jack Dorsey und der ist bekanntlich Chef des Kurznachrichtendienstes Twitter. Dorsey ließ seine 5,8 Mio. Follower am vergangenen Samstag unvermittelt Folgendes wissen:

„Hyperinflation is going to change everything. It’s happening.“ („Die Hyperinflation wird alles verändern. Es ist soweit.“) Nun ist Dorsey kein Wirtschaftsgelehrter, aber sein apodiktischer Tweet schlug trotzdem einige Wellen. Von einer Hyperinflation würden wir im Moment natürlich noch nicht sprechen, aber der Versuch der Mainstream-Ökonomie, die aktuellen Rekordraten als rein vorübergehendes Phänomen wegzuerklären, überzeugt nicht. Warum das so ist, und wie Sie Ihr Kapital in diesen Zeiten bewahren können, auch das lesen Sie im neuen Smart Investor.



Zu den Märkten

Der DAX entwickelte sich weiter positiv. So konnte er aus dem kleinen Plateau, dass er über die vergangene Woche gebildet hatte, gestern erneut mit einem Aufwärts-Gap nach oben ausbrechen (vgl. Abb. 2, grüne Markierung). Das war eine kraftvolle Aktion, auf die heute allerdings erst einmal eine Kurskorrektur folgte. Wir befinden uns nun mitten in der großen Widerstandszone, die sich seit Juni herausgebildet hat, wobei die Marke von 15.800 Punkten als besonderer Widerstand wirkt (vgl. Abb., rote Linie und rote Pfeile). Sollte diese Marke überwunden werden erscheint uns ein Angriff auf die Allzeithochs wahrscheinlich.

Nachdem diese ohnehin nahe am Ausbruchsniveau liegen, wären dann auch echte neue Allzeithochs in Reichweite, zumal der Markt in der Zwischenzeit doch ordentlich konsolidiert hat. Da wir der Marke von 15.800 Punkten erhebliche charttechnische Bedeutung beimessen, haben wir hier auch den Stopp-Loss für unsere Absicherung im Aktien-Musterdepot gesetzt. Kurzfristig würde es nicht einmal schaden, falls der DAX noch ein Weilchen im Bereich zwischen 15.600 und 15.800 Punkten konsolidiert. Allerdings sollte die Marke von 15.400 Punkten nicht mehr unterschritten werden, um an dieser positiven Hypothese festzuhalten. Auch saisonal könnte der Markt demnächst Rückenwind bekommen.

 

Fazit
Von grüner Politik sollten vor allem „grüne“ Aktien profitieren. Allerdings ist die Euphorie früherer Tage, die alle Unternehmen nach oben spülte, die sich irgendwie als nachhaltig bezeichneten, inzwischen verflogen. Der neue Smart Investor 11/2021 mit umfangreichem Kapitalschutzreport, „messerscharfen“ Analysen, zahlreichen Interviews und vielem mehr erscheint zum Wochenende.


Ralf Flierl, Ralph Malisch

smartinvestor.de



Quelle: Smart Investor


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