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Smart-Investor: „Inflation ist gut“

Donnerstag, 25.11.21 10:22
Smart-Investor: „Inflation ist gut“
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Was nicht wegerklärt werden kann, wird umdefiniert

Bundesbank warnt

Noch vor der Veröffentlichung der nächsten Verbraucherpreisindizes sieht sich die Deutsche Bundesbank unter ihrem scheidenden Präsidenten Jens Weidmann genötigt, die Märkte auf wahre Horrorzahlen vorzubereiten.

Im aktuellen Monatsbericht warnt sie vor Preissteigerungen von fast 6% – und zwar bereits in den anstehenden Novemberzahlen. Das ist auch ein Hilferuf und er liegt völlig quer zu den Versuchen, die Inflation als ein nur vorübergehendes Phänomen kleinzureden. Dabei geht es nicht nur um die Inflation als systemische Erscheinung von Fiatgeld-Systemen, es wird auch erläutert, wie sie Gesellschaften regelrecht deformiert, und das meist auch noch derart subtil, dass es die meisten Menschen inzwischen für den Normalzustand halten.

Düsteres Bild

Zurück zur Bundesbank: Was Sie schon jetzt im Überblick des aktuellen Monatsberichts lesen können, ist ein wahres Horrorszenario. Hier die Kernaussagen der ersten Seite, wie sie dort üblicherweise als Randvermerke erscheinen:

„Weltwirtschaftliche Erholung deutlich an Schwung verloren“
„Globale Industrie leidet zunehmend unter Materialmangel“
„Verbraucherpreisanstieg weltweit nochmals verstärkt“
„Finanzmärkte unter dem Einfluss hoher Inflation und erwarteter geldpolitischer Reaktion“

Uns wird ja gelegentlich vorgeworfen, die Dinge ein wenig zu kritisch zu sehen. Aber selbst eine an sich sehr zurückhaltende Organisation wie die Deutsche Bundesbank zeichnet nun ein Bild, das hoffnungsloser kaum sein könnte: Versorgungsengpässe, Stagnation, Inflation – ja, die „gute alte“ Stagflation ist wieder da.

Späte Wahrnehmung

Dass die Gefahr der Inflation erst vergleichsweise spät im Mainstream wahrgenommen wurde, hat auch etwas mit der vorherrschenden Inflationsdefinition zu tun. Nach dieser wird erst von einer Inflation gesprochen, sobald sich diese auch in den monatlichen Steigerungsraten der Verbraucherpreisindizes zeigt. Dabei ist das aus Sicht der Austrians, also der Vertreter der Österreichischen Schule der Ökonomie, nur die Spitze des Eisbergs bzw. ein bloßer Effekt der eigentlichen Inflation.

Die Ursache für solche allgemeinen Preissteigerungen liegt dagegen wesentlich früher, nämlich im Aufblähen (lat. inflare) der Geldmengen. Wer sich die Entwicklung der Notenbankbilanzen seit der Finanzkrise und insbesondere seit der Corona-Krise ansieht, kann nicht ernsthaft überrascht sein, dass sich in den betroffenen Volkswirtschaften erhebliches Inflationspotenzial aufgebaut hat. Man weiß nach der österreichischen Inflationsdefinition zwar nicht, wo ein Geldüberhang letztlich preistreibend wirken wird, aber man hat eine sehr gute Vorstellung davon, wann diese Gefahr in der Luft liegt. Dass sich die enorme Liquidität bislang überwiegend an den Assetmärkten ausgetobt hat, war lediglich ein Glücksfall der Geld- und Wirtschaftspolitik.

Engpass und Reaktion

Nun aber hat sich das Blatt insofern gewendet, als vermehrt Verbrauchsgüter in den Fokus der Menschen geraten sind. Ein Brandbeschleuniger der Entwicklung sind nicht nur die Lieferengpässe bei etlichen Produkten, sondern auch die Reaktionen darauf. Dort, wo Engpässe vorhanden sind bzw. befürchtet werden, wird die Lagerhaltung üblicherweise erhöht. Man will sich also für den Fall der Fälle wappnen und macht ihn durch seine eigenen Entscheidungen wahrscheinlicher.

Im Prinzip steckt dahinter ein spieltheoretisches Problem. Da trifft es sich gut, dass wir für die Dezember-Ausgabe des Smart Investor den Frankfurter Spieltheoretiker Prof. Dr. Christian Rieck vor das Mikrofon bekommen haben, der mit seinem Youtube-Kanal zur Spieltheorie auch ein echter Social-Media-Star ist. Bei der Spieltheorie geht es übrigens um weit mehr als um Spiele, es geht um rationale Entscheidungen.

Phasen der Kommunikation

Hinsichtlich der Inflation haben wir bislang drei Phasen der Kommunikation kennengelernt, die deutlich vor Augen führen, dass das Gros der Wirtschaftsmedien, von den Massenmedien ganz zu schweigen, entweder nicht über die nötige Wirtschaftskompetenz verfügen, oder aber das Publikum bewusst aufs Glatteis führen. Über viele Monate hieß es nämlich, dass die Corona-Politik nicht inflationär wirken werde.

Aus Austrian-Sicht war das natürlich eine äußerst kühne Behauptung, denn ein deutliches Mehr an Geld bei einem Lockdown-bedingten Weniger an Waren ist geradezu die klassische Voraussetzung für steigende Preise. Als die Inflation dann mit überraschend (!) hohen Raten tatsächlich auch in den Verbraucherpreisen gemessen werden konnte, wurde das nächste Narrativ gezündet: Diese Raten seien lediglich vorübergehender Natur und werden sich schon bald normalisiert haben. Das ist übrigens auch heute noch die Position der EZB, die sich aufgrund einer solchen Prognose elegant vor einer echten Inflationsbekämpfung drücken kann.

Zynismus als Berichterstattung

Es folgen weitere Monate mit massiv erhöhten Preissteigerungsraten, was einen erneuten Wechsel in der Kommunikationsstrategie zur Folge hatte. Meinungsführer wie die Washington Post und die großen US-Fernsehsender sind nun dazu übergegangen, dass die Inflation doch eigentlich eine tolle Sache sei. Weil man sich weniger leisten könne, werde man praktisch automatisch zum Klimaschützer und auch der eigene Berg der Verbraucherschulden verringere sich so ganz spielerisch in seinem Wert.

Ein US-Portal verstieg sich gar zu der Aussage, dass lediglich die reichsten 1% unter der Inflation leiden würden, während diese für alle anderen ein Segen sei. Noch zynischer und noch weiter von der Realität entfernt, lässt sich kaum argumentieren. Es waren und sind immer die unteren Einkommens- und Vermögensklassen, die unter dem Biss der Inflation ganz besonders leiden, was auch daran liegt, dass erst die Vermögenden eine breite Streuung über Sachwerte wie Immobilien und Aktien leisten können.



Zu den Märkten

Wie schon erwähnt, weiß man in aller Regel nicht mit Sicherheit, wo sich vagabundierendes Geld auf die Jagd nach den Preisen macht. Der Gedanke, dass in einem solchen Umfeld Sachwerte den Nominalwerten vorzuziehen sind, ist zwar vom Grundsatz her völlig richtig, er darf allerdings nicht so missinterpretiert werden, dass alle Sachwerte deshalb auch in jeder einzelnen Phase die bessere Wahl wären. Zum einen schwanken diese um den längeren Wachstumspfad, so dass es durchaus Zeiten geben kann, in denen sie den Verhältnissen vorausgeeilt sind und dann erst einmal zu Underperformern werden.

Dies gilt ganz besonders, wenn sich andere Bestimmungsfaktoren eintrüben. Bei Aktien könnten dies etwa die Aussichten auf rückläufige Gewinne oder die Gefahr eines Anziehens der Unternehmenspleiten sein. Das Stagflationsszenario könnte sogar in beiden Bereichen negative Überraschungen für Aktienanleger parat halten. Insofern sind auch rückläufige Kurse mit einer inflationären Umgebung kompatibel, zumindest phasenweise. Selbst der Goldpreis erlitt jüngst einen Schwächeanfall, nachdem die „dovishe“, also taubenhafte Kandidatin für den Fed-Vorsitz, Lael Brainard, scheiterte und damit Jerome Powell weiter Fed-Chef bleiben wird. Allerdings ist auch Powell nicht gerade das, was man klassischerweise unter einem Falken versteht, so dass die Scharte beim Goldpreis schon bald wieder ausgemerzt sein dürfte. Eine ernsthafte Inflationsbekämpfung ist angesichts der erreichten Schuldenstände keiner der Notenbanken zuzutrauen.

Für den DAX (vgl. Abb.) ging es in den letzten fünf Tagen kontinuierlich bergab. Die Reaktion auf das Allzeithoch vom 18.11. bei 16.290 Punkten ist damit enttäuschend. Zuletzt beschleunigte sich sogar der Abwärtsgang, was möglicherweise auch mit dem aktuellen Panikmodus in Sachen Corona zu tun hat. Vom anstehenden Winter ist nach Stand der Dinge kaum etwas Positives zu erwarten. Insbesondere verderben diverse 2G- und 3G-Regelungen das Weihnachtsgeschäft – und das ist für viele Branchen das wichtigste des ganzen Jahres.

Zumindest im DAX ist jedoch noch nicht aller Tage Abend. Denn mit dem heutigen Tag sind wir per Redaktionsschluss dieser Ausgabe wieder einmal bei der charttechnisch wichtigen Marke von 15.800 Punkten (rote Linie) gelandet. Wie oft in diesem Bereich die Kurse bereits gedreht haben, ist durch die zahlreichen kleinen Dreiecke veranschaulicht. Dieses Mal wird die Marke allerdings aus der der anderen Richtung, nämlich von oben getestet. Eine kleine Gegenreaktion sollte an dieser Stelle allemal drin sind. Ob die Marke angesichts der Wucht, mit der sie angesteuert wurde – gestern eröffnete der DAX sogar mit einem Abwärts-Gap –, dauerhaft halten kann, erscheint aber fraglich.

Fazit

Neben Corona und den Corona-Maßnahmen dürfte die Inflation weiter eines der prägenden Themen für die Börsen bleiben. Wenig konjunktursensible Sachwerte wie Edelmetalle und Edelmetallaktien dürften in diesem Umfeld gefragt bleiben.

Ralf Flierl, Ralph Malisch
smartinvestor.de





Quelle: Smart Investor


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