Smart-Investor: Schlaues Geld …

Mittwoch, 19.06.24 17:46
Smart-Investor: Schlaues Geld …
Bildquelle: Unternehmensbild: VW

… und dumme Politik

Desaster mit Ansage

Der Chart zeigt es eindrücklich: Die Aktienkurse der deutschen Autobauer verfallen. Es ist ein Desaster mit Ansage. Zuerst kam der Dieselskandal: Fragwürdige Abgastricksereien von Industrieseite nutzten hiesige Politiker, deren eigentliches Ziel das Aus für Verbrennerfahrzeuge ist, um Deutschlands Vorzeigebranche schlechtzureden. Das Ansehen der deutschen Autoindustrie nimmt in der Folge auch international Schaden.

Es folgt die Wende zur Elektromobilität. Die Regierung propagiert sie, und die Industrie will an die dafür ausgelobten Subventionen: Auto-Manager biedern sich an bei den Mächtigen in Berlin und vergessen die eigenen Kunden. Die mögen in Mehrheit keine teuren E-Autos kaufen. Unverdrossen wird auf Halde produziert.



Doch dümmer geht immer: Jetzt schwingt die EU-Kommission den Zoll-Hammer gegen billige chinesische E-Autohersteller. Deutsche Autobauer sind in China stark engagiert, ihnen schwant Böses: China könnte die Retourkutsche fahren, den Deutschen das Exportleben schwer machen. Von einer Intervention der Bundesregierung als Vertreter deutscher Auto-Industrieinteressen im zollverliebten Brüssel ist wenig zu hören …

Dafür reagiert das schlaue Geld. Die smarten Investoren entziehen Volkswagen Vz. (WKN: 766403), Mercedes (WKN: 710000) und BMW (WKN: 519000) ihre Gunst. Der langfristige Trend der Volkswagen-Aktie zeigt schon seit April 2021 (!) nach unten. Seit Anfang April verstärkt sich der Abwärtstrend, nun schwenken auch Mercedes und BMW ein, die sich bislang noch passabel gehalten hatten.

Für kommenden Freitag hat sich Wirtschaftsminister Habeck zu Gesprächen in China angesagt. Optimisten mögen deswegen Hoffnung schöpfen, Pessimisten den Besuch des Kompetenzdarstellers eher gegenteilig als kursbedrohlich auffassen.



Still ruht der See

Der Volatilitäts-Index VIX zeichnet die Aktienkursausschläge des amerikanischen Blue-Chip-Index S&P 500 nach. Während der Corona-Panik im Frühjahr 2020 schießt der VIX hoch. Er kommt dann wieder zurück, verbleibt aber 2021 und 2022 auf leicht erhöhtem Niveau. Es ist die Zeit der Bankenkrisen, der Inflations- und Konjunktursorgen, des beginnenden Ukraine-Kriegs. 2023 geht der VIX weiter zurück und ist nun, im Frühjahr 2024, wieder dort unten angekommen, wo er in Vor-Corona-Zeit stand: Die Angst der Anleger ist auf Tiefstand. Denn der VIX lässt sich als Angstanzeiger begreifen. Je mehr Angst die Anleger um ihr Geld haben, umso stärker sind die Kursausschläge beim VIX.

Die Abwesenheit von Angst bzw. Sorge ist aber nicht nur positiv. Denn jederzeit kann alles passieren und das trifft besonders diejenigen, die nicht vorbereitet sind. Das Grundrisiko haben Aktienanleger also immer zu tragen – oder aber sie schichten um, zum Beispiel in das Krisenmetall Gold. Da der VIX auf Tiefstand steht und Aktionäre in solcher Situation erfahrungsgemäß etwas mehr wagen, ist interessant, an welchen Märkten und in welchen Sektoren die Notierungen derzeit klettern. Der deutsche Markt scheint in der Breite uninteressant zu sein, praktisch in ganz Europa wird kein Kursfeuerwerk abgebrannt. Der Blick schweift nach Übersee.



Wo Gewinne gemacht werden

Das schlaue Geld fließt dorthin, wo Kundenwünsche geweckt und befriedigt werden. Das gelingt trotz aller Unkenrufe den Amerikanern immer noch am besten, und der heißeste Trend in Übersee ist nach wie vor AI: bisher übersetzt als „Artificial Intelligence“. Nach Tim Cooks gelungenem Developers-Conference-Auftritt heißt AI vielleicht bald „Apple Intelligence“? Ja, auch im Marketing sind die Amis Weltklasse. Klingeln gehört zum Geschäft und ist nicht verwerflich.

Genauso wenig ist es verwerflich, dem bestehenden (AI-)Trend zu folgen. Denn weder muss ein Anleger die Finanzwelt neu erfinden, noch ständig nach unentdeckten Perlen suchen. Sein einziges „Muss“ ist der Gewinn. Das ist egoistisch und dient doch der Allgemeinheit, da es Kapital dorthin lenkt, wo es mit Wahrscheinlichkeit am sinnvollsten verwendet wird. Der VanEck Semiconductor ETF (WKN: A2QC5J) ist hier ein wunderbarer Hinweisgeber. Seit Jahresbeginn legte er bislang um satte 50% zu. Der Aufgalopp startete pünktlich im Januar und dauerte bis März. Der Halbleiter-ETF legte bis Mitte April eine Verschnaufpause ein, setzt dann zum Parforceritt an.

Die größten Positionen im ETF: Nvidia, TSMC, Broadcom, ASML, AMD, Qualcomm, Texas Instruments, AMD, Intel. Es sind die üblichen Verdächtigen aus den USA, Taiwan und den Niederlanden. Aber wie gesagt, nicht das Aufspüren unentdeckter Anlageperlen ist die vornehmste Pflicht smarter Investoren, sondern das Erzielen von Börsengewinnen. Derzeit werden die dort gemacht, wo fortschrittlichste Technologien für die Konsumenten der Welt entwickelt und produziert werden.




Zu den Märkten

Wie angedeutet läuft es in Europa derzeit nicht rund. Der DAX kommt schon seit Wochen nicht richtig voran und musste in der Berichtswoche sogar zwei Tage mit deutlicheren Kursverlusten hinnehmen. Ob sich das am Freitag etablierte Zwischentief als tragfähig erweist, ist im Moment noch offen. Ist dies jedoch der Fall, dann würde die bislang gestrichelt eingezeichnete Aufwärtstrendlinie als nächste Orientierungsmarke fungieren. Unabhängig davon hätte sich der Trend damit ein weiteres Mal nach unten aufgefächert. Der DAX verliert also an Momentum.

Fazit

Die deutsche Fahrzeugindustrie zeigte zwar eine gewisse Resilienz gegen den politischen Gegenwind, aber irgendwann können auch top gemanagte Unternehmen dem Druck nicht mehr ohne Einbußen standhalten. Die Musik spielt ohnehin anderswo, vor allem in der US-High-Tech-Industrie – fragt sich nur, wie lange noch.

Ralf Flierl, Frank Sauerland, Ralph Malisch

smartinvestor.de

Quelle: Smart Investor