Smart-Investor: Gelernte Sorglosigkeit

Donnerstag, 17.09.20 13:22
Börse
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Warum die Märkte durch eine zweite Welle und die US-Wahl noch erheblich verunsichert werden können

Zweite Welle und Wahl

In der Titelgeschichte des aktuellen Smart Investor haben wir uns mit zwei Großthemen beschäftigt, die von den Märkten bislang weitestgehend ignoriert werden: „Die zweite Welle und die Wahl“ Zumindest tun die Märkte im Moment so, als sei beides kein allzu großes Problem, wohl weil die Notenbanken in „bewährter“ Manier, aber in bislang nicht gekanntem Ausmaß die elektronischen Druckerpressen laufen lassen.

Das Geld, es müsse ja schließlich irgendwo hin und da sind teure Aktien doch allemal besser als wertloses Papier. Im Prinzip ist diese Argumentation schon richtig, aber je teurer die Aktien und je geringer die „Margin of Safety“ solcher Investments damit ist, desto nervöser werden die Aktionäre sein. In fast schon fataler Weise erinnert die Situation an Anfang Februar dieses Jahres. Die Darling-Investments, insbesondere die FAANG-Aktien und damit auch der NASDAQ strebten immer neuen Höchstkursen entgegen – und wenn wir von Höchstkursen sprechen, dann meinen wir Allzeithochs. Der Glanz strahlte dabei auch auf immer mehr andere Indizes aus, wohl auch, weil in einem solchen Umfeld stets nach den zurückgebliebenen und vernachlässigten Titeln gesucht wird, mit denen dann die Mega-Perfomance noch einmal wiederholt bzw. nachgeholt werden soll. Das freilich gelingt in der Regel nicht.

Was nicht passieren darf

Wenn wir von vergleichsweise nichtigen Anlässen sprechen, dann kann man dieser Einschätzung mit Bezug auf Corona natürlich widersprechen. Allerdings war das Thema Corona bereits bekannt, als die Märkte zu Jahresbeginn einfach weiterstiegen. Erst als man begonnen hatte, die Dimension des Problems anders einzuschätzen und die Volkswirtschaften durch die Lockdown-Politik der meisten Länder schwer geschädigt wurden, begann man das Thema einzupreisen.

Insofern erinnert die aktuelle Situation in geradezu fataler Weise an die Monate Februar und März. Die beiden Großthemen „Zweite Welle“ und US-Präsidentschaftswahl sind allseits bekannt. Dazu kommt mit dem September nun auch noch die aktuell eher ungünstige Saisonfigur, die wir allerdings in diesen außergewöhnlichen Zeiten nicht überbewerten würden. Wir halten es aber für wahrscheinlich, dass eine negative Entwicklung bei zumindest einem der Großthemen erneut auf die Märkte durchschlagen wird. In Sachen Corona wäre das ein zweiter Lockdown, vor allem dann, wenn er ähnlich weitreichend wäre, wie der erste.

Bei den US-Präsidentschaftswahlen wäre es vor allem eine Patt-Situation, bei der beide Bewerber den Sieg für sich reklamieren und die endgültige Entscheidung vielleicht erst nach Wochen oder Monaten von den Höchstgerichten getroffen wird. Auch ein Wahlsieg des Tickets Biden/Harris, das mag für vom deutschen Medienmainstream „verwöhnte“ Ohren merkwürdig klingen, wäre für den US-Aktienmarkt die deutlich schlechtere Alternative gegenüber weiteren vier Jahren Trump/Pence.

Wie aus Gewinnmitnahmen eine Panik entsteht

Sollte sich eines der Negativszenarien realisieren, wäre die Versuchung bei vielen Marktteilnehmern sicher groß, erst einmal einen Teil der Gewinne der eindrucksvollen Kursrally der letzten Monate durch Verkäufe zu sichern. Das kann auch zu Anschlussverkäufen technisch orientierter Händler führen. Am Ende einer solchen Kaskade wäre dann sogar möglicherweise erneut Panik angesagt. Allerdings ist die Erfahrung aus dem Frühjahr noch frisch, weshalb wir an eine direkte Wiederholung eines solchen Kursmusters nicht glauben. Ein Rücksetzer, ja, aber eine tiefe Baisse?

Eher nicht. Denn das Frühjahr hatte ebenfalls gezeigt, wie lohnend es sein kann, in einer allgemeinen Verkaufspanik mutig zuzugreifen, ganz besonders, wenn man die Notenbanken tendenziell auf seiner Seite weiß. Gut möglich also, dass bei rückläufigen Kursen schon sehr viel früher wieder eingestiegen wird. Solange die Notenbanken das Heft noch in der Hand halten, wird sich an diesem Muster wohl auch nichts Entscheidendes verändern. Dass es aber auch eine natürliche Grenze für die andauernde Politik des ultralockeren Geldes gibt, deutet der Bestsellerautor Dr. Markus Krall im Rahmen eines großen Interviews an, das wir für den kommenden Smart Investor mit ihm geführt haben.



Zu den Märkten

Unentschlossen auf hohem Niveau, so könnte man das Kursgeschehen beim DAX derzeit wohl am besten charakterisieren (vgl. Abb.). Insbesondere die Handelstage mit relativ enger Kursspanne deuten auf eine Pattsituation zwischen Bullen und Bären. Einer solchen Pattsituation sieht man allerdings nicht unbedingt an, in welche Richtung sie sich auflösen wird. Das ist praktisch wesensbedingt, denn während dieser Phase sind die widerstrebenden Lager ungefähr gleich stark. Erst wenn eine Seite die Oberhand gewinnt, kommt wieder frische Dynamik ins Spiel, vor allem, weil die unterlegene Seite ihre Positionen auflösen bzw. ihre Positionierung an die dann geänderten Verhältnisse anpassen muss. Die aktuelle Unentschlossenheit kann im positiven Fall ein Kräftesammeln für einen erneuten Durchbruchsversuch über den Widerstandsbereich von rd. 13.300 bis 13.350 Punkten sein. Dafür spräche auch das grundsätzlich positiv zu interpretierende aufsteigende Dreieck (blaue Linien) und die relative Stärke des DAX im Vergleich zur NASDAQ (siehe Vorwoche).

Wie umkämpft aber selbst dieses Dreieck ist, illustrieren die Fehlausbrüche, die sich sowohl an der oberen als auch an der unteren Begrenzungslinie zeigen (blaue Markierungen). Es ist daher auch weiter eine andere, negativere Interpretation zulässig, die wiederum zum eingangs beschriebenen heißen Corona-und-Wahl-Herbst-Szenario passen würde: Demnach bewegt sich der DAX nach dem ersten starken Post-Corona-Crash-Aufwärtsschub seit Anfang Juni in einem grundsätzlich negativ zu interpretierenden Aufwärtskeil, der sich allerdings nur leicht verjüngt und daher mit einem Trendkanal verwechselt werden könnte (rote Markierungen und SIW 37/2020). Aus einem solchen Keil wäre aber ein Ausbruch nach unten zu erwarten. Das wäre auch mit der Erfahrung kompatibel, dass sich eine DAX-Stärke gegenüber US-Indizes regelmäßig als flüchtiges Phänomen erwies. Für ein nachhaltigeres Eigenleben sind die deutschen Blue Chips in der Vergangenheit jedenfalls nicht gerade bekannt gewesen. Wir sehen derzeit – wie schon in der Vorwoche beschrieben – eher die Gefahren aus der negativen Interpretation der aktuellen Situation.

Eine technische Schwierigkeit dieser Lage besteht zudem darin, dass bei einem größeren Abwärtsschub, vorausgesetzt er erweist sich nicht unmittelbar als Fehlsignal, aus beiden Formationen heraus ein weiteres Absinken der Kurse zu erwarten wäre. Würde jedoch das blaue Dreieck nach oben verlassen werden, dann wäre der rote Aufwärtskeil noch bis zu Kursen von knapp unter 14.000 Punkten intakt, einem Niveau, das in etwa dem alten Allzeithoch entspricht, was dann wohl als zusätzlicher Widerstand wirken würde.

 

Fazit

Noch zeigen sich die Märkte vergleichsweise sorglos, aber erneut stehen Großthemen mit potenziell negativen bis sehr negativen Implikationen vor der Tür.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

smartinvestor.de



Quelle: Smart Investor




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