Smart Investor: Jahresende ohne Rally?

Donnerstag, 06.12.18 10:23
Smart Investor: Jahresende ohne Rally?
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Wenn Besinnlichkeit und Geschenke ausbleiben

An die Öffentlichkeit gezerrt

Das Timing war eigentlich perfekt. Am 10./11. Dezember, also mitten im Advent, sollen die UN-Mitglieder in Marrakesch den Global Compact for Safe, Orderly and Regular Migration (GCM), oder kurz Migrationspakt verabschieden. In der Vorweihnachtszeit haben die Menschen meist andere Dinge im Kopf: Jahresabschlussarbeiten, Weihnachtsfeiern, Geschenkemarathon, etc. Und wenn man dann am Heiligen Abend endlich durchschnaufen kann, ist alles schon geschehen. Denn sobald dieser Pakt einmal verabschiedet ist, wird er langsam und zunächst kaum merklich seine Wirkung entfalten.

Aber das Timing war eben nur „eigentlich“ perfekt, denn mittlerweile beherrscht das Thema die politische Diskussion in zahlreichen Ländern. Es war der in Deutschland so routinemäßig geschmähte US-Präsident Donald Trump, der bereits im Dezember 2017 Lunte roch und für die USA die Reißleine zog. Im Juli 2018 stieg Ungarn aus, was uns hierzulande als weiterer Beweis für die Rückwärtsgewandtheit des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán verkauft wurde. Dann ging es Schlag auf Schlag:

Österreich ging im Oktober von Bord, im November setzten sich in einer Fluchtbewegung der besonderen Art Bulgarien, Tschechien, Polen, Israel, Australien und die Slowakei ab. In weiteren Ländern, allesamt potenzielle Zielländer der globalen Migration, kocht – kurz vor Torschluss – die Diskussion hoch. Was immer da in Marrakesch verabschiedet wird, „global“ kann man es sicher nicht mehr nennen, fehlen doch mit den USA und Australien bereits zwei der Top-Einwanderungsländer.

Die Bundesrepublik wird sich allerdings sicher „unverbindlich“ verpflichten. Schließlich wurde in der Zwischenzeit ruchbar, dass Deutschland auf Seiten der Zielländer eine der treibenden Kräfte hinter dem Pakt ist. Wir haben uns im aktuellen Smart Investor intensiver mit den Hintergründen beschäftigt und zudem ein ausführliches Interview mit dem Juristen Dr. Siegfried von Hohenhau geführt, der mit einer eigenen Kommentierung des Paktes tief in das Thema eingestiegen ist. Das Interview haben wir für Sie online ausgekoppelt

Unklare Motivation

Was insbesondere hinter der starken Motivation der deutschen Regierung für diesen Pakt steckt, kann man nur erahnen. Schließlich liegen in keinem anderen Land aktuellere Daten darüber vor, welche Effekte durch eine weitestgehend unkontrollierte und ungesteuerte Armutsmigration in ein Zielland ausgelöst werden. Die Ergebnisse sind, gelinde gesagt, nicht ausschließlich positiv und die Kosten ganz erheblich. Gemutmaßt wird, dass sich die deutsche Regierung über den Umweg der UN – quasi über Bande – eine Art nachträglichen Freibrief für ihre Migrationspolitik verschaffen will.

Ganz nebenbei könnten über die Sprachregelungen des Paktes perspektivisch auch Kritiker nach und nach mundtot gemacht werden. Zumindest zeigen solche Überlegungen, wie schon die Entstehungsgeschichte des Paktes, dass der Startschuss zur Massenmigration offenbar nicht ganz so spontan fiel, wie es die Bundesregierung der überrumpelten Bevölkerung im Herbst 2015 glauben machte, als vorzugsweise von schneller Hilfe für Flüchtlinge in einer akuten Notsituation gesprochen wurde. Dahinter steckt in Bezug auf Deutschland zudem das Mantra vom „reichen Land“, das stets bemüht wird, wenn die Bundesrepublik, also deren steuerzahlende Bürger, wieder einmal für irgendetwas „Verantwortung“ übernehmen soll.

Dass es mit dem Reichtum der „reichen“ Bundesrepublik gar nicht so weit her ist, hat der Top-Ökonom Dr. Daniel Stelter in seinem neuen Bestseller „Das Märchen vom reichen Land“ untersucht. Der angebliche Reichtum Deutschlands ist jedenfalls mit der Datenlage kaum in Übereinstimmung zu bringen, ein geradezu klassisches „Loch in der Matrix“. 

Narrativ am Ende

Fast jeder Aufschwung hat sein eigenes Narrativ, das den Marktteilnehmern die Begründung für steigende Kurse liefert. Ende der 90er Jahre war dies die New Economy, die der alten Industrie das Fürchten lernen sollte. 2006/2007 war es die Kombination aus den boomenden Immobilienmärkten in den USA und einer generellen Goldgräberstimmung im Finanzsektor. Sobald diese vorherrschende Meinung zu kippen droht, ist es meist auch um die damit einhergehende Hausse schlecht bestellt.

Für die aktuelle, seit knapp zehn Jahren laufende Hausse fällt es schwer, eine griffige Überschrift zu finden. Getrieben wurde der Aufschwung von niedrigen Zinsen, einer guten Wirtschaftsentwicklung und diversen technologischen Innovationen. Bisweilen gesellten sich jedoch auch Modethemen dazu, die die Börsianer in regelrechte Euphorie versetzten. Bis Ende 2017 waren dies der Bitcoin und die Kryptowährungen, 2018 waren es die Cannabis-Aktien. Daneben wurde der generelle Boom der Technologietitel von findigen Verkäufern gern genutzt, um angeblich innovative Geschäftsmodelle hoffnungslos auszuschlachten.

All diesen Blasen und „Bläschen“ ist jedoch eines gemein: Die letzten Wochen und Monate brachten ordentlichen Gegenwind für jedwede Luftnummer. Bitcoin? Mit einer 80% Korrektur vom All-Time-High. Cannabis? Seit der Liberalisierung in Kanada gnadenlos abgestürzt. Windige Tech-Unternehmen wie die deutsche Pantaflix: Ein sattes Minus von knapp 50% alleine im gestrigen Handel, nachdem sich all die schöne Hoffnung zunehmend als Blendwerk darstellt. 

Viel Dunst um nichts

Ein Musterbeispiel dafür ist der kanadische Cannabis-Titel Aphria, einer der größten Vertreter dieser schillernden Branche. Bis letzte Woche brachte es das Unternehmen auf eine Marktkapitalisierung von 2,6 Mrd. CAD. Seit sich der Hedgefonds Quintessential Capital dem Thema in einer kritischen Studie angenommen hat, ist die Aktie jedoch um mehr als 50% eingebrochen. Zu erdrückend sind die von Quintessential-Gründer Gabriel Grego vorgelegten Beweise.

Nach seinen Informationen ist Aphria in den letzten Jahren auf eine 700 Mio. CAD schwere Einkaufstour gegangen, um sich im Wesentlichen wertlose Assets in Jamaika, Argentinien und Kolumbien zu kaufen. Diese Unternehmen hätten sich die Insider des Unternehmens teilweise sogar indirekt selbst abgekauft. Viel Geld wurde also aus den Taschen gutgläubiger Kleinanleger zu den Initiatoren des Unternehmens „umverteilt“. Zum Beleg legt Grego Fotos der angeblichen Büros und Produktionsstätten vor, die von verfallenen Häusern bis hin zu nicht existenten Adressen reichen.

Angeblich werthaltige Lizenzen der erworbenen Firmen sind teilweise bislang nicht einmal genehmigt. In einem Fall lassen sich diese quasi von jedermann für 500 USD innerhalb von sechs Monaten beantragen. Aphria selbst stellte übrigens die Fähigkeit in seinen Gewächshäusern ein Gramm Cannabis für 2 CAD herstellen zu können als wesentliches Differenzierungsmerkmal dar – und benennt damit gleichzeitig den größten Schwachpunkt des gesamten Branchehypes. Denn am Ende des Tages sind viele Unternehmen schlicht und ergreifend bessere Agrarunternehmen.



Angst ist immer

Noch vor wenigen Wochen war die Hauptsorge amerikanischer Börsianer, dass die US-Notenbank bei der Anhebung der Zinsen übersteuern und die US- bzw. Weltwirtschaft damit in eine schwere Krise stürzen könnte. Entsprechend groß war letzte Woche das Aufatmen an den Märkten, als Fed-Chairman Jerome Powell bekanntgab, dass sich der Zins nur noch leicht unter seinem neutralen Niveau bewege, was als baldiges Ende der Zinserhöhungen interpretiert wurde. Auch aus den Ergebnissen des G20-Gipfels konnten die Märkte Honig saugen. Denn der „Waffenstillstand“ im Handelskonflikt zwischen den USA und China scheint ein weiteres der großen Sorgenthemen (zumindest vorläufig) zu entschärfen.

Umso überraschender war für viele der gestrige Kurseinbruch, der interessanterweise mit gesunkenen Zinsen, Zinsinversion und Rezessionsängsten begründet wurde. Tatsächlich gingen solche Zinsinversionen den meisten Rezessionsphasen voraus, wenn auch nicht auf jede Inversionslage bei den Zinsen eine Rezession folgte. Das Spaßige an der Situation der letzten Wochen ist, dass man sowohl mit der Angst vor steigenden, als auch mit der Angst vor fallenden Zinsen die Rezessionskarte spielte. Angst ist immer. Will man der Situation also etwas Positives abgewinnen, dann wäre dies darin zu sehen, dass ein Zuviel an Angst blind für mögliche Chancen macht. Das ist im Moment aber nur eine Hintergrundinformation, denn technisch bleibt der Markt angeschlagen, wie nicht nur der gestrige Kurssturz illustriert hat.

Zwar befindet sich der NASDAQ100 (vgl. Abb.) noch immer über seiner Trendlinie, der jüngste Test verlief bislang aber alles andere als überzeugend. Nur mit Mühe konnte sich der Index von der Stützungslinie freischwimmen, um sich dieser gestern wieder mit Riesenschritten zu nähern. Unterhalb der Linie sind wir dann relativ schnell auch offiziell auf Bärenterrain. Im unteren Teil der Abbildung sind übrigens die großen Tagesbewegungen von mehr als 2,5%, 3,0% und 3,5% nach oben bzw. unten abgetragen. Auch dieser Indikator gibt Hinweis auf die aktuelle Unsicherheit.

Zwar muss aus dieser Perspektive der Markt nicht zwangsläufig nach unten wegbrechen, nach neunjähriger Hausse schätzen wir allerdings die Wahrscheinlichkeit nicht allzu groß ein, dass es wieder nur bei einem kurzen Geplänkel bleibt, wie in den zurückliegenden Unsicherheitsphasen. Das Indikatorband macht noch etwas deutlich: Große Tagesschwankungen – und zwar in beide Richtungen – gibt es praktisch nur während Phasen der Verunsicherung und während Baissen. In den langen Aufstiegsphasen sind große Tagesverluste und(!) Tagesgewinne dagegen eine absolute Rarität.

Fazit

Weder an den Börsen noch in der Politik stehen die Zeichen aktuell auf besinnliche Festtage oder gar große Geschenke – zumindest nicht für Börsianer.

 

Ralph Malisch, Christoph Karl
Smart-Investor



Quelle: Smart Investor


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