Smart Investor: „Schuldner aller Euro-Länder, vereinigt Euch!“

Donnerstag, 09.04.20 10:43
Eurozeichen vor der Europäischen Zentralbank
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Über schlechte Ideen in schlechten Zeiten

Sie sind wieder da

Gerade Börsianer wissen, dass es nur wenige Gesetzmäßigkeiten gibt, auf die man sich wirklich verlassen kann. Anders als in Mathematik, Chemie oder Physik gerät der Boden des sicher Geglaubten immer dort recht schnell ins Wanken, wo wir es mit Menschen und deren Befindlichkeiten zu tun haben.

Das gilt ganz besonders, wenn – wie in der Corona-Krise – die Lage unübersichtlich ist. Es ist nicht immer Dummheit, wenn altbekannte Schnapsideen plötzlich wieder als ultimative Lösungen für aktuelle Problemlagen präsentiert werden. Manchmal steckt dahinter auch ein geradezu machiavellistisches Kalkül, mit dem aus einer ordentlichen Krise schnell maximaler Nutzen gezogen werden soll.

Panik, Zeitdruck und moralische Verpflichtung – vorzugsweise alles zusammen medial und künstlich angefacht – sind eine unschlagbare Kombination, wenn es darum geht, den Menschen etwas unterzujubeln, was nicht in deren Interesse ist und was sie bei genauer Betrachtung entsprechend auch gar nicht wollen würden. So sind unter dem Stichwort „Corona-Bonds“ plötzlich auch die notorischen Eurobonds wieder da. Saurer, alter Wein in frisch gestrichenen Schläuchen – je nach Standpunkt der Traum bzw. Albtraum einer Schuldenunion.

Strenge Rechnung, gute Freunde

Auf politischer Seite haben ein französischer und ein italienischer EU-Kommissar – Thierry Breton und Paolo Gentiloni – den Ball ins Rollen gebracht und damit die deutsche Kommissionspräsidentin von der Leyen kalt erwischt. Das eigentlich Bedenkliche und doch so Exemplarische an dieser Episode ist nicht nur, dass aus Brüssel bislang wenig Praktisches zur Bewältigung einer Krise kam, die sich unter dem Eindruck der Shutdowns von einer Gesundheits- zu einer Wirtschaftskrise zu wandeln scheint.

Das Bedenkliche und Exemplarische ist vielmehr, dass erstens in dieser Krise sofort Verteilungskämpfe zwischen den Nationen aufbrechen, der viel beschworene europäische Geist in der Praxis also weiter mit strengem Stallgeruch weht. Was zweitens auffällt: Die medial besonders präsenten „Lösungen“ haben wie selbstverständlich eine starke Schlagseite Richtung schwammiger Vergemeinschaftung und einer Delegierung der Verantwortung ins Brüsseler Nirgendwo, was die Parolen von „Mehr Europa“ und „europäischer Solidarität“ auf den schlichten Imperativ „Michel zahl!“ zusammenschnurren lässt. Und genau das schafft eben keine tragfähige Gemeinschaft, sondern sorgt für strukturelle Zwietracht – außer vielleicht bei denen, die zum deutschen Steueraufkommen ohnehin nichts beitragen. Es heißt nicht umsonst: Strenge Rechnung, gute Freunde.



Zu den Märkten

Die Märkte auf kurze Sicht prognostizieren zu wollen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. In dieser Situation ganz besonders. Zielführender ist es da, den Ist-Zustand zu lesen, um daraus einige Schlussfolgerungen für die nähere Zukunft zu ziehen. Dies freilich gelingt umso eher, je mehr man sich in einer Standardsituation befindet, für die es in der Historie bereits viele Beispiele gibt und die von daher eine zumindest statistische Standarderwartung zulässt.

Genau dies ist allerdings aktuell nicht der Fall, denn der Corona-Crash gehört zu den extrem seltenen Phasen eines massenhaften und nahezu unterschiedslosen Abverkaufs an den Aktienmärkten. Einige mögliche Profiteure, die sich bislang auch recht wacker geschlagen haben, stellen wir übrigens in Smart Investor 4/2020 mit unserem Artikel über „Corona-Aktien“ vor. Doch zurück zum Gesamtmarkt: Heute wollen wir wieder einmal den DAX unter die Lupe nehmen (vgl. Abb.). Zuletzt deutete sich hier eine Stabilisierung an, die sich auch aus der beobachteten Abfolge höherer Tiefs und höherer Hochs ergibt (grüne Markierungen).

Das allerdings sollte man nicht überinterpretieren, denn auf der höchsten Zeitebene sind wir noch rund 3.500 Punkte von einem höheren Hoch entfernt. Das Ganze könnte sich also als eine Art keilförmige Korrekturbewegung (blaue Linien) erweisen, deren Standarderwartung dann tatsächlich eine Wiederaufnahme des Abwärtstrends durch einen erneuten Ausbruch nach unten wäre. Aber wie bereits angedeutet, befinden wir uns in einer außergewöhnlichen Lage, die vor allem auch durch gewaltige externe Impulse gekennzeichnet ist. Diese können den Markt jederzeit treffen und werden dann von den Marktteilnehmern entsprechend abgearbeitet bzw. eingepreist.


Löchrige Angelegenheit

Was derzeit vielleicht am auffälligsten am DAX-Chart ist, sind die zahlreichen Kurslücken bzw. Gaps. Die entsprechenden Kurslöcher sind im Chart durch Dreiecke markiert, die dann gefüllt wurden, wenn die Kurslücke durch ein erneutes Überstreichen des Bereichs geschlossen wurde (vgl. Abb.). Man sieht deutlich, dass vor allem die Kurslücken in der Frühphase des Abwärtstrends noch überwiegend offen sind, was eine Interpretation als sogenannte Break-Away-Gaps zulässt.

Diese definieren einen neuen, in diesem Fall abwärts gerichteten Trend. Dass sie noch zeitnah geschlossen werden, erscheint aus heutiger Sicht ausgeschlossen. Bemerkenswert bleibt allerdings die bloße Anzahl der Gaps. Schon in marktschweren Einzeltiteln sind Gaps eher selten, in Blue-Chip-Indizes wie dem DAX sind sie aufgrund der Ausgleichseffekte zwischen den Einzelaktien in Normalzeiten eine Rarität.

Das ist auch schon die erste Erklärung: Dies sind keine normalen Zeiten. Genauer gesagt schwindet während starker Baissen das Eigenleben der Titel, wodurch die Ausgleichseffekte geringer ausfallen. Der zweite Effekt scheint zu sein, dass wesentliche Impulse für den deutschen Markt derzeit außerhalb der eigentlichen Handelszeiten erfolgen, namentlich aus den USA, und erst mit der Aufnahme des Handels am Folgetag nachvollzogen werden. Der Schlüssel für die Auflösung dieser Situation liegt also – so oder so – in Amerika.

Fazit

Nicht nur an den Märkten versprechen die nächsten Tage noch einmal richtig spannend zu werden. Insbesondere durch die handelsfreie Zeit an Ostern kann es im Vorfeld oder Nachgang noch einmal zu Turbulenzen kommen

Ralf Flierl, Ralph Malisch
smart-investor.de






Quelle: Smart Investor




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