Sehr geehrte Privatanleger,
die Begriffe „Hedgefonds“ und „Nanotechnologie“ regen immer noch die
Anlegerphantasie an. Ich habe mich hierzu schon mehrmals kritisch geäußert.
Jetzt gibt es weitere Daten, die meine Skepsis belegen.
Zunächst einmal: wenn eine Anlage zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist
diese meistens auch zu gut, um wahr zu sein. Wenn Ihnen 20%-30% p.a.
versprochen werden, dann sollten alle Alarmglocken klingeln. An der Börse
können Sie langfristig 8-12% p.a. verdienen, vielleicht 15%. Dabei spreche
ich von der Gesamtperformance Ihres Portfolios, nicht von einzelnen Aktien.
Auch ich habe Aktien, die 100% p.a. und mehr gemacht haben, so z. B. Puma,
eBay und Bijou Brigitte. Aber genauso habe ich Aktien, die trotz
sorgfältiger Auswahl im Minus liegen.
Hedgefonds
Bei Hedgefonds locken die oftmals erstaunlichen Renditezahlen von 20-30%. Da
schauen viele Privatanleger nicht so genau hin. Das können sie auch gar
nicht, denn im Gegensatz zu Fonds und Indexprodukten sind Hedgefonds völlig
intransparent. Kein Privatanleger kann nachvollziehen, womit Hedgefonds ihr
Geld verdienen.
Mein Kollege Prof. Manuel Ammann von der Universität St. Gallen hat jetzt
die veröffentlichten Renditezahlen von Hedgefonds untersucht. Er kommt zu
dem Ergebnis, dass es nahezu unmöglich ist, die durchschnittliche Rendite
von Hedge Fonds zu berechnen. Privatanlegern werden vor allem durch drei
Verzerrungen falsche und zu gute Zahlen vorgespiegelt:
Survivorship-Bias: diese Verzerrung entsteht dadurch, dass pro Jahr 10% und
mehr aller schlecht performenden Hedge Fonds eingestellt werden. Zwar
versucht die Hedgefonds-Branche, das herunterzuspielen; es können aber
leicht Renditeunterschiede von bis zu 2,5% Prozentpunkten in einem Zeitraum
von 2-10 Jahren entstehen.
Instant History Bias: dies ist wohl der älteste und auch am leichtesten zu
durchschauende Trick. Leider fallen viele Anleger immer noch darauf herein.
Viele Hedgefondsanbieter legen einige kleine Fonds auf und melden ihre
Zahlen erst, wenn ein Fonds ein oder mehrere gute Jahre hinter sich gebracht
hat. Die anderen Fonds verschwinden klammheimlich in der Versenkung.
Selection Bias: Fast ein Drittel aller Hedgefonds liefert derartig miserable
Zahlen, dass sie für eine Auswertung gar nicht herangezogen werden können.
Es steht zu befürchten, dass sich in dieser Gruppe besonders viele schwarze
Schafe befinden.
Dennoch: mit dem Aushängeschild „Hedgefonds“ wird zweifelsohne ein gutes
Geschäft gemacht. Es ist so attraktiv, dass der Bundesverband Alternative
Investments (BAI) und die EBS Finanzakademie ein „Intensivstudium“ zum
Hedgefondsberater anbieten. Die Teilnehmer lernen die rechtliche und
steuerliche Behandlung von Hedge-Fonds kennen und werden in Beratungs- und
Vertriebsansätzen geschult. Die Anlagestrategien der Fonds kommen allerdings
recht kurz: kein Wunder, denn welcher Hedgefondsmanager lässt sich schon in
die Karten sehen?
Sinn und Zweck das „Studiums“ werden schnell klar, wenn man sich die
Initiatoren ansieht. Der Bundesverband Alternative Investments (BAI) will
als Lobby-Verband den Bekanntheitsgrad von alternativen Anlagestrategien,
wie sie von Hedge-Fonds genutzt werden, sowie deren Verständnis in der
Öffentlichkeit steigern. Die Dozenten sind Experten aus dem Kreis der
BAI-Mitglieder. Hier schulen also die Initiatoren ihre zukünftigen
Vertriebsmitarbeiter. Kein Wunder also, dass nur einer von 20 Teilnehmern
des letzten Kurses durchgefallen ist.
Nanotechnologie
Ein Leser fragte mich nach dem Potential der Nanotechnologie. Wirklich neu
ist die Nanotechnologie-Begeisterung nicht mehr, sie kocht aber gerade
wieder einmal hoch. Im Sommer 2002 war ich vom damaligen
Vorstandsvorsitzenden der mg technologies Kajo Neukirchen eingeladen, auf
dem Nanotechnologie-Forum von mg die Börsentauglichkeit der Nanotechnologie
zu analysieren. Mein Fazit: Nanotechnologie ist real und ein
Innovationsmotor, aber kaum börsenfähig.
Zunächst einmal ist der Begriff selbst unsinnig. „Nanos“ heißt übersetzt
„Zwerg“. Ein Nanometer ist ein Millionstel Millimeter. Genauso gut könnte
man eine „Zentimetertechnologie“ definieren, die alle Objekte umfasst,
welche unter einem Zentimeter liegen. Verschiedene
Nanotechnologie-Anwendungen gibt es schon im Bereich der Lacke, der
Materialen und bei Computerchips. Man kann sich weitere Anwendungen
vorstellen: zum Beispiel winzige Roboter, die im menschlichen Körper
Reparaturen vornehmen. Der Phantasie sind also keine Grenzen gesetzt.
Mittlerweile setzt die Finanzbranche verstärkt auf die neue Mode. Die Kurse
kleiner Nanotechnologie-Unternehmen sind stark gestiegen. Die WestLB hat ein
Nanotechnologie Active Plus Zertifikat (ISIN DE 000 699 688 7)
herausgegeben. US Global Aerospace hat sich in US Global Nanospace
umbenannt. Und Merill Lynch hat einen Nanotech-Index aufgelegt. Keine Frage,
verschiedene Nano-Anwendungen werden Potential haben. Dummerweise wissen
weder Sie noch ich und schon gar nicht die Banken, welche das sein werden.
Die meisten Nanotech-Firmen sind winzig. Kaum eine dieser Firmen hat
marktfähige Produkte, schon gar nicht für den Massenmarkt. Keine der Firmen
macht große Umsätze oder ist profitabel. Daher werden zunächst einmal die
etablierten Firmen, wie zum Beispiel IBM, Xerox oder mg technologies von
Nanotech profitieren.
Anscheinend haben viele Privatanleger keinen Jota aus dem Internet-Boom
gelernt. Vielleicht wollen sie es diesmal sogar besser machen. Glauben Sie
mir, Sie können es nicht „besser“ machen. Auch bei der Modewelle Nanotech
werden viele auf die Nase fallen.
Und zuletzt: die Deutsche Postbank. Das Interesse an der Emission ist
gering. Im Vorfeld haben verschiedene Analysten empfohlen, die Emission
nicht oder nur mit Limit zu zeichnen. Am Mittwoch verlautete ein Sprecher
der Post, dass eine Absage des Börsengangs bei weiter mangelndem Interesse
möglich sei. Nun will die Post doch am Börsengang festhalten.
Ich wiederhole, was ich schon öfters geschrieben habe: bei Börsengängen
verlieren Privatanleger normalerweise Geld. Der Emittent kann sich mit Hilfe
vieler Experten aussuchen, wann und wie er seine Aktie zu dem für ihn besten
Preis losschlägt. Sie können nur „ja“ oder „nein“ sagen. Mein Standpunkt:
wenn Sie sich nicht absolut sicher sind, sollten Sie 1-2 Jahre warten, ob
sich das Unternehmen bewährt. Dann verpassen Sie zwar vielleicht die ersten
Kurssteigerungen, schließen aber auch viel Risiko aus. Meistens gibt es
später noch günstige Kaufgelegenheiten. So sieht es übrigens auch Warren
Buffett.
Als Frage bleibt mir nur, warum sich nun die skeptischen Analystenstimmen
zum Börsengang der Postbank so vermehren. Wollen sich da einige von ihren
Sünden aus der Zeit der New Economy reinwaschen? Ich kommentiere den
Börsengang der Postbank nicht weiter. Sollten die Aktien jedoch in den
nächsten Wochen oder Monaten unter 25 € fallen, dann können Sie zuschlagen.
Erfolgreiche Investments wünscht Ihnen
Ihr
Prof. Dr. Max Otte
www.privatinvestor.de