Anlegerfallen Hedgefonds, Nanotechnologie und Postbank

Freitag, 18.06.04 13:02
Sehr geehrte Privatanleger,

die Begriffe „Hedgefonds“ und „Nanotechnologie“ regen immer noch die Anlegerphantasie an. Ich habe mich hierzu schon mehrmals kritisch geäußert. Jetzt gibt es weitere Daten, die meine Skepsis belegen.

Zunächst einmal: wenn eine Anlage zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist diese meistens auch zu gut, um wahr zu sein. Wenn Ihnen 20%-30% p.a. versprochen werden, dann sollten alle Alarmglocken klingeln. An der Börse können Sie langfristig 8-12% p.a. verdienen, vielleicht 15%. Dabei spreche ich von der Gesamtperformance Ihres Portfolios, nicht von einzelnen Aktien. Auch ich habe Aktien, die 100% p.a. und mehr gemacht haben, so z. B. Puma, eBay und Bijou Brigitte. Aber genauso habe ich Aktien, die trotz sorgfältiger Auswahl im Minus liegen.

Hedgefonds

Bei Hedgefonds locken die oftmals erstaunlichen Renditezahlen von 20-30%. Da schauen viele Privatanleger nicht so genau hin. Das können sie auch gar nicht, denn im Gegensatz zu Fonds und Indexprodukten sind Hedgefonds völlig intransparent. Kein Privatanleger kann nachvollziehen, womit Hedgefonds ihr Geld verdienen.

Mein Kollege Prof. Manuel Ammann von der Universität St. Gallen hat jetzt die veröffentlichten Renditezahlen von Hedgefonds untersucht. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es nahezu unmöglich ist, die durchschnittliche Rendite von Hedge Fonds zu berechnen. Privatanlegern werden vor allem durch drei Verzerrungen falsche und zu gute Zahlen vorgespiegelt:

Survivorship-Bias: diese Verzerrung entsteht dadurch, dass pro Jahr 10% und mehr aller schlecht performenden Hedge Fonds eingestellt werden. Zwar versucht die Hedgefonds-Branche, das herunterzuspielen; es können aber leicht Renditeunterschiede von bis zu 2,5% Prozentpunkten in einem Zeitraum von 2-10 Jahren entstehen.

Instant History Bias: dies ist wohl der älteste und auch am leichtesten zu durchschauende Trick. Leider fallen viele Anleger immer noch darauf herein. Viele Hedgefondsanbieter legen einige kleine Fonds auf und melden ihre Zahlen erst, wenn ein Fonds ein oder mehrere gute Jahre hinter sich gebracht hat. Die anderen Fonds verschwinden klammheimlich in der Versenkung.

Selection Bias: Fast ein Drittel aller Hedgefonds liefert derartig miserable Zahlen, dass sie für eine Auswertung gar nicht herangezogen werden können. Es steht zu befürchten, dass sich in dieser Gruppe besonders viele schwarze Schafe befinden.

Dennoch: mit dem Aushängeschild „Hedgefonds“ wird zweifelsohne ein gutes Geschäft gemacht. Es ist so attraktiv, dass der Bundesverband Alternative Investments (BAI) und die EBS Finanzakademie ein „Intensivstudium“ zum Hedgefondsberater anbieten. Die Teilnehmer lernen die rechtliche und steuerliche Behandlung von Hedge-Fonds kennen und werden in Beratungs- und Vertriebsansätzen geschult. Die Anlagestrategien der Fonds kommen allerdings recht kurz: kein Wunder, denn welcher Hedgefondsmanager lässt sich schon in die Karten sehen?

Sinn und Zweck das „Studiums“ werden schnell klar, wenn man sich die Initiatoren ansieht. Der Bundesverband Alternative Investments (BAI) will als Lobby-Verband den Bekanntheitsgrad von alternativen Anlagestrategien, wie sie von Hedge-Fonds genutzt werden, sowie deren Verständnis in der Öffentlichkeit steigern. Die Dozenten sind Experten aus dem Kreis der BAI-Mitglieder. Hier schulen also die Initiatoren ihre zukünftigen Vertriebsmitarbeiter. Kein Wunder also, dass nur einer von 20 Teilnehmern des letzten Kurses durchgefallen ist.

Nanotechnologie

Ein Leser fragte mich nach dem Potential der Nanotechnologie. Wirklich neu ist die Nanotechnologie-Begeisterung nicht mehr, sie kocht aber gerade wieder einmal hoch. Im Sommer 2002 war ich vom damaligen Vorstandsvorsitzenden der mg technologies Kajo Neukirchen eingeladen, auf dem Nanotechnologie-Forum von mg die Börsentauglichkeit der Nanotechnologie zu analysieren. Mein Fazit: Nanotechnologie ist real und ein Innovationsmotor, aber kaum börsenfähig.

Zunächst einmal ist der Begriff selbst unsinnig. „Nanos“ heißt übersetzt „Zwerg“. Ein Nanometer ist ein Millionstel Millimeter. Genauso gut könnte man eine „Zentimetertechnologie“ definieren, die alle Objekte umfasst, welche unter einem Zentimeter liegen. Verschiedene Nanotechnologie-Anwendungen gibt es schon im Bereich der Lacke, der Materialen und bei Computerchips. Man kann sich weitere Anwendungen vorstellen: zum Beispiel winzige Roboter, die im menschlichen Körper Reparaturen vornehmen. Der Phantasie sind also keine Grenzen gesetzt.

Mittlerweile setzt die Finanzbranche verstärkt auf die neue Mode. Die Kurse kleiner Nanotechnologie-Unternehmen sind stark gestiegen. Die WestLB hat ein Nanotechnologie Active Plus Zertifikat (ISIN DE 000 699 688 7) herausgegeben. US Global Aerospace hat sich in US Global Nanospace umbenannt. Und Merill Lynch hat einen Nanotech-Index aufgelegt. Keine Frage, verschiedene Nano-Anwendungen werden Potential haben. Dummerweise wissen weder Sie noch ich und schon gar nicht die Banken, welche das sein werden. Die meisten Nanotech-Firmen sind winzig. Kaum eine dieser Firmen hat marktfähige Produkte, schon gar nicht für den Massenmarkt. Keine der Firmen macht große Umsätze oder ist profitabel. Daher werden zunächst einmal die etablierten Firmen, wie zum Beispiel IBM, Xerox oder mg technologies von Nanotech profitieren.

Anscheinend haben viele Privatanleger keinen Jota aus dem Internet-Boom gelernt. Vielleicht wollen sie es diesmal sogar besser machen. Glauben Sie mir, Sie können es nicht „besser“ machen. Auch bei der Modewelle Nanotech werden viele auf die Nase fallen.

Und zuletzt: die Deutsche Postbank. Das Interesse an der Emission ist gering. Im Vorfeld haben verschiedene Analysten empfohlen, die Emission nicht oder nur mit Limit zu zeichnen. Am Mittwoch verlautete ein Sprecher der Post, dass eine Absage des Börsengangs bei weiter mangelndem Interesse möglich sei. Nun will die Post doch am Börsengang festhalten. Ich wiederhole, was ich schon öfters geschrieben habe: bei Börsengängen verlieren Privatanleger normalerweise Geld. Der Emittent kann sich mit Hilfe vieler Experten aussuchen, wann und wie er seine Aktie zu dem für ihn besten Preis losschlägt. Sie können nur „ja“ oder „nein“ sagen. Mein Standpunkt: wenn Sie sich nicht absolut sicher sind, sollten Sie 1-2 Jahre warten, ob sich das Unternehmen bewährt. Dann verpassen Sie zwar vielleicht die ersten Kurssteigerungen, schließen aber auch viel Risiko aus. Meistens gibt es später noch günstige Kaufgelegenheiten. So sieht es übrigens auch Warren Buffett.

Als Frage bleibt mir nur, warum sich nun die skeptischen Analystenstimmen zum Börsengang der Postbank so vermehren. Wollen sich da einige von ihren Sünden aus der Zeit der New Economy reinwaschen? Ich kommentiere den Börsengang der Postbank nicht weiter. Sollten die Aktien jedoch in den nächsten Wochen oder Monaten unter 25 € fallen, dann können Sie zuschlagen.

Erfolgreiche Investments wünscht Ihnen

Ihr
Prof. Dr. Max Otte
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Den Titel als Dipl.-Volksw. erhielt Max Otte 1989 durch den erfolgreichen Abschluss des Studiums an der Universität Köln. 1991 erlangte er den Titel Master of Arts in Public Affairs an der...


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