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Börsenprognosen - Vince Ebert: Freiheit durch Unberechenbarkeit

Montag, 05.09.11 15:13

Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,

Gut oder Bö(r)se – nur ein Wortspiel? Nicht nur. Es ist die Überschrift zum 11. Kapitel eines druckfrischen Buchs, das ich Ihnen heute unbedingt empfehlen möchte. Vince Ebert, Physiker und Wissenschaftskabarettist, verbindet in „Machen Sie sich frei! Sonst tut es keiner für Sie“ Wissen mit Humor – ähnlich wie sein Freund Dr. Eckhart von Hirschhausen. Eberts Management hat mir freundlicherweise das Manuskript des Kapitels „Gut oder Bö(r)se“ zur Verfügung gestellt. Mir gefällt es so gut, dass ich es an Sie, liebe Anlegerinnen und Anleger, ungekürzt weiter geben möchte – zum nachdenklichen Schmunzeln.

„Wissen Sie, warum ich ein so großer Fan der Physik bin? Weil man in der Naturwissenschaft wenig Verschleiern kann. Wenn ein Wasserstoffatom ein anderes Teilchen anzieht, kann man sicher sein, dass es das auch so meint. Bei Menschen ist das vollkommen anders. Nehmen Sie nur mal die Sendung Germany’s Next Topmodel: Heidi Klum wählt ja nicht das Mädchen aus, das ihr am besten gefällt, sondern sie wählt das aus, von dem sie glaubt, dass es den Zuschauern am besten gefällt.

Genau durch diese Denkweise haben so viele Menschen ihr Geld bei der Finanzkrise verloren. Sie haben Produkte gekauft, von denen sie glaubten, andere Leute denken, dass diese Produkte später mehr wert sein werden, als sie selbst geglaubt haben, dass sie jetzt wert sind. Ökonomen sprechen in dem Fall von der Theorie vom «Noch-Größeren-Idioten». Selbst abgrundtiefe Dummheit schadet nicht, solange sich irgendein Holzkopf findet, der noch einen Tacken unterbelichteter ist. Oder wie es der berühmte Börsenspekulant André Kostolany ausdrückte: „Die Börse hängt nur davon ab, ob es mehr Aktien als Idioten oder mehr Idioten als Aktien gibt.“

Im Sommer 2008 hatte ich einen Termin bei meinem Bankberater. Mein erstes Buch Denken Sie selbst, sonst tun es andere für Sie war gerade geschrieben und sollte im Herbst erscheinen. „Meine Lektorin sagte mir, dreihunderttausend Stück verkaufe ich davon locker“, erklärte ich dem untersetzten Filialleiter Herrn Zimmermann. Mit dem Vorschuss, den mir der Verlag überwies, wollte ich nun in die große Welt des Geldes einsteigen. Herr Zimmermann zupfte an seiner flippigen Micky-Maus-Krawatte und nickte geschäftig: „Da hab’ ich doch was für Sie: Einen High Grade Structured Credit Enhanced Leverage Fund! Todsicher mit dreißig, ach, was sage ich, vierzig Prozent Rendite! Das haben unsere computergestützten Prognosemodelle eindeutig berechnet.“ High Grade Structured Credit Enhanced Leverage Fund –Produkte, die so klingen, müssen einfach super sein. Im festen Glauben an die Prognose malte ich mir eine rosige Zukunft aus: in zwei Jahren finanziell abgesichert! Nie mehr ein Buch schreiben müssen!

Tja, dumm gelaufen. Die Tatsache, dass Sie dieses Buch in den Händen halten, zeigt: Der finanzielle Selbstläufer lief nicht ganz so gut. Zwei Monate nach meinem großen Deal ging Lehmann Brothers pleite und die Finanzwelt lag am Boden. Und genau dort befand sich auch mein todsicherer High Grade Structured Credit Enhanced Leverage Fund. „Das ist eben die Magie der Märkte“, sagte Frau Schneider, die Nachfolgerin von Herrn Zimmermann, mit einem Achselzucken. „Geldgeschäfte in großem Stil sind nun mal zu einem gewissen Teil von der Psychologie getrieben.“ Na toll. Dabei habe ich mich doch nicht auf die dubiosen Gefühle von Herrn Zimmermann, sondern auf seine präzisen Modelle verlassen, von denen er behauptete, sie könnten die Entwicklungen am Finanzmarkt eindeutig vorausberechnen.

Heute ist mir klar : Herr Zimmermann hat Unsinn geredet. Das ist inzwischen sogar wissenschaftlich bestätigt: In einem Börsenspiel ließ man die Papageiendame Ddalgi gegen professionelle Aktienbroker antreten. Während die Börsenprofis strategisch vorgingen und ihre Portfolios mit Hilfe ihrer Analysemodelle zusammenstellten, hat das fünfjährige Vogelweibchen Aktien gekauft, indem es zufällig auf eine Auswahl von Wertpapieren gepickt hat. Zocken frei Schnabel sozusagen. Nach sechs Wochen hat Ddalgi acht von zehn Börsenprofis geschlagen! Ein erstaunliches Ergebnis, das durch die Hirnforschung erklärbar ist: Menschen haben das komplexeste Gehirn. Danach kommen Delfine, Schimpansen, Papageien – und erst dann Ivestmentbanker. Nicht, weil sie doof sind, sondern weil sie ihre analytischen Fähigkeiten überschätzen. Denn die Welt läuft offensichtlich viel zufälliger ab, als wir uns das vorstellen.

Das eigentliche Geheimnis geheimer Erfolgsrezepte an der Börse ist daher, dass es keine gibt. Aber bedeutet nicht genau das Freiheit? Denn wenn alles im Voraus berechenbar wäre, würde das ja heißen, dass die Zukunft feststünde. Wenn aber die Zukunft feststeht, wo ist dann die Freiheit? Trotzdem verhalten wir uns so, als könnten wir den Lauf der Geschichte berechnen, regulieren und steuern. Wir prognostizieren Ölpreise, Sozialversicherungen und globale Temperaturen über einen Zeitraum von fünfzig Jahren, ohne zu erkennen, dass wir noch nicht einmal voraussagen können, ob es übermorgen um 14:30 Uhr in Osnabrück regnet. Andererseits, wen interessiert schon das Wetter in Osnabrück?

Der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Samuelson schrieb kurz vor dem Zusammenbruch des Ostblocks, die Sowjet-Ökonomie sei ein Beweis dafür, dass eine sozialistische Kommandowirtschaftf funktionieren und sogar blühen kann. IBM war davon überzeugt, dass mit dem Mikrochip nichts Sinnvolles anzufangen ist. Beckenbauer tönte 1990: Deutschland wird über Jahre hinaus unschlagbar sein. Und obwohl fast fünfzig Prozent aller Ehen geschieden werden, sagen hundert Prozent aller frisch Vermählten: Wir bleiben zusammen. Ganz sicher! Die Zeugen Jehovas haben für 1975 sogar den Weltuntergang prognostiziert. Weil ihnen aber damals die Anerkennung als öffentliche Körperschaft fehlte, konnte er bedauerlicherweise doch nicht stattfinden, soll aber bald nachgeholt werden. Versprochen!

All das lässt vermuten: Die meisten Voraussagen sind nichts weiter als ein ritueller Regentanz. Das Hauptziel ist allerdings nicht, Regen zu machen, sondern, ein besserer Tänzer zu werden. Warum aber sehnen wir uns trotzdem so sehr nach allen Arten von Zukunftsprognosen? Die meisten von uns würden nie zu einem Wahrsager gehen, aber werfen Herrn Zimmermann das gesamte Ersparte in den Rachen, nur weil er auf einen Computermonitor glotzt und bedeutungsschwanger sagt: „Es wird laufen!“ Vielleicht haben Prognosen für uns den gleichen Stellenwert wie bei den alten Griechen das Orakel von Delphi. Auch damals ging es nicht unbedingt darum, ob alles genau so eintrifft wie vorausgesagt. Viel wichtiger war das Ritual. Man besuchte das Orakel und fragte: «Und? Wie sieht’s aus?», das Orakel dachte lange nach und gab den Menschen dann eine kryptische Lebensweisheit mit auf den Weg: „In der niedrigen Hütte geht der kluge Mann gebückt.“ Und das hat den alten Griechen gereicht.

Ich als Physiker hätte es eigentlich wissen müssen: Ein Phänomen wie das Finanzsystem ist auf lange Sicht nicht voraussagbar. Das liegt nicht etwa daran, dass die Wissenschaftler nicht schlau genug sind, die Modelle zu ungenau oder die Computer zu langsam, sondern an der Chaostheorie. Komplexe Systeme verhalten sich nämlich nicht-linear, wie man bereits seit den sechziger Jahren weiß. D. h., selbst winzigste Änderungen in den Ausgangsbedingungen können enorme Konsequenzen im Gesamtergebnis haben. Vermutlich kann ein einziger Flügelschlag einescSchmetterlings im Amazonasdelta zu katastrophalen Stürmen in den Benelux-Staaten führen. Deswegen sind derzeit auch drei unabhängige Forschergruppen aus Holland, Luxemburg und Belgiencim Amazonasdelta unterwegs, um dieses Insekt zu finden und dingfest zu machen. Chaotische Effekte begegnen uns praktisch überall: in der Evolution, beim Herzrhythmus, auf ’m Ballermann. Sogar bei so etwas simplem wie einer Duscharmatur: Einen Millimeter nach links gedreht, und die Wassertemperatur sinkt schlagartig von dreißig auf fünf Grad. Dreht man den Regler dann wieder exakt zum Ausgangspunkt zurück, kann man unter dem Wasserstrahl problemlos Eier kochen.

Wirklich voraussagbar sind nur die allereinfachsten Anordnungen. Das System Erde-Mond zum Beispiel ist ein klassisches Zweikörper-Problem, das man eindeutig berechnen kann. Würde es jedoch noch einen zweiten Mond geben, der um den eigentlichen Mond rotiert, dann wäre dies ein sogenanntes Dreikörperproblem. Weil ein System aus drei miteinander gekoppelten Körpern nach kürzester Zeit chaotisches Verhalten zeigt, lässt sich das exakte Verhalten der Körper unmöglich voraussagen und damit von keinem Computer der Welt berechnen. Möglicherweise lächeln jetzt einige und denken: „Hey, diesen Effekt kenne ich doch aus privaten Bereich! Solange man vom dem dritten Körper nichts weiß, ist alles in Ordnung. Aber sobald einer Wind davon bekommt, bricht das totales Chaos aus.“ Wir wissen ziemlich wenig über unsere Gegenwart: Wir wissen nichts über dunkle Materie, das Geheimnis des Lebens, was der fünfzehnjährige Sohn macht, wenn man nicht zuhause ist, oder warum André Rieu so viele Platten verkauft. Niemand hat nur den blassesten Schimmer davon, was Gravitation ist. Oder Bewusstsein. Oder wieso Frauen den Lidschatten nicht mit geschlossenem Mund auftragen können.

Noch weniger können wir etwas über die Zukunft sagen. Das bedeutet keineswegs, dass niemand, der sich mit der Zukunft befasst, wertvolle Informationen liefert. Im Gegenteil. Es gibt eine Menge Wirtschaftsforscher, die immerhin neun der letzten fünf Rezessionen präzise vorausgesagt haben. Auch viele Journalisten prognostizieren immer wieder die Kinoöffnungszeiten mit verblüffender Genauigkeit. Der Vater eines amerikanischen Freundes wusste sogar auf Jahr, Tag und Stunde genau, wann er sterben würde. Der Richter hat es ihm gesagt.

Wir alle wünschen uns Sicherheit und Berechenbarkeit. Ein Wunsch, der uns leider nicht erfüllt wird. Aber ist das wirklich so schlimm? Wie öde und unfrei wäre unser Leben, wenn wir genau wüssten, wie unsere Zukunft aussähe. Das Geschenk der Unberechenbarkeit ist die Freiheit. Das kann zugegebenermaßen manchmal ganz schön hart sein. Wenn man zum Beispiel doch ein zweites Buch schreiben muss. Aber vielleicht ist das ja der Fluch der Freiheit…“
Ihr

Hermann Kutzer


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Er will seine Erfahrung einbringen, und davon hat er jede Menge: Hermann Kutzer gilt als der dienstälteste journalistische „Börsenhase“ in Deutschland. Schon seit 1969 beobachtet der bekennende...
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