Sehr geehrte Privatanleger,
Coca-Cola und Gillette wurden von vielen Investoren jahrelang als die
sichersten Aktien der Welt angesehen. Auch Warren Buffett hat sie. Bei
Coca-Cola sitzt er noch im Aufsichtsrat, bei Gillette war er lange dort
vertreten. In den rund fünf Jahren zwischen 1999 und 2003 ging es allerdings
für beide Unternehmen kontinuierlich bergab. Die Kurse halbierten sich. Seit
Mitte 2003 steigen sie wieder. Folgen die Unternehmen damit nur dem
allgemeinen Börsentrend, oder ist auch intern eine Trendwende erfolgt?
Die Quartalszahlen für das erste Quartal 2004 scheinen ermutigend: Coca Cola
hat seinen Gewinne im Vergleich zum ersten Quartal 2003 um 35% gesteigert,
Gillette sogar um 43%. Damit hat Coca-Cola ein KGV von 28 und Gillette von
29, wenn man annimmt, dass die Unternehmen in den nächsten Quartalen des
laufenden Geschäftsjahres genauso viel verdienen, wie im ersten.
Im inneren beider Unternehmen könnte es unterschiedlicher nicht aussehen:
bei Gillette führt Jim Kilts, ein erfahrener Turnaround-Spezialist, ein
faires, aber eisernes Regiment. Jeder seiner Top-Führungskräfte muss einmal
im Quartal seine Ziele aufschreiben und wöchentlich einen Kurzreport an
Kilts schicken. Jedes Quartal verteilt Kilts Schulnoten. Wer dauerhaft
weniger als 80% erreicht, fliegt.
Coca Cola hat seit dem Tod von Star-CEO Roberto Goizueta im Jahr 1996 eine
nicht abbrechende Serie von Intrigen und Führungswechseln erlebt. Wie bei
vielen erfolgreichen Unternehmen war auch bei Coca Cola der strategisch
denkende Goizueta nicht im Alleingang für den Erfolg verantwortlich, sondern
zusammen mit COO Donald Keough, der seine Stärken im operativen Geschäft und
in der Außenwirkung hatte. Noch heute zieht Keough mit 77 Jahren viele
Strippen bei Coca Cola. Seitdem die Altersgrenze von 74 Jahren aufgehoben
wurde (Buffett ist zufällig 74) ist Keough auch wieder dem Aufsichtsrat
beigetreten. Insidern zufolge hat Keogh es immer noch nicht verwunden, dass
er nie CEO wurde.
In den letzten Jahren gab es eine Vielzahl von PR-Pannen und missglückten
deals. Coca Cola konnte seine schwache Position im lukrativen und schnell
wachsenden Marktsegment der Sportdrinks und Wasser bisher nicht ausbauen. Im
Jahr 2000 unterband Buffett den Kauf von Quaker Oats durch Coca Cola,
nachdem die CEOs beider Unternehmen die Transaktion schon als sicher
präsentiert hatten. Quaker Oats stellt unter anderem den führenden
Sportdrink Gatorade her.
Die Einführung des Wassers Dasani in Europa (das wie das Cola-Produkt
Bonaqua aus der Leitung und nicht aus irgendwelchen Quellen kommt) geriet
vor wenigen Monaten zu einem PR-Flop. Im März stoppte Daft zudem die
Untersuchungen fragwürdiger Praktiken bei Coca Cola Kolumbien. Dieser
Schritt brachte dem Unternehmen weitere scharfe Kritik ein.
Nach Ivester und Daft soll nun der frühere Coca Cola Manager E. Neville
Isdell – der vierte CEO in acht Jahren - den Laden richten. Seit Ivesters
Ernennung zum CEO bekämpfen sich in Atlanta die Anhänger von Ivester und Don
Keough. Es muss sich zeigen, ob Ivester – ein Keough-Mann – die Gräben
kitten kann.
Jim Kilts wurde auch angesprochen, winkte aber ab. Offiziell wollte er mit
seiner Frau nicht aus Boston wegziehen. Ich kann mir auch vorstellen, dass
er als verantwortungsbewußter Manager das Rotationskarussell nicht
mitspielen, sondern seine Aufgabe bei Gillette erfolgreich beenden wollte.
Auch Jack Welch hatte kein Interesse am Top-Job bei Coca Cola.
Fazit: Coca Cola und Gillette sind mit KGVs von 28 und 29 nicht billig. Zum
gegenwärtigen Kurs sind beide Aktien Haltepositionen. (Langfristig sollten
Sie damit ungefähr die Kapitalkosten – ich gehe von 5,5% aus - verdienen.)
In den letzten 10 Jahren haben die Aktionäre von Gillette immerhin ein Plus
von 150% plus Dividenden gesehen (was 9,5% Wertsteigerung p.a. entspricht),
die von Coca Cola nur 25% (2,3% p.a.). In den vergangenen 3 Jahren steigerte
Coca Cola seine Gewinne nur um 10%, Gillette aber um mehr als 40%. Wenn die
Erfolgsgeschichte weitergehen soll, hat Coca Cola einen weiteren Weg
zurückzulegen als Gillette.
Etwas weniger im Rampenlicht fand ein anderer Turnaround statt. Im Jahr 2000
schockte Procter & Gamble mit einem plötzlichen Einbruch des Aktienkurses
von über 40%. Mittlerweile nähert sich der Kurs – anders als bei Cola und
Gillette – schon wieder seinem Allzeithoch. P&G ist dabei, das teuerste
Konsumgüter-Unternehmen der Welt zu werden. In den letzten 10 Jahren konnten
sich die Aktionäre des Unternehmens über mehr als 300% Wertsteigerung
freuen.
Mit einem KGV von 24 ist leider auch P&G nicht gerade billig – und die
Markenartikler haben im Kampf mit den immer mächtigeren Handelsgiganten
einen zunehmend schweren Stand. Coca Cola, Gillette und P&G sind wieder
solide Investments, aber erwarten sie keine großen Sprünge.
Erfolgreiche Investments wünscht Ihnen
Ihr
Prof. Dr. Max Otte
www.privatinvestor.de