In der Angstfalle – getrieben von dem volkswirtschaftlichen Anspruch, mehr zu konsumieren, um der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen und dem Wunsch, lieber zu sparen und den Start in die Wertpapierbörse zu wagen.
Wie schnell die Wirtschaft nach dem gewaltigen Einbruch wie auf die Beine kommt, hängt auch davon ab, wann der darnieder liegende Konsum wieder anspringt. Aber viele Verbraucher sind nicht nur in Deutschland verängstigt. Kurzarbeit und Sorgen um Entlassung und existenzielle Sicherheit halten vor allem vom Kauf teurer, langlebiger Güter ab. Aus Sicht des Einzelnen ist die-ses Verhalten verständlich und zu begrüßen. Wird doch durch eine gewisse Enthaltsamkeit beim Konsumieren möglicherweise der Boden bereitet, jetzt zu immer noch großteils niedrigeren Kursen günstig ETFs, aktive Aktienfonds und Einzelaktien zu erwerben. Für die Volkswirtschaft ist aber der Trend, wenig zu kaufen und viel zu sparen – und sei es das Horten von Bargeld unter der Matratze und an sonstigen Ecken – gefährlich. Falls die Politik zwar mit Kurzarbeitergeld und sonstigen Direkthilfen das verringerte Einkommen vieler Arbeitnehmer stützt, aber auf direkte Anreize verzichtet, das Geld auch wieder auszugeben, wird es kaum zum erwünschten konjunkturellen V kommen, nämlich: starker Absturz – schnelle Erholung.
+22%
Der Anteil der Verbraucher, die momentan lieber sparen wollen, als ihr Geld auszugeben, hat sich auf 22 % erhöht. Noch im Februar 2020 kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie waren die meisten Deutschen weitaus spendierfreudiger.
-22%
Der Anteil der befragten Deutschen, die aufgrund niedrigerer Preise die Zeit jetzt für günstig halten, größere Anschaffungen zu tätigen, verringerte sich um mehr als ein Fünftel. Insgesamt liegt die Ersparnis derzeit bei +36 %. Lediglich der Online-Handel bleibt zumindest weitgehend stabil oder verzeichnet sogar einen Aufwärtstrend.
Ansonsten aber darben neben der Gastronomie und der Reisebranche der Handel am meisten: Ein Minus um 36 % bei Dienstleistungen, ein Minus um 44 % in der Industrie, ein Verlust um 60 % im Einzelhandelsbereich. Auch die Wohlhabenden und Reichen zögern derzeit, größere Anschaffungen zu machen.
Das einkommensstärkste Viertel der deutschen Bevölkerung stellt größere Anschaffungen um 19 % zurück. Beim einkommensschwächsten Viertel der deutschen Bevölkerung sind es sogar 35 %. Die Umwelt profitiert von der zeitweiligen Enthaltsamkeit: bessere Atemluft für Mensch und Tier, geringere Schadstoffbelastung. Da atmen die Großstädte auf, die jetzt keine Hauptstraßen mehr für den fließenden Kraftfahrzeugverkehr sperren müssen. Da wächst vielleicht bei Unternehmen, aber auch bei Verbrauchern die Einsicht, dass ein stetiges Wirtschaftswachstum nicht der alleinige Maßstab sein darf.
Zur Einstimmung ein Zitat aus der interessanten Neuerscheinung von Niclas Lahmer mit dem Titel „Rebellion im Hamsterrad“, FinanzBuch Verlag München: „Mein Haus, mein Boot, mein Auto, mein Pferd.“ Raten Sie einmal, warum es Konsumkredite bei Ihrem Elektrofachmarkt und in mittlerweile jedem andern Geschäft gibt. Wer sich die Null-Prozent-Finanzierung leisten kann, stottert lieber in Raten ab. Willkommen n der Sklaverei des Konsums, in welcher wir Dinge kaufen, die wir nicht brauchen, um Menschen zu gefallen, die wir nicht mögen und denen wir auch absolut egal sind. Willkommen in einer Sklaverei, in der wir Lebenszeit und Lebensqualität für Geld eintauschen, um Kosten zu decken und weiterleben zu können. Jene, die diesem Hamsterrad entrinnen können und zu mehr Geld kommen, glauben jetzt, frei leben zu dürfen. Mehr Geld führt ja scheinbar zu mehr Möglichkeiten, zu konsumieren. Alles wird jetzt etwas anspruchsvoller. Lous Vuitton statt Deichmann, Gucci statt H&M und Maserati statt Skoda. Die Knechtschaft ist die gleiche. Sie trägt jetzt nur einen Mantel aus Kaschmir. Für das ganze Geld muss nun die eigene Lebenszeit herhalten.
Es ist die Falle des Hamsterrads, in dem der Hamster rennt und rennt, sich aber nie wirklich fortbewegt. Auch ein eigenes Unternehmen zu besitzen, heiß nicht, dass das Hamsterrad einen nicht treffen kann. – Wahre Freiheit lebt ohne diese Knechtschaft. Sie bedarf ihrer nicht, obgleich man sich ihrer bedienen kann.“
Experten-Einschätzungen zur nachhaltigen Geldanla-ge in den Corona-Crash-Zeiten
Aktienunternehmen mit dem höchsten Nachhaltigkeits-Rating schnitten laut der Fondsgesellschaft Fidelity im Corona-Crash um 3,8 % besser als der Gesamtmarkt ab. Firmen mit negativer ESG-Rating-Einstufung waren um 7,9 % schlechter als der Schnitt, erklärt Alexander Leisten, Deutschland-Chef von Fidelity im Handelsblatt. Dirk Schmitz, Deutschland-Chef des Weltmarktführers Blackrock bei Fonds und Vermögensverwaltung, ist ebenfalls davon überzeugt, dass sich eine nachhaltige Kapitalanlage lohnt.
Er berichtet am 18. Mai 2020 dem Handelsblatt: „Die Corona-Krise hat gezeigt, dass sich Nachhaltigkeit in Extrem-Situationen nicht nur lohnt, sondern der herkömmlichen Anlage aus Risiko-Rendite-Gesichtspunkten überlegen ist.“
In weiten Teilen der Bevölkerung herrscht nach wie vor große Verunsicherung im Hinblick auf die Zukunft. Ich frage mich: Ist das Corona-Virus tatsächlich gefährlicher als die negativen Folgen durch staatliche Eingriffe auf Wirtschaft und Gesellschaft, auf physische Gesundheit, Wohlbefinden und Zuversicht? Wird es nicht Zeit, die Rückführung in ein normalisiertes Leben mit Regelbetrieb in Kindertagesstätten, Schulen und Universitäten rasch, unbürokratisch und beherzt, statt teilweise übertrieben ängstlich und zögerlich voranzutreiben?
Die Vertrauenskrise in Europa ist massiv. Der Verbraucher-Vertrauensindex für die Euro-Zone sank im April 2020 mit einem -22,7 % auf den tiefsten Stand. Vor einem Jahr waren es gerade mal -6 %. Auch hierzulande rechnet die Mehrheit mit einer längeren Flaute. Bei der Umfrage: „Wie lange werden Ihre persönlichen Haushaltsfinanzen durch Covid-19 beeinflusst werden?“ lautete mehrheitlich die Antwort: „Mehr als vier Monate.“ In Japan befürchten dies sogar knapp 70 % der Befragten. Die Corona-Pandemie verunsichert die europäischen Konsumenten zutiefst, wobei die Angst vor Einkommensverlusten groß ist. Momentan steigt die Nachfrage nur bei Lebensmittel, Streaming, Videospielen und Video-Zusammenkünften.
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