Smart Investor Weekly: Jahreswechsel = Trendwechsel?!

Donnerstag, 09.01.14 10:43
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Phänomene rund um den jährlichen Neuanfang

Besonderer Zauber
Über den ersten Tagen eines Jahres liegt stets ein besonderer Zauber – die jährliche Nullstellung als Zäsur: Zu gerne würde man die Probleme des abgelaufenen Jahres hinter sich lassen und auf dem unbeschriebenen Blatt des neuen Jahres frisch beginnen. Die guten Vorsätze der Silvesternacht sind Legion – und einige davon erblicken nicht einmal den Neujahresmorgen. Während so ein guter Vorsatz nach dem anderen bröckelt, machen sich auch die schlechten Angewohnheiten im neuen Jahr nach und nach wieder breit. Neue Gewohnheiten zu etablieren ist ebenso schwer, wie von alten zu lassen. Schlimmer noch, auch die Probleme des alten Jahres sind nicht etwa verschwunden, sondern melden sich nach den stillen Tagen regelmäßig mehr oder weniger lautstark zurück. Nüchtern betrachtet ist der Zauber des Jahreswechsels also ein ziemlich fauler.

Märkte sind anders
Dennoch ist gerade an den Märkten der Jahreswechsel häufig kein „Nicht-Ereignis“. Mitunter kippen Trends in diesen Tagen, oder neue werden geboren. Ursächlich dafür sind verschiedene Effekte, die zu einer temporären Veränderung des Angebots- bzw. Nachfrageverhaltens für bestimmte Anlagearten führen. Dabei dürfte der Einfluss steuerlicher Erwägungen in den letzten Jahren tendenziell zurückgegangen sein. Mit der Einführung der Abgeltungssteuer wurden die sogenannten Spekulationsfristen im Wesentlichen abgeschafft. Allenfalls geht es in den Privatvermögen jetzt noch um die Steuerung der Gewinnentstehung in diesem oder jenem Veranlagungszeitraum. Der Einfluss der Privatanleger auf das Marktgeschehen schwand zudem über die Jahre ohnehin kontinuierlich. Zum einen mauserten sich in den zurückliegenden Krisenjahren Politik und Notenbanken zu den sichtbar dominantesten Akteuren, zum anderen überließen viele Private das Geldanlegen lieber den Institutionellen. Mit dem Aufkommen des Themas „Social Investing“, wie es etwa durch wikifolios repräsentiert wird, sind allerdings insbesondere unter jungen Anlegern wieder deutliche Impulse Richtung Do-it-Yourself festzustellen.

Das Zutrauen zu den etablierten Institutionen ist dort ohnehin nur gering ausgeprägt. Für die Fondsgesellschaften spielt der Jahreswechsel dagegen durchaus eine Rolle. Stichwort: „Window Dressing“. Zum Jahresabschluss sollen die Fondsprodukte nämlich möglichst gut aussehen und werden daher gerne herausgeputzt. In den Rechenschaftsberichten soll nach Möglichkeit das enthalten sein, was das Jahr über gute Performance gebracht hatte, während jene Titel weichen müssen, die das Jahr über enttäuschten. In der ersten Kategorie führt das in der Tendenz zu mehr Nachfrage und weniger Angebot – und damit zu eher steigenden Kursen. Während in der zweiten Kategorie das Angebot auf wenig Aufnahmebereitschaft trifft, was den Kursverfall bis zum Stichtag weiter vorantreibt. Da diese Motive aber rein auf den Stichtag bezogen sind, müssen sie nicht mit der Markteinschätzung übereinstimmen. Sobald das magische Datum vorbei ist, gewinnen normale Anlageerwägungen wieder die Oberhand. Ausgeprägte technische Erholungen bzw. Korrekturen sind nach dem Jahreswechsel daher nicht allzu ungewöhnlich.

 




Schrecksekunde am Jahresanfang
Betrachten wir zwei Anlagevehikel, die im Jahr 2013 ausgeprägte Trends aufwiesen, dann lässt sich dieser Effekt gut beobachten. Die Aktien des DAX kannten seit Mitte des vergangenen Jahres praktisch nur noch eine Richtung – nach oben. Selbst diejenigen, denen der Markt zwischenzeitlich zu heiß geworden war, hatten aus den oben skizzierten Motiven einen starken Anreiz DAX-Positionen bis zum Stichtag durchzuhalten. Pünktlich zum Jahresbeginn – also am ersten Handelstag nach dem Stichtag – konnte dann guten Gewissens verkauft werden (vgl. Abb. 1, Markierung). Umgekehrt verhielt es sich mit den ungehedgten Gold- und Silberaktien des HUI-Index, die im vergangenen Jahr erheblich an Wert verloren. Hier gab es einen starken Anreiz, bestehende Positionen vor dem Stichtag aus den Depots zu werfen, während gleichzeitig kaum Neigung bestand, die „Schmuddelkinder“ des Kursjahrgangs 2013 noch vor Jahresschluss ins Portfolio aufzunehmen.

Wer das Thema für interessant und die Kurse für günstig hielt, wartete mit Käufen tendenziell bis ins neue Jahr, was sich am ersten Handelstag in entsprechender Nachfrage entlud (Abb. 2, Markierung). Diese Impulse bedeuten nun nicht, dass die betroffenen Märkte zwangsläufig gedreht hätten. Zunächst handelt es sich hierbei lediglich um Korrekturbewegungen auf die vorangegangenen, ausgeprägten Trends, die dem Wegfall der temporären Nachfrageverzerrung geschuldet sind. Interessant wird zu beobachten sein, wie die Januar-Kennzahlen für die einzelnen Märkte ausfallen. Je nach Abgrenzung sollen die ersten fünf Handelstage bzw. der gesamte Kursverlauf des Januars eine Trendindikation für den weiteren Jahresverlauf liefern. Diese „Januar-Effekte“ sind zwar sachlich kaum zu begründen, rein statistisch jedoch recht gut belegt.

Fazit
Das neue Jahr ermöglicht insbesondere an den Märkten einen klareren Blick auf die Entwicklungen, als dies in den letzten Tagen des Dezembers möglich ist. Mit dem Wegfall der Windows-Dressing-Aktivitäten durch die institutionellen Marktteilnehmer gewinnen die echten Angebots- und Nachfragefaktoren wieder verstärkt Einfluss auf die Kursentwicklung.
 

Ralf Flierl, Ralph Malisch
 

 

 



Quelle: boerse.de