Wofür stehen Aktien?

Montag, 23.05.11 09:36
Tafel mit Kursen
Bildquelle: fotolia.com

Um die Akzeptanz der Aktie in der Bevölkerung ist es derzeit nicht gut bestellt. Immer mehr Deutsche trennen sich vollständig von ihren Aktienbeständen. Seit den Höchstständen im Jahr 2001 ist die Zahl der Aktionäre um mehr als vier Mio. auf 8,4 Mio. gefallen. Ferner fällt auf, dass in Teilen der Politik zunehmend ein schiefes Bild von den Aktionären gezeichnet wird, wenn diese als „Spekulanten“, bezeichnet werden, die ausschließlich die kurzfristige Maximierung der Rendite antreibe.

 

Da die Aktie angesichts kräftiger Kurssteigerungen in den letzten Jahren zahlreiche Vorteile gegenüber anderen Anlageformen bietet, ist diese Entwicklung allein schon aus Anlegersicht problematisch. Das beginnt mit der wachsenden Verunsicherung unter den Sparern, ob der Geldwert künftig stabil bleiben wird, wissend, dass die Anlage in Sachwerte via Aktie in der Regel die bessere Alternative zum Sparbuch oder der Staatsanleihe darstellt. Ob es tatsächlich zu einer höheren Inflation kommt, ist zwar keinesfalls sicher, dennoch ist Wachsamkeit angesagt. Der erste Zinsschritt der Europäischen Zentralbank zeigt deren Entschlossenheit, Inflationstendenzen frühzeitig entgegenzutreten.

 

Gleichzeitig bietet die Aktie in der langen Frist im Vergleich zu festverzinslichen Finanzprodukten meist die höhere Rendite. Diejenige von dividendenstarken Papieren ist beispielsweise derzeit doppelt so hoch wie die Rendite deutscher Staatsanleihen. Allerdings gibt es hierfür keine Garantie. Um Schwächephasen an den Börsen „aussitzen“ zu können, ist daher ein Anlagehorizont von zehn Jahren und mehr dringend geboten.

 

Unter diesen Umständen ist die Aktie insbesondere Anlegern zu empfehlen, die schon in jungen Jahren für das Alter vorsorgen wollen. Tatsächlich zeigt die kontinuierlich steigende Zahl von aktuell 2,8 Mio. Riestersparern, die Monat für Monat einen Teil ihres Einkommens in einen Fonds einzahlen und damit zumindest teilweise in Aktien investieren, dass sich diese Erkenntnis verstärkt durchsetzt.

 

Die zunehmende Verbreitung von Riesterfonds unter den Deutschen ist erheblich auf die staatliche Förderung zurückzuführen. In der Anlageentscheidung spielen also steuerliche Aspekte durchaus eine Rolle. Umso wichtiger ist es, die steuerliche Diskriminierung der Aktie zu beenden. Während der Anleger auf Erträge aus festverzinslichen Wertpapieren lediglich Abgeltungsteuer zahlen muss, langt der Fiskus bei Aktienerträgen außerdem auf Unternehmensebene durch Körper- und Gewerbesteuer zu. Bei einem Ertrag von 100 Euro ist die Nachsteuerrendite festverzinslicher Wertpapiere um mehr als 20 Euro höher als die der Aktie. An dieser Diskriminierung ändern auch Freibeträge nichts, da selbst bei Steuerfreiheit auf Anlegerebene unverändert das Unternehmen besteuert wird.

 

Um die Aktienakzeptanz in Deutschland zu stärken, muss die Aktie mit anderen Anlagemöglichkeiten steuerlich gleichgestellt werden. Darüber hinaus sind aber ebenso Banken und Sparkassen in der Pflicht, im Kundengespräch Aktien und nicht nur primär die hauseigenen Finanzprodukte zu berücksichtigen. Angesichts anstehender Neuerungen im Anlegerschutz ist allerdings zu befürchten, dass sich die Finanzinstitute weiter aus der Aktienberatung zurückziehen werden.

 

Künftig muss jede Bank in einem Produktinformationsblatt für jedes Finanzprodukt und damit auch für jede Aktie auf die damit verbundenen Chancen und Risiken hinweisen. Ohne diesen „Beipackzettel“ dürfen die Kundenbetreuer keine Aktie zum Kauf empfehlen. Es ist davon auszugehen, dass die Banken aus Kostengründen nur für sehr wenige der über 1.000 börsennotierten Aktien deutscher Unternehmen Produktinformationsblätter bereitstellen werden. Damit wird ein Großteil der Aktien faktisch vom Beratungsgespräch ausgeschlossen. Um dies zu verhindern, muss das gerade verabschiedete Gesetz nochmals aufgeschnürt werden.

 

Aktienakzeptanz ist für Unternehmen wie Anleger zu wichtig, als diese Frage nur einzelnen Lobbyisten zu überlassen. Gerade auch die Medien sind aufgefordert, hier mehr denn je Aufklärungsarbeit zu leisten. Wachsen muss ferner das Bewusstsein der politischen Entscheidungsträger, dass die Aktie nicht per se ein „Spekulationsobjekt“ ist, sondern für die Altersvorsorge essentielle Bedeutung hat.

 

Prof. Dr. Rüdiger von Rosen ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Aktieninstituts e.V.

Quelle: Deutsches Aktieninstitut