Marktübersicht

Die Schreckensjahre der amerikanischen Börse (1906/1907)

Am 24. Oktober 1907 erreichte die Manie schließlich auch die New Yorker Börse. Die Panik zeigte sich zunächst vor allem bei den sogenannten Call Loans. Darunter wurden damals zeitlich begrenzte, jederzeit kündbare Kredite verstanden, die Banken den Maklerhäusern zur Verfügung stellten. Mit den Mitteln aus diesen Krediten wurden Margin-Konten finanziert, die Makler von ihren Kunden forderten. Die Call Loans wurden an der Börse am sogenannten Money Post täglich zwischen 12:00 und 14:15 Uhr abgewickelt, wenn sich die Banker an der Börse einfanden um Kredite an die Broker weiterzuleiten. Am 24. Oktober 1907 gab es aber nicht genügend Mittel, um die Nachschussforderungen der Makler zu befriedigen. Geld war - wenn überhaupt - nur noch gegen Zinsforderungen von 100 bis 150 Prozent zu bekommen. Trotzdem weigerten sich die meisten Banken selbst zu solchen horrenden Zinsen Kredite zu gewähren. Dementsprechend breitete sich bald Panik aus.

Sehr gut gibt ein Abschnitt aus dem Buch Jesse Livermore "Das Spiel der Spiele" aus dem TM Börsenverlag die Geschehnisse jenes Tages wieder: "...(ein befreundeter Broker sagte an jenem Tag zu ihm:) Hast Du jemals von dem im Unterricht durchgeführten Experiment gehört, bei dem eine Maus in der Glasglocke sitzt, aus der die Luft herausgepumpt wird. Man kann sehen, wie die arme Maus immer schneller atmet, ihre Lunge arbeitet wie ein überlasteter Blasebalg, über den sie versucht genügend Sauerstoff aus dem schwindenden Volumnen in der Glocke zu bekommen. Man sieht wie sie erstickt, ihre Augen treten aus dem Kopf hervor, sie schnappt nach Luft und ist schließlich hinüber. Daran musste ich denken, als ich die Menschenmenge am Money Post sah! Nirgendwo Geld; man kann seine Aktien nicht verkaufen, denn es gibt niemanden der sie kaufen könnte. Wall Street ist bankrott, wenn Du mich fragst!\" Seine Worte gaben mir zu denken. Ich hatte zwar einen plötzlichen Kursverfall kommen sehen - nicht jedoch die schlimmste Panik in der Geschichte der Vereinigten Staaten....\"

J.P.Morgan bringt die Wende
Erst das Eingreifen des Bankers J.P. Morgan konnte die Situation an der New York Stock Exchange entspannen. Durch einen schnell verfügbaren Kredit von 10 Millionen Dollar, der durch verschiedene Banken getragen wurde, sorgte Morgan dafür, dass sich die prekäre Situation an der New York Stock Exchange entspannte. Die Liquidität am Aktienmarkt konnte dadurch aufrecht erhalten werden und der Verkaufsdruck der Kunden ließ langsam nach. Auch die Bankenszene in New York kam durch ein Zusammenarbeiten verschiedener großer Banken (darunter u.a. Morgan, Baker, Stillman) und anderer Quellen (wie J.D. Rockefeller), die dringend benötige Finanzmittel zur Verfügung stellten, wieder unter Kontrolle. Dennoch ging das Jahr 1907 als eines der schlimmsten der amerikanischen Börsengeschichte in die Analen ein. Am Jahresende notierte der Dow Jones nur noch bei 58,75 Punkten - ein Minus von 37,73 Prozent im Jahresvergleich.

Eine in diesem Zusammenhang interessante Theorie des Schweizer Freiwirtschaftlers Fritz Schwarz beschuldigt übrigens die beiden Wirtschaftsgiganten Morgan und Rockefeller, die Panik des Jahres 1907 absichtlich inszeniert zu haben. Bereits im Juni 1906 sollen sich Morgan und Rockefeller demnach darauf verständigt haben, die Konkurrenz und die Regierung durch eine Deflationskrise in die Knie zu zwingen. Morgan hatte so die Möglichkeit die Konkurrenten \"billig\" zu übernehmen und Rockefeller hätte den Staat unter Druck gesetzt, der seine Standard Oil Company wegen des Verstoßes gegen das Antitrust-Gesetz* verklagen wollte. Ob diese Theorie wahr ist, kann nicht genau bewiesen werden, fest steht aber, dass beide Unternehmer sicher die nötige Finanzmacht besäßen. Zudem sollen Morgans Bedienstete wirklich nach dem Crash eine große Anzahl von Aktien aufgekauft haben - nachweisbar an einem Tag bis zu 100.000 Stück. Kurz nach der Panik im November 1907 wurde das Eigentum der Konkurrenzbank Heinze-Morse-Thomas konfisziert und der Eigentümer zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Auch wenn die Theorie wahr sein sollte, so zog Rockefeller selber keinen erkennbaren Nutzen aus dieser Zusammenarbeit, da sein Unternehmen im August 1907 zu einer Strafe von 29 Mio. US-Dollar wegen des Verstoßes gegen das Anti-Trust-Gesetz verurteilt wurde. 1911 wurde sein Imperium schließlich per Gerichtsbeschluß in 34 Gesellschaften zerschlagen.

*Das Antitrust-Gesetz geht auf das Jahr 1890 zurück, als Präsident Harrison den Sherman Antitrust Act unterzeichnete, der Kartellen (=Trusts) und Konzernen, die den freien Wettbewerb einschränkten, für ungesetzlich erklärte und Strafen von bis zu 5.000 Dollar oder ein Jahr Gefängnis oder beides vorsah. Am 18. November 1906 klagte die Regierung der Vereinigten Staaten in Missouri auf Zerschlagung von Standard Oil entsprechend dem Sherman Anitrust Act. Angeklagt waren neben dem den Unternehmen Standard Oil of New Jersey sowie 65 der von Standard Oil kontrollierten Unternehmen auch die gesamte Führungsebene u.a. mit John und William Rockefeller, Henry Flager oder Oliver Payne. Der sich über mehrere Jahre hinziehender Prozeß endete schließlich am 5. Mai 1911 in der Zerschlagung der Standard Oil Company.

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