Jay Cooke und der Kollaps der Northern Pacific Railroad (1873)

Noch bis September konnte sich der Boom halten, doch am 8. September 1873 musste die New York Warehouse & Security Company Konkurs anmelden. Am 13. September 1873 folgte die ebenfalls in Eisenbahnfinanzierung involvierte Kenyon, Cox&Co. Doch der große Kursrutsch blieb zunächst aus. Am 17. September gab es dann erste Kursabschläge, aber immer noch war der Großteil der Anleger ahnungslos. Am 18. September 1873 um 11 Uhr vormittags meldete Jay Cooks Partner in New York, H.C. Fahnenstock, das Einstellen jeglicher Zahlungen der New Yorker Filiale. Um 14:30 Uhr folgte dann die Meldung über die Insolvenz von Jay Cooke & Co. Die amerikanische Wirtschaft war wie vom Blitz getroffen - der prominenteste und angesehenste Banker in den Vereinigten Staaten war bankrott!

Panik an den Börsen
Die erste Reaktion auf den Kollaps der führenden Bank Amerikas war Ungläubigkeit. Ein Zeitungsjunge wurde in Pittsburgh verhaftet, weil er die Nachricht bei Verkauf der Zeitung ausgeschrien hatte. Doch schnell wechselte die Ungläubigkeit in Panik. Der Aktienmarkt fiel ins Bodenlose. Am folgenden Tag gab es Gerüchte, dass auch der Eisenbahnmagnat Cornelius Vanderbilt bald Konkurs anmelden müsse. Zwar stellte sich dies wenig später als falsch heraus, jedoch gab es genügend andere Unternehmen die von der Insolvenz bedroht waren. Um den anhaltenden Verkaufsdruck von der Börse zu nehmen entschloss sich die New Yorker Börse am 19. September zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Börsenhandel für zehn Tage vom 20. bis zum 29. September 1873 einzustellen.

Am 20. September gab das Nation Magazin folgende Beschreibung der Vorgänge an der NYSE: \"Jeder der am vergangenen Donnerstag, Freitag oder Samstag an der Wall Street oder auf der Gallerie der Börse war, sah den verrückten Terror, in dem große Menschenmengen hin und her rannten und versuchten ihre Wertpapiere abzustoßen. Teilweise baten diese Leute sogar wildfremde Menschen ihnen die Papiere für egal welchen Preis abzukaufen....\" Schon damals sprachen erste Zeitungen von einem Schwarzen Freitag an der New Yorker Börse.

Nach der Panik schlitterte die Wirtschaft in eine tiefe Rezession. Ein Großteil der sich im Bau befindlichen Eisenbahnstrecken wurde gestoppt - u.a. auch der weitere Bau der Northern Pacific Railroad. Die Wirtschaft war schwer getroffen und erholte sich auf Jahre nicht von diesem Schlag. Nach Schätzungen waren im Jahr 1877 nur 20 % der erwerbstätigen Bevölkerung in einer regulären Anstellung. Auch ausländische Investoren zogen sich komplett zurück. Vor der Panik im Jahr 1873 betrug die Summe der ausländischen Investitionen 242 Millionen US-Dollar, im Jahr 1875 sank diese Zahl an die Nullgrenze. Unzählige Unternehmen mussten in der Folge der Panik Konkurs anmelden. Allein 89 Eisenbahnlinien gingen bis 1878 bankrott. Andere Unternehmen reduzierten die Produktion, Einkommen sanken, Preise fielen (vor allem auch für Agrarprodukte), Arbeiter wurden entlassen. Die Importe aus Europa gingen um 44% zurück, und die Hälfte aller Hochöfen war erloschen. Trotzdem erholte sich die Wirtschaft ab Ende der Siebziger langsam wieder. Auch die Northern Pacific Railroad, die 1876 von Frederic Billings übernommen worden war, kam ab 1880 wieder langsam in Fahrt. Doch das Wachstum stand auf wackeligen Beinen. Immer wieder schockten neue Horrormeldungen die Anleger und verhinderten einen Aufschwung. So auch im Jahr 1893 als der Kollaps des britischen Finanzhauses Baring Brothers, die Wirtschaft erneut tief in die Rezession zurückwarf.

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