Börsen-Crashes und risikoreduziertes Investieren Teil 2: Was sind „große“ Verluste?

Montag, 25.07.22 14:17
Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,

Donnerstag vorangegangener Woche, also am 14. Juli, fand unser letzter Rosenheimer Investorenabend vor der Sommerpause statt. Und wie die Male zuvor, hatten wir auch diesmal eine tolle Stimmung, viele anregende Gespräche und zahlreiche intensive Diskussionen rund ums Thema „Börse“ – kurzum: es hat mal wieder ausgesprochen Spaß gemacht! 

Was mich ebenfalls immer sehr freut, ist das Feedback zu meinen Editorials. Da ich ja nicht für mich selbst, sondern letztendlich für Sie schreibe, sind Ihre Anmerkungen extrem wichtig für mich, damit ich Sie auch zukünftig zielgerichtet mit interessanten Hintergrundinformationen versorgen kann. Mit der mehrteiligen Serie zum Thema „Börsen-Crashes und risikoreduziertes Investieren“ habe ich einen Versuchsballon gestartet, wobei ich mir ehrlich gesagt nicht sicher war, wie ein solches Format bei Ihnen ankommt. Umso mehr haben mich zahlreiche positive Rückmeldungen von Ihnen überzeugt, dass offensichtlich großes Interesse an einer intensiveren Auseinandersetzung mit bestimmten Themen im Rahmen einer mehrteiligen Artikelserie besteht. Grund genug, sich mit Elan auf den zweiten Teil der Reihe zu stürzen. 

Und hier geht’s weiter …



Im ersten Teil der Reihe „Börsen-Crashes und risikoreduziertes Investieren“ ging es um die asymmetrische Wirkung von Gewinnen und Verlusten. Während bei einem Verlust von 10% ein Gewinn von 11% notwendig ist, nur um die Verluste wieder auszugleichen, sind es bei einem Rückgang von 50% bereits 100%. Und richtig interessant wird es bei Kurseinbrüchen von über 50%. So sind bei einem Verlust von 60% Gewinne von 150% für die Amortisation erforderlich und bei einem Drawdown von 70% gar 233%! Hier drängt sich natürlich die naheliegende Frage auf, wie realistisch denn nun Verluste in einem solchen Ausmaß für Aktienanleger sind.

Und was meint der deutsche Aktienindex Dax?



Zur Beantwortung dieser Frage betrachten wir zunächst die historische Kursentwicklung des deutschen Aktienindex Dax seit 31.12.1999. Beim Dax handelt es sich um „das“ Anlagebarometer für den deutschen Aktienmarkt. Da der Stand dieses Aktienindexes börsentäglich im TV und in nahezu allen wichtigen Tageszeitungen kommuniziert wird, sind deutsche Aktienanleger mit dieser Messlatte für den heimischen Markt zumeist bestens vertraut. Und da der Dax auch mithilfe von ETFs (Exchange Traded Funds) einfach erworben werden kann, befindet er sich auch in vielen Depots deutscher Investoren. 



Wie die Abbildung zeigt, hat der Dax während der Technologiekrise (Dotcom-Bubble) zwischen Januar 2000 und März 2003 sage und schreibe knapp 70% an Wert eingebüßt. Wer also Anfang 2000 in den Dax investiert hatte, benötigte anschließend einen Gewinn von circa 233%, nur um diesen Kursrückgang wieder auszugleichen. 

Als die Verluste im April 2007 wieder aufgeholt waren, kam es im Januar 2008 zum nächsten Aktienmarkteinbruch. Die Finanzmarktkrise führte zu einem Börsen-Crash, der einen über 50%igen Kursrückgang beim Dax bewirkte. Im Vergleich hierzu scheinen weitere Rücksetzer im Dax, wie beispielsweise während der China-Krise oder nach dem Corona-Ausbruch mit circa minus 25% noch vergleichsweise harmlos. Auch der Kursrückgang im Dax seit Jahresanfang mit minus 16,4% per 20. Juli 2022 (ausgelöst durch den Ukraine-Konflikt, die hohe Inflation und dem Zinsanstiegsszenario) präsentiert sich im Quervergleich noch als vergleichsweise moderat. Fakt ist, dass historisch im Dax Kursverluste von über 50% bis hin zu 70% durchaus schon zu beobachten waren. 

Ist der Dax ein geeigneter Verlustmesser?



Die gezeigten hohen Rückschläge im Dax haben dazu geführt, dass der Index seit Ende 1999 per 20. Juli 2022 eine Rendite von gerade mal 2,9% p.a. aufweist! Dies ist also die ausgesprochen überschaubare Brutto-Rendite eines Dax-Anlegers über diesen langen Zeitraum. Und hierbei gilt zu berücksichtigen, dass es sich beim Dax um einen sogenannten Performance-Index handelt, bei dem also die Dividendenzahlungen bereits mit eingerechnet sind.

Kritiker mögen zurecht bemängeln, dass es sich beim Dax um einen rein auf Deutschland fokussierten Index handelt, der noch dazu lediglich 40 kapitalgewichtete Titel umfasst (Anmerkung: bis Mitte September 2021 waren es sogar nur 30 Aktien). Von einer international breit diversifizierten Anlage, wie sie Anlegern zumeist empfohlen wird, ist man hier also meilenweit entfernt.

Und was meint der MSCI World zum Thema Aktienmarktverluste?



Im Gegensatz zum Dax handelt es sich beim MSCI World um einen international diversifizierten Aktienindex, der (per 30. Juni 2022) 1513 Titel aus 23 entwickelten Ländern umfasst. In der nachfolgenden Abbildung ist die Wertentwicklung des MSCI World Net Return Index notiert in Euro seit 31.12.1999 dargestellt (Anmerkung: „Net Return“ bedeutet, dass die Dividenden nach Steuerabzug in den Index eingerechnet sind). 



Wie aus der Abbildung ersichtlich ist, sind auch bei diesem – auf den ersten Blick – breit diversifizierten Aktienindex Verluste von über 50% und 60% in der Historie schon aufgetreten. Interessant ist dabei, dass der Verlust aus der Dotcom-Krise von circa 56% noch nicht mal aufgeholt war, bis Anleger mit dem nächsten Kurseinbruch aufgrund der Finanzmarktkrise konfrontiert wurden. Der maximale Drawdown betrug hier dann knapp 62%. Anleger, die also im September 2000 in den MSCI World Index investiert hatten, waren über 13 Jahre ununterbrochen in einer Verlustphase, ehe der Einstandspreis im Januar 2014 dann wieder erreicht wurde. 

Für das für viele überraschend erscheinende hohe Verlustpotenzial des MSCI World Index gibt es auch plausible Erklärungen. Zum einen führt die Kapitalgewichtung im Index dazu, dass einige wenige Titel einen weit überdurchschnittlichen Einfluss auf die Kursentwicklung ausüben. Darüber hinaus zeigt eine Länderbetrachtung, dass knapp 69% des Indexkapitals aus den USA stammen, was eine hohe Länderkonzentration bedeutet. 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass auch beim international diversifizierten MSCI World Aktienindex in der Historie Rückschläge von über 50% und 60% aufgetreten sind, worauf anschließende Gewinne von 100% bzw. 150% zum Verlustausgleich erforderlich waren. Insofern gehe ich nicht d’accord, wenn ETFs auf den MSCI World – wie häufig der Fall – Anlegern als risikoreduzierte Aktienanlage angeboten oder gar verkauft werden. 

Und so geht’s weiter …



In diesem Beitrag wurde also gezeigt, welche bedeutenden Börsen-Crashes seit dem Jahr 2000 aufgetreten sind und mit welchen Aktienmarktverlusten Anleger dabei konfrontiert wurden. Verluste von über 50% waren dabei keine Seltenheit. Der hier gezeigte Dax-Verlust von knapp 70% in der Dotcom-Bubble 2000 bis März 2003 war dabei noch nicht mal das Ende der Fahnenstange. So verlor beispielsweise der Nasdaq 100 in dieser Marktphase in der Spitze gar über 80% an Wert. Und wie in Teil 1 der Reihe „Börsen-Crashes und risikoreduziertes Investieren“ gezeigt wurde, sind in diesen Verlustregionen extrem hohe Gewinne erforderlich, nur um diese großen Rückschläge wieder auszugleichen. 

Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich die nachfolgenden Beiträge mit verschiedenen Methoden, wie sich Verlustrisiken reduzieren lassen. Dabei geht es dann im nächsten Teil 3 um häufig angewandte Verlustreduktionsmethoden, die wir im boerse.de-Weltfonds bewusst nicht einsetzen, wobei ich Ihnen natürlich auch umfassend das „weshalb“ erklären werde.

Wie eingangs erläutert, gehen wir mit den Investorenabenden jetzt in die Sommerpause, um dann ab dem 29. September wieder ausgeruht neu durchzustarten. Sollten Sie Interesse an einer Teilnahme haben, was mich natürlich sehr freuen würde, dann finden Sie bereits auf dieser Internetseite alle Termine fürs zweite Halbjahr. 

Auf bald,
Ihr Hubert Dichtl

P.S.: Alle Kolumnen von Dr. Hubert Dichtl erhalten Sie ganz bequem im Newsletter boerse.de-Aktien-Ausblick, Deutschlands großem Börsen-Newsletter mit mehr als 150.000 Lesern. Hier kostenfrei anfordern…
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